Bitte Trödeln!

Carl Honoré, Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit



Kinder brauchen Zeit – dafür müssen Eltern lernen, sich zu entspannen

Alles fing auf einem Elternabend in der zweiten Klasse an. „Ihr Sohn ist wirklich etwas Besonderes“,  schwärmte der Kunstlehrer, „ein talentierter junger Künstler.“ Und da war es, dieses Wort, das Musik in den Ohren von Eltern ist: „Talent“. Noch in der gleichen Nacht begann ich nach einem Kunstpädagogen zu suchen, der die „Begabung“ meines Sohnes fördern würde. Ich träumte davon, den nächsten Picasso großzuziehen, bis mein Siebenjähriger mich unsanft weckte: „Papa, ich will keinen Kunstpädagogen“, sagte er am nächsten Morgen, „ich will einfach nur malen. Warum müssen Erwachsene immer gleich alles so wichtig nehmen?“ Seine Frage traf  mich, denn er hatte recht: Ich nahm es zu ernst und damit war ich nicht allein. In unserer Zeit ist die Mittelschichts-Kindererziehung zu einem Gemisch aus Wettkampfsport und Produktentwicklung geworden. Unsere Kultur der hochtrabenden Erwartungen drängt uns, unsere Kinder mit übermenschlichem Eifer anzutreiben, herauszuputzen und zu beschützen: „Baby Einstein“-DVDs, mandarinsprechende Kindermädchen und Wochenpläne voller Ballettstunden, Fußball, Theater, Nachhilfe, Tennis, Hockey, Klavier und Judo.

Natürlich tut es Kindern gut, sich auszuprobieren und zu messen. Doch wenn die Kindheit zu einem Wettstreit in Perfektion wird, zahlt jeder seinen Preis. Die Kinder leiden unter Sportverletzungen, Adipositas, Depressionen, Ängsten, Erschöpfung, selbstverletzendem Verhalten und Essstörungen. Die Eltern brennen bei dem Versuch aus, ihre Erwerbstätigkeit mit den himmelhohen Ansprüchen moderner Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Zum Glück gibt es inzwischen Gleichgesinnte, die den Druck herausnehmen wollen. Diese Bewegung heißt „Slow Parenting“. „Slow“ bedeutet, den Kindern Zeit und Raum zu geben, die Welt in ihrem eigenen Tempo zu erkunden, zu spielen, ohne dass Eltern sich einmischen, ja sogar Langeweile zu erleben. Denn so lernen Kinder zu denken, zu schaffen, sich zu sozialisieren und Gefallen an den Dingen zu finden. So finden sie heraus, wer sie sind. Das „Slow Parenting“ stellt mit seiner Begrenzung von Aktivitäten und Bildschirmzeiten sicher, dass Familien genug Zeit miteinander verbringen und Dinge tun, die immens wertvoll sind: sich zu unterhalten, gemeinsam zu kochen und zu essen, Spiele zu spielen, Ausflüge zu unternehmen, vorzulesen oder einfach nur auf dem Sofa zu kuscheln. Ziel ist es, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den Freiheiten, die eine Kindheit vor diesem 21. Jahrhundert ausmachten, und dem, was die moderne Welt an Struktur und Technologie im Angebot hat.

Ein Einstellungswechsel zeichnet sich ab. In vielen Städten Nordamerikas gewährt man den Kindern an bestimmten Tagen eine Verschnaufpause, an denen weder Hausaufgaben erteilt werden noch außerunterrichtliche Aktivitäten stattfinden. Sportvereine verbannen überehrgeizige Eltern von den Seitenlinien und verlagern ihren Schwerpunkt vom Gewinnen um jeden Preis auf das Erlernen von Regeln und dem Spaß am Spiel. Familien und Gemeinden rufen bildschirmfreie Tage aus, um die Kinder für ein Spielen in der Natur zu gewinnen. Sogar Eliteuniversitäten schlagen inzwischen ähnliche Töne an. Die Universität Harvard sand einen Brief an ihre Studenten, in dem sie sie ermahnte, Zeit für das Ausruhen, Tagträumen und Herumhängen mit Freunden zu reservieren. Der Brief war überschrieben mit: „Slow Down!“

Natürlich ist „Slow Parenting“ nicht möglich, wenn man selbst im Fast-Forward-Modus feststeckt. Ein Kind aufzuziehen, das gesund, glücklich, ruhig und nachdenklich ist und im Hier und Jetzt lebt, erfordert, selbst so zu sein. Man muss sein eigenes Leben jenseits der Kindererziehung ebenfalls verlangsamen.

Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Ich habe es getan und bin ein „langsamer Vater“ geworden: Als die Schule meines Sohnes kürzlich einen Zeichenkurs anbot, blieb ich ganz ruhig, nahm mich zurück und überließ es meinem Sohn selbst, ob er daran teilnehmen wollte. Ich habe verstanden, dass es seine Entscheidung ist, nicht meine. Hoffen wir, dass ich mich daran erinnere, wenn die Zeit gekommen ist, seine erste Ausstellung in der Tate Gallery zu organisieren!

Aus dem Englischen von Karola Klatt

 

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