Ethik und Wirtschaft

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe I/2009, Menschen von morgen



Die Idee war gut: Im September 2008, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, lud das Goethe-Institut Kopenhagen zusammen mit der Copenhagen Business School zu einer internationalen Konferenz zum Thema Ethik und Wirtschaft ein. Akademiker (wie Peter Koslowski, Hans Joas, Federico Foders, Thomas Maak, David Crowther und Güler Aras) und Praktiker (darunter Manfred Redelfs von Greenpeace Deutschland und Anne-Marie Skov vom Unternehmen Carlsberg) sprachen über die Dominanz des Markts und daraus resultierende ethische Konflikte. Dies sei, so Dr. Matthias Müller-Wieferig, Leiter des Goethe-Instituts in Kopenhagen, eine der Kerndiskussionen des 21. Jahrhunderts. Drei Tage lang ging es um Themen wie „Morality and Self-Interest: Market or Morals?“ oder „Ethical and Social Goals of Globalisation“. Der Soziologe Hans Joas, Professor in Erfurt und Chicago, hielt einen hervorragenden Vortrag über Werte und wie wir über sie kommunizieren. „Können wir rational über Werte reden?“, fragte Joas eingangs. Später erklärte er, dass Menschen durchaus die gleichen Erfahrungen teilen könnten, ohne dass sie die gleichen Werte teilten. An die Vertreter aus der Wirtschaft wurde wiederholt die Frage gerichtet, ob Unternehmen Corporate-Social-Responsibility-Programme als Marketingmaßnahme auflegen oder ob solchen Projekten ein echtes Verantwortungsgefühl für gesellschaftliche Belange zugrunde liege. Einem Vertreter von Siemens gelang es dabei, eine vollständige PowerPoint-Präsentation zu halten, ohne den Korruptionsskandal des Unternehmens zu erwähnen. Der Beitrag beschränkte sich darauf auszuführen, „wie wir in Zukunft sein wollen“. Größtes Problem dabei: „Wie überzeugt man andere davon?“ Ja, wie überzeugt man andere davon? Die Konferenz in Kopenhagen war spannend und mit erstaunlich vielseitigen Beiträgen konzipiert, um eine Diskussion über wirtschaftliche und soziale Verantwortung vo-ranzubringen. Zwar traut sich im derzeitigen Finanzchaos wohl eher niemand, konkrete Verantwortung zu fordern, etwa, dass kollabierende Firmen Gelder für Kindergärten oder Kulturprojekte bereitstellen. Dennoch – und wie auch immer die Finanzkrise ausgeht: Irgendwann wird man wieder fragen, welche Werte Wirtschaft und Gesellschaft teilen.

 

Ähnliche Artikel

„Der Markt ist immer eigennützig“

Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam, Ryan Bishop

Wer soll Kultur finanzieren?

mehr


Editorial

Ausgabe I/2013, Brasilien: alles drin, Jenny Friedrich-Freksa

Sind die Brasilianer wirklich so attraktiv, wie alle immer sagen? Ja, findet der amerikanische Schriftsteller Joey Goebel. Spielen sie wirklich so gut Fußball?... mehr


„Wir brauchen keinen moralischen Zeigefinger“

Ausgabe I/2009, Menschen von morgen, Paola Ghillani

Forum: Wie funktioniert Nachhaltigkeit?

mehr


Land der Gründer

Ausgabe IV/2008, Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch, Mehmet Rauf Ates

Wie die Türkei ihre chronischen Wirtschaftsprobleme zu überwinden versucht

mehr


Kein Index ist perfekt

Ausgabe II/2016, Neuland, Jonathan McClory

Viele Faktoren bestimmen die Außenwahrnehmung eines Landes. Seit langem versuchen Staaten mit Soft Power ihr Image im Ausland zu verbessern. Doch kann man das Bild eines Landes überhaupt messbar beeinflussen?

mehr


Interkulturelle Kommunikation

Ausgabe III/2007, Toleranz und ihre Grenzen, Gudrun Czekalla

Boomende Metropolen wie Dubai stehen nicht nur bei westeuropäischen Touristen hoch im Kurs. Auch die Wirtschaft hat entdeckt, dass der arabische Raum deutschen ... mehr