Arm macht erfinderisch

Ausgabe I/2012, Geht doch! Ein Männerheft



Arm macht erfinderisch

Einfallsreiche Erfindungen entstehen dort, wo Menschen mit wenig auskommen müssen, sagt Anil K. Gupta. Zweimal im Jahr verlässt er sein Büro am Indian Institute of Management in Ahmedabad und begibt sich auf einen mehrtägigen Fußmarsch durch abgelegene Regionen des indischen Subkontinents. Zusammen mit Studenten und Kollegen dokumentiert er dort die Erfindungen der Dorfbewohner. „In Meghalaya wohnt eine 95-jährige Frau, die die beim Kochen entstehende Wärme nutzt, um Gemüse und Brennholz zu trocknen“, erzählt Gupta. Erfindungen wie das mehrstöckige Regalsystem, das die Inderin aus dem östlichen Himalaja gezimmert hat, begeistern ihn. Die westlichen Länder könnten sich daran ein Beispiel nehmen, meint der Wirtschaftsprofessor: „Alle Welt spricht vom Energiesparen, aber in unseren Küchen tun wir nichts, um überschüssige Wärme zu nutzen.“ Pflanzliche Düngemittel, zur Kaffeemaschine umgebaute Schnellkochtöpfe oder selbst gebaute Baumwollerntemaschinen: Über 90.000 Erfindungen haben Gupta und seine Helfer bereits in der Datenbank des von ihm gegründeten „Honey Bee Network“ erfasst. Damit Menschen mit ähnlichen Problemen von den unkonventionellen Lösungen profitieren können, hat Gupta seinen Laptop immer im Gepäck und trägt so das Wissen von Dorf zu Dorf. Haben Erfindungen darüber hinaus das Potenzial, lokale oder globale Märkte zu erobern, hilft er, Patente anzumelden, und sucht nach Unternehmen, die das Produkt optimieren und vertreiben wollen. So wurde aus einem von Salzbauern entworfenen Bambuswindrad ein Windgenerator aus Stahl, der heute für 12.000 Dollar verkauft wird. Würde mehr in die Ideen armer Menschen investiert, könnten ganz neue Märkte entstehen, davon ist Gupta überzeugt: „Es scheint utopisch, aber irgendwann wird es so weit sein.“

Der gläserne Staat

„Wer nichts zu befürchten hat, der hat auch nichts zu verstecken“, lautet Goran Klemen?i?s Devise. Um Bestechungen und unlauteren Auftragsvergaben vorzubeugen, erstellte der Vorsitzende der slowenischen Kommission für Korruptionsbekämpfung die Website „Supervizor“. Dort kann nun jeder Slowene verfolgen, wofür der Staat sein Geld genau ausgibt. Wer beispielsweise „Verteidigungsministerium“ in die Suchmaschine der Seite eintippt, erfährt, mit welchen Firmen die Behörde in den vergangenen zehn Jahren zusammengearbeitet hat, welche Beträge wohin geflossen sind und welche Personen daran beteiligt waren. Innerhalb eines Jahres wurde das Projekt „Supervizor“ auf die Beine gestellt. Ein Team von Informatikstudenten unterstützte Klemen?i? ehrenamtlich dabei. Der Antikorruptionsbeauftragte hat eigentlich Jura studiert und als Spezialist für Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung jahrelang im Ausland gearbeitet. Jetzt fühlt er sich verpflichtet, auch in seiner Heimat etwas zu unternehmen. „Ich bin ein wenig romantisch“, erzählt er. „Ich denke, dass wir die Welt verändern können.“

Das andere Afrika

Nicht bunte Gewänder und Bilder von Dürren repräsentieren für Friederike Heidenhof Afrika, sondern die „Menschen, die unter zum Teil abstrusen Bedingungen ihr Leben meistern“. Menschen wie Mapendo Straton aus Tansania, der seiner Familie von seinem geringen Verdienst als Chauffeur ein Haus gebaut hat, damit sie sich nicht mehr zu fünft zwei Zimmer teilen muss. Die Krefelder Unternehmensberaterin begegnet auf ihren Reisen in die Region vielen Menschen wie Straton – Bauern, Büroangestellten, Massai-Hirten oder auch Entwicklungsexperten. Diese sind die Protagonisten von Heidenhofs Bildband „African Heroes“ und von ihren Postkarten, Wandkalendern und Ausstellungen. Die Fotos macht Heidenhof bei ihren Besuchen von Hilfsprojekten in Tansania und den angrenzenden Ländern, die sie seit Jahren finanziell unterstützt. Auch der Erlös aus Büchern und Bildern wird gespendet – und geht damit zurück nach Afrika.

Der Asylant auf dem Sofa

An Ruhestand ist für Ute Bock, die in diesem Jahr 70 wird, noch lange nicht zu denken. Ganz im Gegenteil, seit ihrer Pensionierung vor 10 Jahren, organisiert die Österreicherin private Wohngemeinschaften für über 400 Flüchtlinge und ist rund um die Uhr damit beschäftigt den Überblick zu behalten. „Jeden Tag sitzt eine Familie mit kleinen Kindern bei mir vor der Tür, die obdachlos ist und keine Grundversorgung mehr erhält, weil sie aus dem Asylverfahren herausfällt.“ Früher hat Ute Bock als Erzieherin in einem Heim gearbeitet. Als dort einige afrikanische Jugendliche verdächtigt wurden mit Drogen zu handeln und nicht länger im Heim bleiben durften, begann sie selbst Wohngemeinschaften zu organisieren. Finanziert werden die rund 130 Wohnungen von ihrer Pension, ihren Ersparnissen, Spenden und Preisgeldern, die sie bereits für ihr Engagement erhalten hat.

 

Ähnliche Artikel

Arzt auf Raten

Ausgabe IV/2010, Das Deutsche in der Welt, Sapna Desai

Seltener als erhofft gründen Inder mithilfe von Mikrokrediten Betriebe. Stattdessen brauchen sie das Geld für ihre medizinische Versorgung

mehr


„Wir wollen Fragen stellen“

Ausgabe III/2009, Good Morning America. Ein Land wacht auf , Don Edkins

Der südafrikanische Dokumentarfilmer Don Edkins nutzt ein mobiles Kino, um Menschen für Themen wie Demokratie oder Aids zu interessieren. Ein Gespräch über Filme im Gefängnis, die Gründe von Armut und die Macht der Bilder

mehr


Die meistverkauften Bücher des Jahres 2010 in Indien

Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen, Akshay Pathak

1 2 States: The Story of my Marriage von Chetan Bhagat: 32.653 verkaufte Exemplare

2 The Immortals of Meluha von Amish Tripathi: 9.921 verkaufte Exemplare

3 T... mehr


Fischer gegen AKWs

Ausgabe I/2014, Beweg dich. Ein Heft über Sport, Akshay Pathak

Die indische Regierung setzt auf den Ausbau der Atomenergie und errichtet neue Meiler. Die Bewohner in den umliegenden Dörfern protestieren. Die Kehrseite eines Entwicklungsmodells

mehr


Desperados, Freaks und verlorene Seelen

Ausgabe II/2019, Schuld, Jutta Person

Die mexikanische Schriftstellerin Fernanda Melchor erzählt mit derbem Furor von Gewalt, Armut und Abhängigkeit

mehr


Indien: Babys erste Rasur

Ausgabe III/2015, Russland, Roma Rajpal Weiß

Eines der wichtigsten hinduistischen Rituale für kleine Mädchen und Jungen zwischen ihrem ersten und dritten Lebensjahr ist die Mundan-Zeremonie. Dabei wird der... mehr