Gärten für alle

Edward Mukiibi, Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit



In Afrika schließen sich Dörfer und Slow-Food-Aktivisten zusammen, um Monokulturen auf den Feldern Einhalt zu gebieten

Slow Food wird meist mit der langsamen italienischen Küche und Gastronomie in Verbindung gebracht. Als Afrikaner, der in verschiedenen afrikanischen Ländern in der Landwirtschaft tätig war, bin ich aber überzeugt, dass die Philosophie des guten, sauberen und fairen Essens für alle helfen kann, die Ernährungsprobleme unseres Kontinents zu lösen.

Gegenwärtig müssen wir leider beobachten, dass an vielen Orten in Afrika die Vielfalt in der Ernährung verloren geht, dass lokale Obst- und Gemüsesorten verschwinden und Monokulturen und industrielle Produktion unsere traditionellen afrikanischen Landwirtschaftsmethoden und kleinbäuerlichen Strukturen untergraben. Gleichzeitig erleben wir aber seit einigen Jahren, dass sich Aktivisten, landwirtschaftliche Produzenten und ländliche Gemeinden in einer Graswurzelbewegung zusammenschließen. Die Ideen von Slow Food dienen ihnen als Inspiration, um den Verlust von biologischer Vielfalt bei unseren Nahrungsmitteln zu verlangsamen, die lokale Gastronomie und Küche zu unterstützen und ihr Recht wahrzunehmen, die Lebensmittel herzustellen, die Teil unsere verschiedenen afrikanischen Kulturen, Traditionen, Ökosysteme und Normen sind.

Das afrikanische Slow-Food-Netzwerk umfasst mittlerweile über 50.000 Landwirte, Agrarwissenschaftler, Studierende und Lehrkräfte in dreißig Ländern. Eines der wichtigsten Projekte, mit denen das Netzwerk ländliche Gemeinden unterstützt, ist das „10.000 Gardens in Afrika“-Projekt. Jede Dorfgemeinde oder Schule, die an dem Projekt teilnehmen möchte, legt einen Garten an, in dem gemeinschaftlich angebaut und geerntet wird. Die Gärten bringen Leute mit verschiedenen Talenten zusammen und vereinen unterschiedliche Generationen und soziale Schichten, lokale Beamte oder Nichtregierungsorganisationen. Während der Erntezeit treffen sich Frauen, Männer und Kinder und teilen die Früchte der Gärten, indem sie ein gemeinsames Essen für die Gemeinde zubereiten. Das bringt vor allem auch den Kindern den Wert lokaler und traditioneller Lebensmittel näher.

Bevor ein Garten angelegt wird, ist es wichtig, sich mit dem Terrain, lokalen Anbausorten und umliegenden Wasserquellen vertraut zu machen. Der Garten muss seiner Umgebung angepasst werden und für den Bau von Zäunen, Komposttonnen und Gewächshäusern sollten lokale Materialien benutzt werden. Die Gärten brauchen nicht viel Platz und oft kann der verfügbare Raum kreativ genutzt werden, sei es auf dem Dach oder am Rand eines Gehwegs.

Bis heute wurde mehr als 1.400 Gärten in 25 Ländern angelegt. „Es ist fantastisch zu sehen, wie lokale Gemüsesorten wie Bor (Straucherbse) und Doodo (Grünährigen Amaranth) nach 25 Jahren des Krieges und des zerstörten Nahrungsmittelsektors in Uganda in unsere Gärten zurückkehren“, erklärt Ojok Lapok, der für die Gärten von Patongo in Norduganda verantwortlich ist. Uganda ist ein Land, das bis vor Kurzem nur für den Anbau von Mais und Reis bekannt war. Durch die Aussaat von längst in Vergessenheit geratenen Nutzpflanzen wie Mbooli (Süßkartoffel) und Mpindi (Augenbohnen) wurde eine neue Vielfalt in die Gärten gebracht. Diese fördert die wirtschaftliche Autonomie der Region.

In Ländern wie Malawi tragen die Gärten dazu bei, das „Mais-Syndrom“ – so nennt man die kurzen Hungerphasen, die oft während der Wachstumsperiode des Maises herrschen – zu bekämpfen. „Die Schul- und Gemeindegärten versorgen Familien in der Zeit vor der Maisernte mit Gemüse“, erklärt Manvester Khoza, der die Gärten in Muzuzu, Malawi, verwaltet.

Eine sichere und nachhaltige Nahrungsmittelproduktion für die wachsende Bevölkerung Afrikas können wir nur garantieren, wenn wir die Anbausorten weiter diversifizieren und die Landrechte von Kleinbauern schützen, die sich am stärksten für den Erhalt der Biodiversität einsetzen. Die Zukunft des afrikanischen Nahrungsmittelsektors liegt darin, die reiche Biodiversität des Kontinents zu erhalten und die Produktionsbedingungen für kleinbäuerliche Betriebe zu verbessern. Alle Afrikaner verdienen gutes, sauberes und faires Essen.

 

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