„Die Ära der Expansion ist vorbei“

Kristiaan Borret, Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit



Ein Gespräch mit dem belgischen Stadtbaumeister Kristiaan Borret über „Slow Urbanism“

Wir leben in einer Welt, die sich immer mehr durch Beschleunigung definiert, in Asien entstehen Megacitys scheinbar aus dem Nichts. Wie geht man am besten mit diesem hohen Tempo um?
Unsere Zeit wird von einer Logik des Wachstums dominiert. Dies beobachten wir überall auf der Welt, insbesondere in China. In Europa liegen die Verhältnisse aber anders. Die Ära der Expansion ist vorbei. Wir erleben nun die Periode der urbanen Transformation. Die großen europäischen Städte sind so weit urbanisiert, dass es darum geht, sie den sich stetig wandelnden Verhältnissen anzupassen, ohne dabei ihren Charakter preiszugeben.

Womit lässt sich dies erreichen?
Wir müssen Räume für ein besseres nachbarschaftliches Zusammenleben schaffen. Mehr gemeinsam nutzbare Gartenflächen, Spielplätze und Parks.

Wie setzt ein Stadtbaumeister solche Ideen um?
Wir sollten keine Angst davor haben, Dinge langsamer zu tun. Diese Vorgehensweise galt lange als altmodisch, aber jetzt erleben wir einen Kulturwandel. Stadtplanung dreht sich um Komplexität, nicht um Vereinfachung. Wenn wir etwas aus der historischen Stadtentwicklung in Europa gelernt haben, dann ist es, diese Komplexität als Reichtum zu begreifen. Eine Vielfalt, die es zu bewahren gilt.

Findet hier eine Neuinterpretation von urbaner Entwicklung statt?
Mich hat die Slow-Food-Bewegung inspiriert, die ebenfalls im Nachdenken über andere Formen der gesellschaftlichen Organisation wurzelt. Slow Food bedeutet sich Zeit nehmen, eine nachhaltige Steigerung der Lebensqualität. Mein Ziel war es, diese Ideen auf das Feld der Stadtplanung zu übertragen. Ich nenne das „Slow Urbanism“.

Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen?
In Belgien folgt die urbane Entwicklung seit jeher einem langsamen Rhythmus. Man wohnt im Haus, nicht im Apartment. Der Immobilienmarkt und die Eigentumsverhältnisse sind äußerst kleinteilig strukturiert. Doch wir haben gelernt, diesen „Nachteil“ in einen Vorteil umzuwandeln. Langsamkeit sehen wir nun als Wert, als Geschenk. Bei der Planung und dem Bau eines Viertels versuchen wir, der Umgebung die Zeit zu geben, aus sich heraus zu wachsen. Wir konzentrieren uns zunächst nur auf einen Teil des Gebietes, sodass wir im laufenden Prozess feststellen können, wo noch nachgebessert werden muss oder etwas fehlt. Dies wird in der zweiten Phase ergänzt. Auf diese Weise können wir von unseren eigenen Fehlern lernen. Nur so können echte Nachbarschaften entstehen, kann der Ort eine eigene Geschichte entwickeln und die triste Monotonie, die wir in so vielen Wohngegenden vorfinden, hinter sich lassen. Die Stadt muss weniger als fertiges Produkt, mehr als Organismus gesehen werden.

Wie ließ sich dies in Antwerpen realisieren?
Im Fall des alten Antwerpener Hafenviertels Eilandje entschieden wir gemeinsam mit der Politik, das städtische Bauland Parzelle für Parzelle auf den Markt zu bringen, um es möglichst breit zu streuen und nicht nur an einen oder zwei Großinvestoren zu verkaufen. Wir arbeiteten mit einer Gruppe internationaler und nationaler Architekten zusammen, von denen wir verlangten, sich mit den lokalen Besonderheiten der Stadt Antwerpen und des jeweiligen Viertels auseinanderzusetzen. Beim Eilandje ging es zum Beispiel darum, die besondere Atmosphäre des alten Hafens, der Warenhäuser und Lager zu erhalten. Dazu gehört auch die Verwendung von authentischem Material: keinen Mörtel, sondern Ziegel.

Wo liegt das Potenzial von „Slow Urbanism“ in Städten der Dritten Welt?
Städte wie Kairo oder Lagos mit ihren unglaublichen Wachstumsraten benötigen andere Lösungen. Auch hier ist aber wichtig, eine Mentalität zu entwickeln, welche die Stadt als ein sich permanent wandelndes Wesen begreift. Unsere Vorstellung von „Slow Urbanism“ greift dies auf und verweigert sich der Praxis, ganze Viertel am Reißbrett zu entwerfen. Architektonische Tabula rasa, die den Charakter des Ortes gewaltsam zu verändern sucht, möchten wir unbedingt vermeiden.

 Das Interview führte Jan-Philipp Zychla

 

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