Kein Druck von meinen Eltern

Zhai Ruopu, Ausgabe I/2009, Menschen von morgen



Wie es ist, sich in China von der Masse abzuheben, weiß Zhai Ruopu

Im November 1992 wurde ich geboren. Nach westlicher Zeitrechnung bin ich 16 Jahre alt. Aber da das Alter in China ab dem Zeitpunkt der Empfängnis berechnet wird, bin ich aus traditio-neller chinesischer Perspektive schon 17. In meinem Personalausweis bin ich als „Yi“ eingetragen. Die Yi sind ein Bergvolk und die sechstgrößte ethnische Minderheit Chinas. Es gibt bei uns nur eine Yi an der Schule, und das bin ich. Das finde ich gut. Mich interessieren vor allem die Trachten der Yi , ihre Geschichte und ihre Schriftzeichen, denn die Yi sind die einzige ethnische Gruppe in China, die über eine eigene Schriftsprache verfügt. Meine Mutter stammt aus einer gemischten Yi-Han-Familie aus dem Liangshan-Gebirge im Südwesten der Provinz Sichuan. Mein Vater ist Han-Chinese aus der nordwestlichen Provinz Shanxi. Meine Eltern haben mehrere Jahre in Tibet gelebt. Geboren bin ich im Liangshan und habe die ersten Jahre meines Lebens bei meinen Großeltern in Shanxi verbracht. Mit fünf bin ich zusammen mit meinen Eltern nach Peking gezogen. Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Bedürfnis, mehr über meine Herkunft zu erfahren und darüber, was mich als Yi anders als andere macht. Meine Mutter ist Schriftstellerin und Redakteurin. Eins ihrer Bücher, in dem sie ihre Kindheit als Han-Yi-Kind beschreibt, habe ich gelesen. Sie erzählt mir auch viel über sich und ihre Kindheit. Ich mag das.


Mein Vater ist Maler. Meine Eltern sind anders als die meisten chinesischen Eltern, die ihre Kinder einem unglaublichen Leistungsdruck aussetzen. Insgesamt bin ich sehr stolz auf sie. Wer in China hat schon Eltern, die das machen, was sie machen möchten? Später könnte ich mir vorstellen, auch freischaffend zu arbeiten, zum Beispiel als Schriftstellerin, weil das mit größeren Freiräumen verbunden ist. Aber eigentlich habe ich noch kein klares Berufsziel. 


Später einmal möchte ich gerne reisen und wieder in den Westen fahren. Letztes Jahr war ich für drei Wochen in Großbritannien, habe dort bei einer Gastfamilie gewohnt und Englisch gelernt. Mit der Familie hatte ich Glück. Sie haben viel besser gekocht als die anderen Gastfamilien. In China glaubt man, dass im Westen alles sehr sauber ist, aber in Großbritannien warfen alle ihre Kippen und ihren Müll auf die Straße und ich bin ständig in Kaugummis getreten. Befremdlich war auch, dass so viele britische Frauen rauchen und wie schnell sich Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen anbahnen. Trotzdem hat mir England sehr gefallen und ich wollte gar nicht mehr weg. Mit Freunden, die mit auf dieser Reise waren, habe ich beschlossen, dass wir irgendwann einmal alle zusammen in England leben werden. Aber nun denke ich manchmal, in Peking zu leben ist doch auch ganz gut. Ich weiß es einfach noch nicht. 


Liebe ist für mich noch irgendwie abstrakt. Ich kann es mir nicht so richtig vorstellen, mit jemandem „zusammen zu sein“. In meiner Klasse gibt es allerdings einige Schüler, die Beziehungen haben oder bei denen sich welche anbahnen. In der 11. Klasse gibt es Pärchen, die sich manchmal auf dem Schulhof vor allen anderen umarmen und küssen. In Amerika ist das vielleicht normal, aber in China ist das immer noch ein Problem. Die Lehrer versuchen, das zu unterdrücken. In chinesischen Schulen findet so gut wie kein Sexualkundeunterricht statt. Es wird insgesamt vermieden, über diese Dinge zu sprechen und den Schülern ist es auch peinlich, solche Dinge in der Schule zu lernen. Manchmal reden wir mit Freundinnen darüber, allerdings nicht besonders ausführlich. So fragen wir uns zum Beispiel, ob wir uns Sex vor der Ehe vorstellen können und wie dies zu bewerten wäre. 


Ich habe davon gehört, dass es schon jetzt viel mehr Männer als Frauen in China gibt. Auf dem Land herrschen ja weiterhin Vorstellungen, die schon über 5.000 Jahre alt und daher nicht so leicht zu ändern sind: nämlich, dass männlicher Nachwuchs dem weiblichen vorzuziehen sei. In den Städten soll das aber anders sein. Ich bin sowieso der Meinung, dass Mädchen besser als Jungen sind. Ich habe gerade heute einen Artikel in der Zeitung gelesen, in dem stand, dass, wenn es so weitergeht, in ganz Asien in verhältnismäßig naher Zukunft sogar vier Männer auf eine Frau kommen sollen. Wo soll das bloß hinführen?

Protokolliert und aus dem Chinesischen übersetzt von Olivia Kraef

 

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