Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe I/2013, Brasilien: alles drin



Sind die Brasilianer wirklich so attraktiv, wie alle immer sagen? Ja, findet der amerikanische Schriftsteller Joey Goebel. Spielen sie wirklich so gut Fußball? Nein, nicht mehr, sagt der Fußballfan und Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, der in Stanford lehrt. Wir haben für diese Ausgabe internationale Autoren gebeten, uns Brasilien zu erklären - vor allem aber haben wir Brasilianer gefragt, was derzeit in ihrem Land passiert. Brasiliens Wirtschaft boomt, sie ist jetzt die sechststärkste der Welt und könnte es noch weiter nach oben schaffen. Das klappt besonders gut, weil die Rohstoffressourcen ausgebeutet werden. Dabei hätte Brasilien das Potenzial, die erste grüne Wirtschaftsmacht zu werden, schreibt der Politologe Sérgio Abranches.
Interessant aber ist, was Brasilien anders macht als die anderen Großen. In der Entwicklungshilfe etwa: Lange Zeit war das Land Empfänger von Unterstützungen, jetzt gewährt es sie selbst - zum Beispiel afrikanischen Ländern wie Angola oder Mosambik. Und greift dabei auf eigene Erfahrungen zurück, nach dem Motto: Was bei uns funktioniert hat, geht auch anderswo. Die "Kriterien des Nordens" - also der Amerikaner und Europäer - helfen nicht weiter, sagen die Brasilianer selbstbewusst und stellen damit die Rollenverteilung "der Norden gibt dem Süden" in den internationalen Beziehungen auf den Kopf. Die Länder des Südens helfen sich gegenseitig, das ist jetzt die Devise. Das Spannendste an Brasilien aber ist derzeit, wie sich "Kulturen und Ethnien mischen, statt wie in anderen Ländern schön säuberlich voneinander getrennt zu koexistieren", erklärt der Anthropologe Roberto DaMatta. Das können wir uns von den Brasilianern abschauen: wie man Unterschiede aushält und gut zusammenlebt. Was dabei hilft: Tanzen. Fußballspielen. Und, klar, Karneval.

 

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