Das bin ich

Aron Weigl, Ausgabe II/2012, Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben



Warum die Außenkulturpolitik Projekte fördern sollte, in denen Kinder lernen, sich selbst auszudrücken

Es ist Freitag, Ruhetag in Ramallah im Westjordanland. Trotzdem haben sich im alten Zentrum der Stadt ein Dutzend Grundschulkinder in der Bibliothek des Tamer Institute for Community Education eingefunden. Sie zeichnen ihr Haus, die Zimmer und die Menschen, die darin leben. Wo male ich meine Eltern hin? Stehen sie zusammen? Wo bin ich? Wo sind meine Geschwister? Welches Zimmer ist das wichtigste? Einmal ist es das des Vaters, der in Gefangenschaft ist und vermisst wird. Ein anderes Mal das Gemeinschaftszimmer, in dem alle Familienmitglieder zusammenkommen. Im Kurs von Païvi Kataikko vom Verein „Jugend Architektur Stadt“ wird die Wahrnehmung geschult. Die Finnin will die palästinensischen Kinder für ihre Situation in ihrem sozialen Umfeld sensibilisieren. Ihr Workshop wurde vom Goethe-Institut in Ramallah im Rahmen seiner „Kinder.Kultur.Woche“ im Oktober 2011 durchgeführt.

Zunehmend initiieren Mittlerorganisationen auswärtiger Kulturpolitik in der ganzen Welt künstlerisch-ästhetische Bildungsprogramme für Kinder und Jugendliche oder unterstützen Partner, die auf diesem Feld tätig sind. In den aktuellen Entwürfen zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik der Bundesregierung sucht man jedoch vergeblich nach einer Passage, die sich explizit mit dieser jungen Zielgruppe befasst. Dabei ist das Recht von Kindern auf kulturelle Teilhabe in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen festgeschrieben, und so muss jede Kulturpolitik sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche nicht vernachlässigt werden.

Auch die Demografie liefert in vielen Regionen der Welt gute Gründe, sich den Kindern und Jugendlichen zuzuwenden. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Westjordanland ist unter 18 Jahre alt, in Gaza liegt das Durchschnittsalter sogar bei 15 Jahren. Kein Wunder also, dass sich in Ramallah eine Vielzahl an NGOs und kommunalen Einrichtungen auf dem Feld „Kultur für Kinder“ tummelt. Den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus oder gar eine theoretische Fundierung der Angebote vermisst man dabei bisweilen. Erstmalig kamen bei der Konferenz „Kultur für Kinder in Palästina“ die Akteure ins Gespräch. Ergebnis war ein Manifest, das eine nationale Kulturpolitik für Kinder und eine intensivere internationale Zusammenarbeit fordert. In einem Land, das nur 0,02 Prozent des Gesamthaushaltes für Kultur ausgibt, will man Eltern, Lehrern, Künstlern, Kommunen und Ministerien den Wert kultureller Bildung vor Augen führen.

Wie aber erreicht man Kinder in den Dörfern zwischen Nablus und Jenin, zwischen Betlehem und Hebron? Dort, wo es kaum kulturelle Einrichtungen gibt, bleibt die Umsetzung schwierig. Der mit einem palästinensischen Kinderbuchmotiv bemalte Bibliotheksbus des Goethe-Instituts, der regelmäßig Schulen im Westjordanland und in Gaza besucht, ist ein lobenswerter Versuch, diese Lücke zu schließen. Doch auch das Budget des Busses und damit die Reichweite dieses Programms sind begrenzt.

Kaum ein Kind, das heute ein Instrument lernt oder an einem Theaterprojekt teilnimmt, wird später Berufsmusiker oder Schauspieler. Anspruch solcher Programme ist stattdessen, gesellschaftliches Denken und Handeln zu fördern. Vermittelt werden die Fähigkeiten, die eigene Umgebung wahrzunehmen und sich auszudrücken. Die Beschäftigung mit einer fremden Kultur und anderen Sichtweisen beflügelt dabei das Nachdenken über die eigene Identität und Situation. Das beginnt schon mit einer einfachen Frage beim Workshop im Tamer Institute: „Warum ist mein Haus flach und deines spitz?“

 

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