Ich bin gerne Tochter

Kastarzyna Olga Mazur, Ausgabe I/2009, Menschen von morgen



Kastarzyna Mazur über das Verhältnis zu ihren Eltern, Tanzturniere und den katholischen Glauben

Zum Teil fühle ich mich erwachsen. Ich helfe zu Hause und erledige Aufgaben, für die meine ältere Schwester früher zuständig war, weil sie kaum mehr zu Hause ist. Wirklich erwachsen bin ich wohl aber erst, wenn ich verheiratet bin und Kinder habe. Meine Eltern sind sehr wichtig für mich. Wir haben ein sehr gutes, freundschaftliches Verhältnis. Sie haben uns Kindern viel gegeben und sie zeigen uns, dass wir wichtig sind. Dadurch fühle ich mich in meiner Rolle als Tochter und Schwester in der Verantwortung. 


Meine Eltern sind meine Vorbilder. Ich schätze meine Mutter für ihre Art, meinen Vater mag ich, weil er so gebildet ist. Ich wüsste eigentlich nicht, was ich später einmal anders machen sollte als sie. Die meisten meiner Klassenkameraden haben nicht so ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Neben meinen Eltern sind meine Freundinnen für mich sehr wichtig. Mit meiner besten Freundin bin ich schon seit 13 Jahren befreundet. Wir sind sehr unterschiedlich und ergänzen uns, das ist wohl auch der Grund für unsere Verbundenheit. Sie ist verträumter, romantischer veranlagt. Sie interessiert sich mehr für Mode, liest viel. Ich stehe hingegen mit beiden Beinen auf dem Boden. Die andere Freundin kenne ich, seit ich auf dem Gymnasium bin, seit zwei Jahren. Sie ist mir als Gesprächspartnerin sehr wichtig, mit ihr kann ich mich über die unterschiedlichsten Themen unterhalten. Insgesamt habe ich lieber einige enge Freunde als einen großen Bekanntenkreis.


Ich bin eigentlich sehr mit der Schule beschäftigt. Wichtig ist dabei für mich, dass ich Zeit für das Tanzen habe. Damit habe ich vor drei Jahren angefangen, weil ich abnehmen wollte. Ich tanze Disko-Tanz: solo, mit Partner und in der Gruppe. Ich nehme an Turnieren teil und war da schon erfolgreich. Mein Ziel ist es, mit den Tanzgruppen in anderen Ländern aufzutreten. Tanzen ist das Einzige, was ich systematisch lerne und was ich mit ganzem Herzen mache. Im Schulunterricht fehlt mir manchmal diese Motivation. Vielleicht kann ich das Tanzen ja zum Beruf machen und Tanzlehrerin werden. Ansonsten schwebt mir etwas im Finanzsektor vor oder im Personalbereich. Ich glaube, ich kann gut mit Menschen umgehen – das bestätigen mir auch meine Eltern. Viele in meinem Alter sind fasziniert von den neuen Shoppingmalls, die es hier in Warschau seit ein paar Jahren gibt. Es ist in, mit Markenklamotten zu glänzen, zu zeigen, dass man Geld hat. Ich kaufe dort auch manchmal ein, aber es würde mich langweilen, den ganzen Tag dort zu verbringen. In meiner Klasse denken die meisten übrigens genauso.


Ich bin katholisch und mein Glaube bedeutet mir viel. Ich bete täglich und besuche am Sonntag die Messe und in der Schule den Religionsunterricht. Was macht der Glaube aus? Ich versuche mich in meinem Verhalten gegenüber Bekannten, Freunden und meiner Familie vom christlichen Gedanken leiten zu lassen. Ich reflektiere mein Handeln – ob das, was ich gemacht habe, auch richtig gewesen ist. Dadurch bin ich auch ein ruhiger Mensch und trage keinen Groll oder Hass mit mir rum. An Feiertagen will ich mich an die Regeln halten, zum Beispiel nicht tanzen gehen. Aber ich lebe diese Tradition nicht so wie meine Oma, die zwei Wochen vor Allerheiligen sechs Friedhöfe besucht, dort die Gräber säubert und die Blumen herrichtet. Aber ich halte das für eine wichtige Tradition und ärgere mich zum Beispiel auch über die Würstchenbuden vor dem Friedhof oder den Luftballonverkauf. Viele Angehörige meiner Familie liegen auf dem Powazkowski-Friedhof. Dieser Friedhof ist aber auch sehr wichtig für Polen, da dort die bedeutenden Künstler, Dichter und Denker der Nation liegen. Ich bin stolz darauf, Polin zu sein. Auch das hängt mit der katholischen Kirche zusammen und der Unabhängigkeit unseres Landes. Es geht vor allem um die „kämpferische“ Einstellung, die wir Polen haben.


Politik interessiert mich definitiv überhaupt nicht. Ich bin schockiert, wenn ich die Debatten im Sejm – dem polnischen Parlament – verfolge. Ich halte viele der polnischen Politiker für nicht kompetent und glaube, sie haben nur ein beschränktes Wissen. Ich glaube, dass die meisten meiner Klassenkameraden über ein besseres politisches Wissen verfügen als manche Leute dort im Sejm.
 

Protokolliert und aus dem Polnischen übersetzt von Jens Mattern

 

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