Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit



In der betriebsamen Hektik der Heftproduktion versuche ich, diese Zeilen über das Thema dieser Ausgabe – Langsamkeit – zu schreiben. Es ist sehr schwierig, sich zwischen klingelnden Telefonen, aufpoppenden E-Mails und Menschen, die reden wollen, Gedanken übers Innehalten zu machen. „Warum bin ich so beschäftigt?“, fragt die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt. Ja, warum sind wir so beschäftigt? Klar, wir kennen die schnellen Antworten: die Arbeit, die Neuen Medien, die irre Geschwindigkeit moderner Gesellschaften. Es bleibt die Frage: Warum machen wir es nicht anders, wenn wir wissen, dass beim Hasten und Rasen viele Dinge auf der Strecke bleiben? Konzentration zum Beispiel, aber auch Spaß. Ist die Unfähigkeit, das richtige Tempo zu finden, ein „westliches“ Problem? Nein. Es gibt zwar Kulturen, die viel langsamer leben – lesen Sie zum Beispiel den Beitrag von Ruta Sinclair über die Geduld der Menschen auf Samoa –, doch schnelle Technik ist inzwischen in die meisten Winkel der Welt vorgedrungen. Der Autor Luis Chaves beschreibt, wie die Regenzeit in Costa Rica alles verlangsamt, während gleichzeitig aber getwittert und telefoniert wird, was das Zeug hält. Langsamkeit trifft auf Schnelligkeit, davon erzählen viele Geschichten in dieser Ausgabe. Wir interessieren uns für das richtige Tempo politischer Prozesse ebenso wie für die unterschiedlichen Geschwindigkeiten von Eltern und Kindern. Der indische Journalist Aman Sethi berichtet, wie in indischen Hightech-Fabriken 18 Millionen Handys im Monat hergestellt werden und was mit Arbeitern geschieht, die plötzlich aus diesem hyperschnellen Herstellungsprozess entlassen werden. Der niederländische Stadtplaner Kristiaan Borret denkt über „Slow Urbanism“ nach und der amerikanische Dichter Kenneth Goldsmith über Stillstand im Internet. Es ist auch die Muße, die einen freien Menschen ausmacht. Seltsamerweise gelingt es gerade den Menschen in den reichsten und freiesten Ländern nicht, souverän über ihre Zeit zu verfügen. Das schwächt die Substanz einer Gesellschaft, ihr politisches Engagement ebenso wie die Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Dieses Heft will kein Hohelied auf buddhistische Langsamkeit in allen Lebens-lagen singen. Der britische Autor Tom Hodgkinson, ein Aussteiger, erzählt in seinem Text „Die Grünkohlhölle“ sehr schön, welche Abgründe sich im langsamen Leben auf dem Land auftun können – und kehrt in die Großstadt zurück. Wir aber sitzen in ebendiesen Großstädten und sehnen uns nach mehr Ruhe und Frieden.

 

Ähnliche Artikel

Editorial

Ausgabe IV/200, Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben, Jenny Friedrich-Freksa

Auf ein Pferd steigen. Ein Buch lesen. Tanzen. Es gibt viele schöne Dinge, die Menschen tun, wenn sie nicht arbeiten müssen. Freizeit ist aber viel mehr als Nic... mehr


Hetze oder Lethargie?

Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit

Über das unterschiedliche Zeitempfinden in Orient und Okzident

mehr


Politische Künstler sind unglaubwürdig

Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit, Aude de Kerros

Künstler, die vor allem politisch sein wollen, sind für mich unglaubwürdig, denn sie werden bereits als kritisch bezeichnet, wenn sie ihre politische Einstellun... mehr


„Unsere Fähigkeit, selbstbestimmt zu entscheiden, ist begrenzt“

Ausgab, Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert, António Damásio

Warum der freie Wille dennoch als Ideal gelten sollte, erklärt der Neurowissenschaftler António Damásio. Ein Interview

mehr


Arbeiten ohne Begeisterung

Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit, Marsha Pearce

Auf Trinidad und Tobago gibt es eine besondere Form des Streiks. Bei Go-slows wird langsamer gearbeitet – um zu protestieren

mehr


Kaffeepause

Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit, Neven Suboti?

2013 habe ich eine Stiftung gegründet, für die ich im vergangenen Sommer in den Norden Äthiopiens reiste. In der Region Tigray unterstützten wir den Bau von fün... mehr