„Lesen ist nicht so wichtig“

Teju Cole, Ausgabe I/2015, High. Ein Heft über Eliten



Von Autoren wird oft erwartet, dass sie die Welt verbessern. Eine Geisteselite sind sie deswegen nicht. Ein Gespräch mit Teju Cole

Klingt das Wort „Elite“ für Sie positiv?

Natürlich verbinden die meisten eher etwas Negatives damit.

Gleichzeitig gehören Sie selbst zu einer akademischen und einer Schriftstellerelite, zu der sich viele Autoren gerne zählen würden.

Ich sehe mich nicht als Teil einer Elite. Schriftsteller ist eben mein Beruf, und ich hatte Glück damit. Ich bin nicht als Autor auf die Welt gekommen, bin in keine Elite hineingeboren, in keiner besonders wohlhabenden Familie aufgewachsen und habe keine herausragende Schule besucht. Man kann das Ganze aus einer anderen Perspektive betrachten. Ich denke an die aktuelle Wirtschaftslage und die Kluft zwischen Wohlstand und Einkommen, also die Vermögensungleichheit. Diese Einkommensverteilung ist vermutlich genauso schwerwiegend wie der Klimawandel. Wenn Menschen in ihrem speziellen Gebiet hohe Leistungen erbringen, ist das generell eine gute Sache. Aber es ist nicht tragbar, dass sich bestimmte Leute ein fünfzig Millionen Dollar teures Apartment in London leisten können, während viele nicht einmal sauberes Wasser zu trinken haben. Es gibt immer mehr Superreiche, während gleichzeitig dreieinhalb Milliarden Menschen in großer Armut leben.

Würden Sie sagen, die intellektuellen Eliten haben eine besondere Verantwortung, diese Missstände zu bekämpfen?

Ich denke, dass jeder Einzelne Verantwortung in seinem Einflussbereich hat. Es ist nicht wichtig, wie groß dein Publikum ist, sondern, was du ihm gibst. Ich glaube nicht, dass Schriftsteller die Verantwortung haben, die Welt zu verändern. Wenn man ein großes Publikum hat, hat man vor diesem dieselbe Verantwortung wie andere vor einem kleinen. Gerade im geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Bereich kursiert viel Mist, der als intellektuell durchgeht. Und die größten Denker dieser Welt haben nicht unbedingt die größte Leserschaft. Manche Menschen mit einem sehr großen Publikum sind eigentlich sehr einfältig. Ich habe keine Ahnung, wie genau eine intellektuelle Elite definiert werden könnte. Sind es diejenigen, die es wirklich verdienen, oder Menschen, die als solche deklariert werden? So etwas ist schwer messbar.

Wie wichtig ist Intellekt überhaupt?

Neulich wurde ich gefragt, ob ich ein Buch empfehlen könnte, das man unbedingt gelesen haben muss. Ich antwortete, dass ich Lesen für nicht so bedeutend halte. Etwas Schönes für jemanden zu kochen oder einen Freund zu besuchen, der weit entfernt wohnt, ist viel wichtiger. Diese Momente werden dein Leben viel mehr beeinflussen als ein Buch. Alle denken: „Oh, Literatur ist so wichtig und Schriftsteller sind so gebildet“, dabei haben sie Lebenskrisen wie andere Menschen auch.

Sie arbeiten zurzeit an Ihrem neuen Buch, das in Lagos spielt. Wenn Sie Nigeria und die USA vergleichen, gibt es Unterschiede im Verhalten der Oberschicht oder sind letztendlich alle gleich?

Natürlich gibt es Unterschiede und Ähnlichkeiten. Alle mögen prunkvolle Häuser mit schicker Ausstattung und lieben die gleichen teuren Autos. Allerdings wirkt ein Porsche in Nigeria ganz schön komisch, weil das Umfeld relativ arm ist. Es ist nicht schwer, sich in Nigeria wohlhabend zu fühlen, jedoch hat man auch eine gewisse Verantwortung den armen Menschen um sich herum gegenüber. Ich denke, es gibt schon so etwas wie eine elitäre Verantwortung. Die Schweiz ist kein reiches Land, weil die Menschen dort besonders fleißig sind, sondern weil wohlhabende Nigerianer ihr Geld dort deponieren. Die Hälfte des Geldes kommt von außerhalb. Auch der Wohlstand Deutschlands und der USA kommt hauptsächlich von internationalen Geschäften und einer Handelspolitik zugunsten Europas und Nord­amerikas. Die Welt ist ein großes System, und wenn du reich bist, hast du von diesem System profitiert, das genauso aber auch Einfluss auf die Armen hat. Man kann nicht sagen: „Ich bin aber meinen eigenen Weg gegangen und mein Wohlstand hat nichts mit den armen Menschen in Bangladesch zu tun.“ Denn die T-Shirts von H&M wurden nicht von Menschen in Schweden hergestellt, die 25 US-Dollar die Stunde verdienen und eine Krankenversicherung haben.

Das Interview führte Jenny Friedrich-Freksa

 

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