Der digitale Todestrieb

Kenneth Goldsmith, Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit



Alle halten das Internet für unglaublich dynamisch. Dabei bedeutet es Stillstand 

Je schneller alles geht, desto langsamer wird es letztlich. Im Auge des Beschleunigungssturms liegen riesige Steppen aus gefrorenen Daten: das Archiv. Im Herzen des Dynamismus herrscht Grabesstille, haust ein gut vernetzter digitaler Todestrieb. Aber das Archiv ist keineswegs stabil. In Wahrheit taumelt es beständig auf den Untergang zu.

Das Schreiben auf einer elektronischen Plattform gleicht einem Tanz zwischen Leben und Tod. Digitales Schreiben (aktiv/Leben) ist zugleich auch eine Archivierung (passiv/Tod). Jedes Mal, wenn wir ein Dokument speichern (Aufbewahrung), wird ein geisterhaftes Doppel dieses Dokuments in einen Cache verschoben (Archiv/Grab) und kann wieder zum Leben erweckt werden. Wenn Ihr Computer abstürzt (Tod) und Sie Word neu starten (Leben), wird diese Zombie-Datei als vollwertiges, dynamisches Dokument wiedergeboren. Sofern Sie daran weiterarbeiten, setzt es seine Lebensreise als Doppelgänger fort – als Gestalt und als Schatten. Das Netz ahmt das heimische Ökosystem nach. Wenn wir das besagte Dokument mailen, wird eine dynamische Kopie elektronisch an den Empfänger versendet, der sie lesen, teilen, verändern kann, während der Geist in den „Verschickt“-Ordner verbannt wird, wo er begraben und vergessen ist. Diese Szene wiederholt sich jedes Mal, wenn ein anderer Computer die Netzdatei erhält: Sobald man sie öffnet, beginnt der Kreislauf von Neuem. Wer Spams an eine Mailing-Liste schickt, entfesselt in Sekunden eine unübersehbare Anzahl von Lebenden und Toten.

Auch das Lesen auf einer digitalen Plattform ist ein Vorgang der Archivierung. E-Book-Reader sind lernfähige Lesegeräte. Jedes Mal, wenn ich eine Seite „umblättere“, wird dieses „Umblättern“ registriert und in einer Datenbank eingefroren, doch nicht etwa für eine literarisch interessierte Nachwelt, sondern als Futter für Marketingstrategen. Der Geist meiner Leseerfahrung reist als Zombie weiter, wie eine Art Mutant, der jeder gezielten Datennutzung erliegt, die auf ihn lauert. Aber ein menschlicher Leser kann nicht mit den Legionen von Webcrawlern konkurrieren, die stumm das Web durchforschen, ohne es je zu verstehen; für sie, die gierigsten Leser der Weltgeschichte, ist Lesen buchstäblich gleichbedeutend mit Archivierung: Lesen als Todestrieb. Die Webcrawler sind selbst Zombies, ein Roboter-Todeskult, dem das Netz als Lebenselixier dient und dessen grabähnliche Endlagerstätte das Archiv ist.

Unsere Verwendung von Sprache hat also eine unübersehbare Zahl von Archiv-Totenstädten erzeugt. Und da wir inzwischen zur Cloud weitergezogen sind, vermüllen die einst so dynamischen Festplatten unsere Arbeitsplätze wie überflüssige, von Informationen verätzte Plastikgrabsteine. Aber die Cloud ist auch nicht besser, denn die Cloud ist keineswegs eine Wolke, sondern besteht aus Serverfarmen voller Festplatten. Die Cloud selbst ist von toten Websites übersät, längst vergessenen Aufrufen zu akademischen Konferenzen und Hochzeitsfeiern mittlerweile getrennter Paare, ungeliebt und ungepflegt, die nur hin und wieder von einem versprengten Webcrawler besucht werden, der die toten Daten aus den Leichen saugt und sie in entlegene Archive sperrt.

Wir vollführen atemlos keuchend unsere digitalen Rituale, wobei wir bewusst ignorieren, dass das Status-Update von heute der digitale Kompost von morgen ist. Wir geben uns der Illusion hin, dass das Leben sich beschleunigt, dabei hat es in Wirklichkeit einen Punkt der Stockung, des Stillstands erreicht. Laut Paul Virilio besteht „definitiv eine Beziehung zwischen Reglosigkeit und absoluter Geschwindigkeit, die auf jenem Stillstand beruht, der aus absoluter Geschwindigkeit resultiert. Absoluter Stillstand führt – potenziell – zu absolutem Stillstand“. Wenn Informationen mit Lichtgeschwindigkeit transportiert werden, wie das in unseren Glasfasernetzen geschieht, ist der Akzelerationismus gegen sein eigenes Tempolimit geprallt und hat somit aufgehört, akzelerationistisch zu sein. Er ist statisch geworden und steht damit für das Ende der ewig fortdauernden technologischen Beschleunigung.

Aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

 

 

 

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