Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe IV/2012, Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod



Das Leben ist endlich – eine ebenso simple wie grausame Wahrheit. Kurz vor ihrem Tod bereuen Menschen sehr häufig: dass sie nicht den Mut gehabt haben, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben, dass sie zu viel gearbeitet haben und dass sie zu oft ihre wahren Gefühle verschwiegen haben. In der westlichen Welt ist das Sterben aus dem Leben des modernen Menschen verschwunden, schreibt die Religionswissenschaftlerin Birgit Heller in dieser Ausgabe. In anderen Weltgegenden hingegen ist der Tod den Menschen viel präsenter. Die indischen Kulturen sehen in ihm den Höhepunkt des Lebens. In Mexiko sterben nicht nur alte, sondern auch zahllose junge Menschen – weil sich im Drogenkrieg fast eine ganze Generation gegenseitig umbringt. Zehntausende Jugendliche, die größtenteils aus armen Familien stammen, sind in den letzten Jahren umgekommen.

Bei uns haben viele in ihrem Leben noch nie einen toten Menschen gesehen, während man auf etlichen griechischen Friedhöfen die Knochen verstorbener Verwandter  anfassen kann, wie der Philologe Konstantinos Kosmas berichtet. Es ist eine völlig andere, tatsächlich körperliche, Berührung mit dem Tod. Wie unterschiedlich Kulturen und Gesellschaften mit dem Sterben umgehen, welche Fragen die Menschen dann  bewegen und welche Rituale sie pflegen, darum geht es in diesem Heft. Was erzählt unser Umgang mit dem Tod über uns Lebende?

Selbst zu sterben, davor habe er keine Angst, sagt der Dichter und Autor John Burnside, den Tod seiner liebsten Menschen aber fürchte er mehr als alles andere.  Was sagt uns das? Dass wir sehr verletztliche Wesen sind – eine simple, grausame,  schöne Wahrheit.

 

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