1, 2, 3, viele Frauen

Jèrôme Cholet, Ausgabe I/2012, Geht doch! Ein Männerheft



Die Polygamie des südafrikanischen Präsidenten hat Freunde und Feinde

Eine Welle der Empörung ging durch die südafrikanische Presse, als bekannt wurde, dass Präsident Jacob Zuma kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft ein uneheliches Kind gezeugt hatte. Das Staatsoberhaupt musste sich für den Seitensprung öffentlich entschuldigen. Wenig Entrüstung hingegen ruft in Südafrika hervor, dass der Präsident drei Ehefrauen hat. Im vergangenen Jahr heiratete der 68-Jährige zum fünften Mal. Eine Ehe wurde allerdings geschieden, eine andere seiner Ehefrauen nahm sich das Leben. Offiziell hat der Präsident zwanzig Kinder. Doch auch im multikulturellen Südafrika sind außereheliche Affären verfehmt.

„Wenn ein Mann eine weitere Frau will, muss er sich an gewisse Prinzipien halten“, sagt Nokuzola Mndende, Direktorin des Icamagu Instituts für afrikanische Kultur in Kapstadt. Festgesetzt werden diese Prinzipien durch das Gewohnheitsrecht der Polygamie praktizierenden ethnischen Gruppen Südafrikas, vor allem der Zulus. Sie kennen die Polygynie, also die Ehe eines Mannes mit mehreren Frauen, bereits seit Jahrhunderten und sind mit etwa zehn Millionen Menschen, etwa einem Fünftel der Gesamtbevölkerung Südafrikas, die größte schwarze Bevölkerungsgruppe. Für den Rest der südafrikanischen Bevölkerung, allen voran die Weißen, hat Polygamie keine Bedeutung.

Jacob Zuma ist Zulu. Der Zulu-König Shaka (1787-1828) soll einst 1.500 Frauen gehabt haben – hauptsächlich als Tauschobjekte oder Geschenke für andere Häuptlinge. Polygamie war ein Instrument zur Festigung der Stammesgesellschaft und hatte in Kriegszeiten die Funktion, die Fortpflanzung abzusichern und die Frauen gefallener Soldaten zu versorgen. Mit Stolz berufen sich noch heute Politiker auf König Shaka, der die Zulus von einem kleinen Clan zu einem mächtigen Volk machte. In den ländlichen Gebieten der Provinz KwaZulu-Natal gelten mehrere Ehefrauen noch immer als Zeichen von Wohlstand, Einfluss und Ansehen. Ndela Ntshangase, Dozent  für „Zulu Studies“ an der Universität KwaZulu-Natal und ein Anhänger der Polygamie, sieht den Vorteil vor allem darin, dass alleinlebende Frauen an Familien gebunden werden. Er geht so weit zu behaupten, dass Polygamie helfe, Scheidungen zu verhindern. So sieht es auch Zuma: „Ich ziehe es vor, vielfach verheiratet zu sein, als außereheliche Affären vertuschen zu müssen“, sagte der Präsident noch vor seinem Fauxpas.

Mit dem „Recognition of Customary Marriages Act“ von 1998 wurde das Gewohnheitsrecht in die staatliche Rechtsprechung übernommen. Polygame Ehen wurden formalisiert und an klare Bedingungen geknüpft. Die Ansprüche der Ehefrauen und ihrer Kinder auf Besitz und Erbe sind ebenso reguliert wie die Möglichkeit der Scheidung. Das Gewohnheitsrecht der wichtigsten polygamen Völker kennt jedoch keine Polyandrie. Deshalb ist die Ehe einer Frau mit mehreren Männern nicht staatlich anerkannt.

Vor allem Bürgerrechtsgruppen und Frauenrechtlerinnen gingen auf die Barrikaden. Sie sehen einen Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung  als gegeben an. Die Vielehe ist für sie Ausdruck einer frauenverachtenden Kultur. „Die Tatsache, dass die Bigamie nur Männern vorbehalten ist sowie ihr Symbolismus für eine patriarchalische Gesellschaft werden noch immer diskutiert“, sagt Penelope Andrews, chilenische Gastwissenschaftlerin an der Universität KwaZulu-Natal.

Der Umgang des Staates mit dem Thema Polygamie ist symbolisch für die Regenbogennation, die sich 1994 des menschenverachtenden Regimes der Apartheid entledigte. Bereits der Freiheitskampf beinhaltete den Anspruch der indigenen Völker, akzeptiert zu werden. „Das moderne Südafrika war in einer besonderen Position, denn es blickte bei seiner Geburt nicht nur auf fünfzig Jahre Menschenrechtsaktivismus zurück, sondern auch auf Jahrzehnte des afrikanischen Kampfes um die kulturelle Selbstbestimmung“, sagt Penelope Andrews.

