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Kai Schnier, Ausgabe III/2013, Innenleben. Ein Heft über Gefühle



In Bosnien hat sich ein Künstlernetzwerk gegen Museumsschließungen und mangelnde Unterstützung der Kultur formiert

Grau, verlassen und leblos wirkt das Historische Museum in Sarajevo. Die Fassade des modernistischen Betonwürfels am Stadtrand ist von Einschusslöchern gezeichnet, die Stufen zum Haupteingang bröckeln. Auch das Innere wirkt wenig einladend. In der ersten Etage regnet es durch das Dach. Fragt man die bosnische Architektin und Künstlerin Azra Aksamija nach dem Zustand der Kulturins­titutionen, dann formuliert sie es drastisch: „Die bosnische Staatskultur, die Museen, die Bibliotheken und Archive, die das kulturelle Gedächtnis des Landes tragen, krepieren.“ Aksamija ist Gründerin der Onlineplattform Cultureshutdown.net, einer Initiative, die seit 2011 versucht, auf den rapiden Verfall des bosnischen Kultursektors aufmerksam zu machen. Anfangs trommelte sie ein paar Kollegen und Bekannte zusammen, investierte Geld aus ihren Kunstprojekten in den Aufbau einer eigenen Website und füllte sie mit selbst geschriebenen Texten. Mittlerweile tauschen sich auf Cultureshutdown.net bosnische Künstler, Journalisten und Akademiker aus und suchen nach Lösungen. Was kann man tun, um die Abwärtsspirale zu stoppen? In Interviews mit Politikern und Museumsverantwortlichen suchen die Unterstützer der Onlineplattform nach Antworten. Das erschreckende Ergebnis: Die meisten bosnischen Kulturinstitutionen befinden sich seit Ende des Bosnienkriegs in einem legalen Vakuum. „Die Einrichtungen, die es bereits zur Zeit Jugoslawiens gab, waren regionale Institutionen. Mit der Unabhängigkeit hätten sie in die Hände des bosnischen Staates gelegt werden sollen“, erklärt Aksamija.

Doch das passierte nie. Der Dayton-Vertrag, dessen Unterzeichnung 1995 das Ende des Bosnienkrieges besiegelte, regelte den Status der Museen, Archive und Galerien nicht. So kam es zu dem skurrilen Überlebenskampf, den die bosnischen Kultureinrichtungen bis heute führen. Weil sie seit zwei Jahrzehnten keinen Anspruch auf staatliche Förderung haben, werden die meisten Ausstellungen von Privatspendern finanziert. Deshalb können es sich die meisten Institutionen nicht leisten, die ganze Woche über zu öffnen. Als das Nationalmuseum in Sarajevo im Oktober vergangenen Jahres schließen musste, waren die Angestellten knappe zwölf Monate nicht mehr bezahlt worden. Zwar habe das Museum zwei Weltkriege und den Bosnienkrieg überlebt, stellte die stellvertretende Direktorin Marica Filipovic damals zynisch fest, den Frieden werde es allerdings nicht überstehen.

Doch die vernagelten Pforten des Nationalmuseums waren nur der Anfang. Sechs weitere Institutionen in Sarajevo stehen vor dem Aus. Die bedeutendsten sind die Nationalbibliothek, die nationale Kunstgalerie und das Museum für Literatur und Theater. Um weitere Schließungen zu vermeiden, sucht Azra Aksamija rund um den Globus nach Unterstützern. Mehr als 270 Kunstvereine und Museen beteiligten sich Anfang März an einem Solidaritätstag und überklebten jeweils eines ihrer Ausstellungsstücke mit Klebeband. Man wolle damit die Kulturkrise in Bosnien für die Besucher greifbar machen, so Aksamija.

Ob Aktionen wie diese ausreichen, um den Verfall der bosnischen Kultur zu stoppen, bleibt abzuwarten. Bosnische Politiker zeigen in Zeiten der Finanzkrise nach wie vor wenig Problembewusstsein. Anfang des Jahres kürzte das Kanton Sarajevo, das in der Vergangenheit wenigstens kleinere Beträge an lokale Museen ausschüttete, sein Kulturbudget um die Hälfte. Anstrengungen auf nationaler Ebene existieren nicht. Der bosnische Staat unterhält kein Kulturministerium und das Ministerium für zivile Angelegenheiten bringt lediglich eine Summe von einer Million Euro für den Kultursektor auf. Hinzu kommt, dass sich Bosnier und Serben bei den Budgetverhandlungen regelmäßig gegenseitig blockieren.

„Ich weiß gar nicht, was ich den Touristen in Sarajevo außer Ruinen noch zeigen kann“, sagt der Stadtführer Ervin Tokic. Er weiß, dass viele Leute daran interessiert sind, mehr über Bosnien zu erfahren, über die Sarajevo Haggadah zum Beispiel – jenes 600 Jahre alte jüdische Manuskript, das über Umwege in die bosnische Hauptstadt fand. Doch die Haggadah liegt hinter vernagelten Türen im Nationalmuseum. Ervin Tokic traut der Politik nicht zu, die Krise zu bewältigen. Korrupt seien die meisten bosnischen Amtsträger und ohnehin völlig abgekapselt von der Realität. „Bis letztes Jahr haben einige Politiker versucht, Sarajevo als Europäische Kulturhauptstadt 2014 durchzusetzen“, sagt er und lacht ein Lachen, das verzweifelt klingt.

 

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