Die vielen Kopien Manhattans

Robert Adam, Ausgabe I/2015, High. Ein Heft über Eliten



In vielen Metropolen haben Bauten vom Reißbrett das traditionelle Stadtbild abgelöst. Im Wettbewerb um Tourismus und Wirtschaftswachstum wird immer öfter auf Star-Architekten aus dem Westen gesetzt

Reisende gewinnen oft den Eindruck, dass sich die großen Städte weltweit immer ähnlicher sehen. Während diese Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem in den Industrieländern zu beobachten war, hat sie seit Anfang der 1990er-Jahre auch Länder wie Russland, Indien und China erfasst. Das ist kein Zufall. Vielmehr fällt das Phänomen mit dem Eintritt dieser Länder in die weltweite freie Marktwirtschaft zusammen. Die Diskussion rund um architektonische Trends beschränkt sich meist auf technologische, ästhetische und philosophische Fragen. Doch die Vergabe von groß angelegten urbanen Bauprojekten lässt sich oft weniger durch technische und philosophische Diskussionen in der Branche erklären, vielmehr wird sie von politischen und wirtschaftlichen Interessen und dem sozialen Wandel geleitet.
So trug die von 1990 bis 1992 andauernde Wirtschaftskrise nicht nur zum Niedergang der Sowjetunion bei, sondern auch zur Diskreditierung der Bautrends der Boomjahre. Die Postmoderne, der vorherrschende architektonische Stil jener Zeit, mit seiner ironisch-antimodernen Verwendung klassischer Merkmale, wurde stigmatisiert. Es kam zu einer Rückbesinnung auf die Moderne, die lange die Grundlagen der Architektenausbildung geliefert hatte.
Gleichzeitig entwickelte die Architektur der Globalisierung ihre eigenen Charakteristika. Sie wurde für die Städte zu einem Werbemittel: Wegweisend war hierbei Bilbao im spanischen Baskenland. Damals ein im Niedergang befindlicher Industriehafen, gleichzeitig aber auch die Hauptstadt einer Region, die großzügig mit Fördermitteln der Europäischen Union ausgestattet wurde, suchte Bilbao nach weiteren Anreizen zur Wirtschaftsförderung. Da kam es sehr gelegen, dass die amerikanische Guggenheim-Stiftung zur selben Zeit einen Ableger in Europa plante und Bilbao als Standort auserkor. So erhielt der amerikanische Architekt Frank Gehry 1992 den Auftrag, das neue Guggenheim-Museum zu entwerfen.
Der Bau wurde 1997 fertiggestellt und im Jahr darauf veröffentlichte die Stadt Bilbao ihre Bilanz zum sogenannten „Bilbao-Effekt“. Nach ihrer Schätzung hatte die wirtschaftliche Erneuerung der Stadt das Bruttoinlandsprodukt um 150 Millionen Euro und das Steueraufkommen um 27 Millionen Euro vermehrt. Das Guggenheim-Museum war zwar nur ein Teil eines umfassenden Erneuerungsprogramms gewesen, aber seine außergewöhnliche Form machte das Gebäude zum Flaggschiff der Umgestaltung einer wenig bekannten Stadt und zu einem bedeutenden Zentrum für Tourismus und Handel. Das hatte Signalwirkung: In den Folgejahren gab eine Stadt nach der anderen im Bestreben, eine eigene, hoffnungsvolle Version des Bilbao-Effekts hervorzubringen, spektakuläre Kulturbauten in Auftrag.
So rückten zwei architektonische Erscheinungen in den Vordergrund, die für die heutige Zeit charakteristisch sind: die Architektur-Ikone und der Star-Architekt. Bauwerke, die zur Ikone werden, und Architekten von internationalem Ruf gab es natürlich immer. Neu war allerdings, dass nun eine fest umrissene Gruppe von Architekten in Erscheinung trat, die weltweit an der Erschaffung von Bauwerken arbeitete, die bereits vor ihrem Bau zur Ikone bestimmt wurden.
Es gibt zwar keine allgemein anerkannte Liste von Star-Architekten, aber bestimmte Namen tauchen immer wieder auf: Peter Eisenman, Daniel Libeskind, Zaha Hadid, Jean Nouvel, Rem Koolhaas, Norman Foster, Santiago Calatrava und Renzo Piano. Ein großer Teil ihrer Werke hat mit dem strengen Funktionalismus der Pioniere der Moderne, auf die sie sich berufen, nur wenig zu tun. Die charakteristische Eigenart ihrer Gebäude – geprägt von ungewöhnlichen und ausdrucksstarken Formen – erfüllen nur noch selten den Zweck, sich möglichst subtil in das Stadtbild einzureihen oder sich gewissen lokalen Gegebenheiten, zum Beispiel dem vorherrschenden Klima, anzupassen. Vielmehr sollen die Großprojekte primär das Profil der Städte schärfen, die solche Arbeiten in Auftrag geben.
