Mundtot gemacht

Giuliana Sgrena, Ausgabe I/2015, High. Ein Heft über Eliten



In Italien haben Intellektuelle nichts mehr zu sagen

In Zeiten, in denen Kommunikation auf einen Tweet verkürzt ist und ein Konzept in 140 Anschläge passen muss, wird die Komplexität von Politik und Gesellschaft vereinfacht, wenn nicht banalisiert. Italienische Regierungskreise machen sich das zunutze.Die regierende Elite – erst unter Silvio Berlusconi, jetzt unter Matteo Renzi – hat die Politik auf Slogans und Schwarz-Weiß-Gegensätze verkürzt: Wer mir zustimmt, ist modern, wer das nicht tut, ist konservativ. Der Alleinregierende lässt keine Zweifel zu. Und die Intellektuellen, die sich zu Zweifel und Komplexität bekennen, werden unter dem Beifall der Verfechter der sogenannten Modernen öffentlich vom „leader“ beschimpft. All jene, die Zweifel erheben, sind gestrig, also abzuwracken.

Die intellektuelle Elite ist in Italien heute außen vor und isoliert. Sie hat die Rolle verloren, die sie in der Geschichte und in der Politik von der Antike bis zur Aufklärung immer innehatte. Die Intellektuellen haben Geschichte geschrieben und sind Träger des Wissens. Doch heute, in einer immer mehr verhackstückten und simplifizierten Gegenwart, nutzt ihre übergreifende Betrachtungsweise nichts mehr.

Intellektuelle verlieren an Zustimmung, und statt zu reagieren, ziehen sie sich in ein selbstbezogenes Umfeld zurück. Sie scheinen die Herausforderung der Komplexität aufgegeben zu haben. Da die Kultur keine öffentlichen Gelder mehr erhält, sind sie zum Kampf ums eigene Überleben gezwungen. Kultur gilt nicht mehr als große Ressource, im Gegenteil: „Kultur kann man nicht essen“, sagte der ehemalige Minister Giulio Tremonti.

Die Kommunikation über Twitter, Facebook und SMS führt zu einer Entalphabetisierung. Das Bekenntnis zur Simplifizierung ist aber nicht nur ein politisches. Medien und Journalisten haben sich mehrheitlich dieser Sicht angepasst und geben den Intellektuellen selten Raum. Die Pressekrise hat ihr Übriges getan und in den Zeitungen zum Abwracken der großen Namen geführt. Einige Zeitungen büßen für die Krise und machen dicht. Das Fernsehen ist, mit wenigen Ausnahmen, der Macht noch höriger. Heute spricht man in Italien immer häufiger besorgt von „Regimepresse“. Vielleicht ist das ein Versuch, eine Gefahr zu vertreiben, die uns in unserer Vorstellungswelt in die Vergangenheit zurückführt statt in die von unseren Regierenden gepriesene Zukunft.

Einige Intellektuelle, die die Öffentlichkeit alarmieren, halten noch stand und bewahren sich Plätze in den Zeitungen. Doch sie beschränken sich eher darauf, Zeugnis von sich selbst abzulegen, statt Zeugen der Geschichte zu sein. Im Augenblick ist es schwierig, sich eine Umkehr dieser Tendenz vorzustellen.

Dieselbe vereinfachte Sicht nimmt die europäische Wirtschaftspolitik ein: Die strenge Sparpolitik lässt die Komplexität außer Acht, welche die Regierung eines Kontinents leiten sollte. Eine Europäische Union, die sich allein um ausgeglichene Haushalte sorgt, kann nicht die Komplexität der Gesellschaften verschiedener Mitgliedsländer erfassen. Die Auswirkungen dieser Verbissenheit sind bereits durch die Verbreitung nationalistischer und neonazistischer Bewegungen in Europa augenfällig. Sie verbinden die Vereinfachung mit autoritärem Gebaren, Fanatismus und Gewalt.

Wir können uns nur befreien, wenn wir diese Tendenz umkehren, wenn wir die Intellektuellen wieder aufwerten. Das könnte uns helfen, nicht nur unsere Gegenwart zu verstehen, sondern auch die der Welt, welche uns mit Phänomenen umgibt, die uns zu überrollen drohen.

Aus dem Italienischen von Mirjam Bittner

 

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