Die ersten demokratischen Regierungen des Landes entschieden sich beim Aufbau der Nation für die Integration der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Die Aufnahme der Polygamie der Zulus war Ausdruck der Anerkennung ethno-kultureller Traditionen, Institutionen und Bräuche. „Südafrika ist ein dynamisches Kaleidoskop unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Traditionen. Viele schwarze Südafrikaner huldigen neben ihrem christlichen Gott auch ihren Ahnen und ziehen neben der Schulmedizin auch einen traditionellen Heiler zu Rate“, sagt Mike Siluma, ehemaliger Herausgeber der von Schwarzen viel gelesenen Tageszeitung The Sowetan. Er sieht in Zumas Haltung die Chance, alte Traditionen neu zu beleben.

Im Geiste Nelson Mandelas sollte im neuen Südafrika nie wieder eine Kultur als hochwertiger als die andere gelten. Daran appellierte auch Präsident Zuma, als er bei seinem ersten Staatsbesuch in Großbritannien von den Boulevardblättern des Landes als „bigotter Schwachkopf“ attackiert wurde. „Ich bin ein Freiheitskämpfer und habe auch dafür gekämpft, dass meine Kultur respektiert wird“, sagte der von seiner jüngsten Ehefrau begleitete Präsident und stellte die Diskussion geschickt in den Kontext von Kolonialismus, Apartheid und Befreiungskampf: „Als die Briten in unser Land kamen, bezeichneten sie unser Verhalten als barbarisch, als falsch und minderwertig. Ich verstehe nicht, dass sie noch immer so denken.“

Damit wurde die Debatte um Polygamie alsbald Teil der Diskurse von „Tradition versus Moderne“, „Clash of Civilizations“ und „Tradition als Ursache afrikanischer Unterentwicklung.“  Am Ende nützte die Auseinandersetzung Zumas Popularität. Der Präsident konnte sich als traditionsbewusster Afrikaner und Zulu darstellen, ohne gegen eine Minderheit zu hetzen oder erneut sein Image als Wunderkind, das es aus der Armut im ländlichen KwaZulu-Natal ins höchste Amt des Landes geschafft hat, zu bemühen.„Zuma bedient die Massen in den unteren Gesellschaftsschichten, welche die Reichen, Schönen und in diesem Fall die mit den vielen Frauen vergöttern. Sie fühlen sich ihnen verbunden, wenn sie reden wie sie oder sich mit ihnen in traditionellen Tänzen und Zeremonien verbrüdern“, sagt die Journalistin Wandia Jjoya. Polygamismus und Boulevard-Scharmützel sind für Jjoya nur ein Instrument des Volkstribun Zuma, der seine letzte Hochzeit in seinem Geburtsort im traditionellen Leopardenfellmantel und in weißen Designer-Turnschuhen zelebrierte. Nach dieser Hochzeit gaben 74 Prozent der Südafrikaner in einer Umfrage an, Polygamie für problematisch zu halten. Auch 64 Prozent der männlichen Befragten lehnten Polygamie ab. Nur 18 Prozent sahen darin kein Problem. Allerdings fand die Umfrage ausschließlich in den Großstädten des Landes statt, wo alte Traditionen spürbar zurückgehen.

In den Dörfern KwaZulu-Natals ist die Polygamie nach wie vor weit verbreitet. Doch auch hier betrachten immer mehr einstige Anhänger Zuma mit Argwohn und werfen ihm vor, sich von den Belangen der ärmeren Bevölkerungsschichten zu entfernen. „Die Reaktionen der Menschen auf das uneheliche Kind waren vor allem deshalb so ablehnend, weil sich der Eindruck verstärkte, Zuma habe sich nicht mehr unter Kontrolle“, sagt Mark Gevisser, südafrikanischer Journalist und Buchautor: „Sein Bedürfnis nach Frauen wird in einem Atemzug mit seiner Luxusverliebtheit genannt, die ihn der Patronage und Korruption verdächtig machen.“ So muss der Präsident aufpassen, dass seine Polygamie nicht zunehmend auch in den ärmeren Bevölkerungschichten als das Privileg eines alten, gierigen Mannes belächelt wird, der an jüngere Frauen herankommen will.

 

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