Beschränkte sich dieses Phänomen früher noch auf die „westliche Welt“, so sind die Werke der Star-Architekten längst nicht mehr nur in Amerika und Europa zu Hause. Als die Schwellenländer sich den etablierten Geschäftspraktiken ihrer westlichen Partner öffneten, versuchten sie auch, die dazu passende architektonische Symbolik nachzuempfinden. Sie kopierten die Alltagsarchitektur der Geschäftsgebäude in den Industrieländern und übernahmen die – von allen äußerlichen Merkmalen befreite und vor allem mit Glas verkleidete – Baunorm. Ansammlungen von Hochhaustürmen im Stile Downtown Manhattans prägen jetzt das Bild, dem es nachzueifern gilt. Der Büroturm mit Glasfassade ist längst zum Coca-Cola der Architektur, zu einem immer wieder nachgebauten Muster geworden. Chinesische Großstädte setzen bei Bauprojekten auf einen bestimmten Anteil westlicher Architekten, um sicherzustellen, dass das Gesamtbild stimmt. Beim Bau des zentralen Pekinger Geschäftsviertels gab es sogar eine Zielgröße für Bürotürme, die (möglicherweise zufällig) der Zahl von Gebäuden dieser Art in Lower Manhattan entsprach. Die Industrie­länder wiederum, in denen diese Art von Architektur ihren Ursprung hat, machen weiter wie bisher, angespornt vom Starruhm, den sich ihre Architekten in den Schwellenländern erworben haben. Stadtzentren weltweit unterscheiden sich so mittlerweile nur noch durch die Mischung der überall gleichen Grundbestandteile. Das Leben auf der Straße mag seinen nationalen und örtlichen Charakter bewahrt haben, doch der Anblick der Skylines selbst offenbart inzwischen eine anonyme Einstimmigkeit: verglaste Bürotürme und mittendrin das ein oder andere Prestigeprojekt à la Bilbao. Schlimmer kommt es nur dort, wo die Transformation zur homogenen, modernen Stadt sich noch nicht gänzlich vollzogen hat und ikonische Bauwerke neben traditioneller Architektur komplett aus der Reihe fallen.
Den Architekten sind die negativen Aspekte dieser Entwicklung nicht verborgen geblieben und es gibt durchaus Versuche, neue Gebäude in der örtlichen (Bau-)Geschichte zu verankern; aber die wenigen Praktiker, die es wagen, Bezüge zur lokalen Identität herzustellen, werden von ihren Berufskollegen nicht beachtet. Der Glaube an die historische Unvermeidlichkeit der radikalen architektonischen Moderne hat weiterhin Hochkonjunktur.
Seit der 2008 einsetzenden Finanzmarktkrise in den westlichen Industrieländern hat sich jedoch etwas getan. Die enormen Kosten für Architektur-Ikonen, das Scheitern einiger der mit ihnen verbundenen neuartigen Konstruktionstechniken und die Schließung einiger weniger erfolgreicher Großbauwerke haben Zweifel an den Star-Architekten und der Zweckmäßigkeit ihrer ikonischen Bauwerke aufkommen lassen.
So änderte das außergewöhnliche Design des Museums Experience Music Project von Frank Gehry in Seattle nichts an den erschreckend niedrigen Besucherzahlen: Einige Teile des Gebäudes mussten gar an ein Science-Fiction-Museum untervermietet werden. Und in Valencia wurde vor Kurzem spruchreif, dass der namhafte Architekt Santiago Calavatra auf Schadenersatz verklagt werden soll, nachdem sein letztes Großprojekt, der millionenschwere Königin Sofia Palast der Künste, wegen Konstruktions- und Sicherheitsmängeln kurzfristig wieder geschlossen werden musste.
Doch architektonische Moden wechseln nur langsam und die meis­ten Star-Architekten werden weiter nachgefragt, besonders in weniger feinfühligen, vom Staatsapparat gelenkten kapitalistischen Ländern. Zaha Hadid arbeitet zurzeit am Design des Sleuk Rith Instituts in Phnom Penh und Daniel Libeskinds Zhang Zhidong And Modern Industrial Museum in der chinesischen Stadt Wuhan ist bereits im Bau. Es bleibt abzuwarten, ob die Nachfrage nach großen Namen auch in diesen Ländern abflacht, sobald ihre überkomplexen Bauwerke beginnen, erste Konstruktionsmängel aufzuweisen. So geschieht es bereits in der chinesischen Metropole Guangzhou, in der Zaha Hadids brandneues und sündhaft teures Opernhaus unter den klimatischen Bedingungen förmlich auseinanderfällt.
Während sich die Weltwirtschaft langsam von der Finanzkrise erholt, bleibt es nun abzuwarten, ob sich auch die neuen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Trends in der Architektur niederschlagen und Ausdruck in weniger homogenen Stadtbildern, vielleicht sogar einer genuin ortstypischen Architektur finden werden.

Aus dem Englischen von Werner Roller

 

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