Hin- und herwandern

Janna Degener, Ausgabe I/2013, Brasilien: alles drin



Warum die Heimat der eigenen Familie für manchen Studenten interessanter ist als die große, weite Welt

Özgür Kibarogullari war 14 Jahre alt, als seine Eltern mit ihm nach Deutschland gingen. „Lange“, so erzählt er, „wollte ich unbedingt zurück und habe mich nicht gefragt, was meine Heimat ist.“ Genau diese Frage war es, die den Informatik-Studenten der Universität Stuttgart antrieb, über das ERASMUS-Programm ein Auslandssemester in Istanbul zu verbringen. Seit letzten August ist er für fünf Monate erneut in der Türkei.
So wie Özgür ist auch Anastasia Scheffler als Jugendliche mit ihren Eltern nach Deutschland eingewandert. Die Familie kam aus Russland und auch Anastasia verbrachte Jahre später in der alten Heimat ein Semester. Diese Möglichkeit ergab sich für sie im zweiten Jahr ihres BWL-Bachelorstudiums an der Hochschule Mosbach.
Während Özgür und Anastasia Austauschprogramme nutzten, die sich an alle Studierenden richten, werden an manchen Hochschulen Studierende mit Migrationshintergrund ganz gezielt zum Auslandssemester ermutigt, um ihre kulturelle Kompetenz auch für potenzielle Arbeitgeber sichtbar zu machen. An der Uni Regensburg beispielsweise gibt es dafür seit drei Jahren das SECONDOS-Programm. Ausprobiert hat es Katharina Schalk, die als Kind kroatischer Eltern in Deutschland geboren wurde und ihr zweites Studienjahr an der Universität von Zagreb verbrachte. Die vielen Telefonate mit der Universitätsverwaltung in Kroatien nahmen ihr die Mitarbeiter des Programms ab. Nur um die Aufenthaltsgenehmigung musste sie sich selbst kümmern. Auch die Hochschule Hamm-Lippstadt bietet seit Neuestem Studierenden mit Migrationshintergrund einen Studienaufenthalt in den Herkunftsländern an. „Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, versuchen wir mit unserem Angebot besonders auch für junge Menschen mit Migrationshintergrund interessant zu sein“, erklärt Britta Morzick vom International Office der Hochschule. Bahar Elsürmez, die dort Biomedizinische Technologie studiert, hat es genutzt und verbringt das fünfte Semester an einer türkischen Hochschule. Sie zog es nach Samsun, in die Heimatstadt ihrer Mutter. Wie alle anderen finanzieren auch Studierende mit Migrationshintergrund ihre Auslandsaufenthalte mithilfe von ERASMUS-Programm, DAAD-Stipendien, der Unterstützung ihrer Eltern, Nebenjobs und eigenen Ersparnissen.
Wer nicht als Kind und Familienmitglied, sondern als Student in das Herkunftsland seiner Familie geht, sieht zwangsläufig ganz neue Aspekte des dortigen Lebens. Anastasia beschäftigte sich erstmals intensiver mit dem Ausbildungssystem und den Arbeitsperspektiven in Russland und in Deutschland. Katharina erfuhr während des Auslandssemesters, unter welch schlechten finanziellen Bedingungen kroatische Studenten leben. Und Bahar war völlig überrascht, dass man im türkischen Samsun nicht nur mit den Verwandten, sondern auch mit dem Dekan der Uni Tee trinken und über Frisuren diskutieren kann.
Auch das Studieren in der Familiensprache hat seine Tücken: Zwar war Türkisch Bahars erste Sprache, aber nur in der Grundschule hatte sie darin auch Unterricht. „In der ersten Vorlesung in der Türkei habe ich kein Wort verstanden“, erzählt sie. Es fehlte ihr das wissenschaftliche Vokabular. Und auch Katharina nutzte die Zeit in Zagreb, um ihre Grammatik zu verbessern und Kroatisch schreiben zu lernen.
„Ich fühlte mich in Russland dazugehörig“, erzählt Anastasia. „Ich konnte Kontakte zu den russischen Studenten knüpfen und den anderen ausländischen Studenten vieles erklären, was ihnen neu war.“ Auch Bahar muss oft vermitteln. Sie konnte drei deutsche Kommilitoninnen überzeugen, mit in die Türkei zu gehen. Rund um die Uhr brauchten die Deutschen zu Anfang ihre Hilfe: „Das ist eine große Verantwortung, an der ich wachse.“
Özgür weiß schon jetzt, dass er nicht mehr um jeden Preis in die Türkei zurückkehren will. Die anderen Studenten können sich ein Leben in der Heimat ihrer Familien gar nicht vorstellen. Aber sie würden durchaus wiederkommen, um hier ein paar Jahre zu arbeiten.

 

Ähnliche Artikel

China: Komm zu Mutti

Ausgabe II/2013, Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten

Komm zu Mutti Chinas erwachsene Kinder sind fortan gesetzlich dazu verpflichtet, ihre alten Eltern zu besuchen. Sollten Töchter oder Söhne sich nicht um ihre El... mehr


Das Alphabet ihres Lebens

Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen, Insa Wilke

Die in Marokko geborene Katalanin Najat El Hachmi verabschiedet sich in ihrem Roman auf provozierende Weise von den Traditionen ihrer Vorfahren

mehr


Der Heiratsantrag

Ausgabe III+IV/2018, Das ärmste Land, das reichste Land

Auszug aus »Nago et sa grand-mère« (Copyright: L'Harmattan, Paris, 2017)

mehr


Die Scham der Vergangenheit

Ausgabe IV/2017, Une Grande Nation, Sigitas Parulskis

 Warum das Erinnern in Litauen so schwerfällt

mehr


Verlorene Tochter

Ausgabe II/2007, Unterwegs. Wie wir reisen, Barbara Morrison-Rodriguez

Meine Vorfahren waren Sklaven: Wie ich mithilfe eines Gentests herausfand, woher sie stammen

mehr


Männer, auf ins Matriarchat

Ausgabe I/2012, Geht doch! Ein Männerheft, Wolfgang Hekele

Frauenherrschaft kann sich auch für Männer lohnen. Bei den Mosuo in China gibt es Sex ohne Besitzansprüche – und alle sind glücklich 

mehr