Israel: Abstand halten in Mea Shearim

Ausgabe II/2014, Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten



Mea Shearim, Jerusalems ultraorthodoxes Viertel der "Hundert Tore", ist schon lange nicht mehr ummauert. Doch machen riesige Schilder an den Eingängen darauf aufmerksam, dass man eine andere Welt betritt. Sie bitten Besucher um angemessenes Verhalten, so, als beträte man ein Heiligtum. Abgesehen von den strengen Kleidervorschriften, wird von ihnen erwartet, dass sie kein provokatives Verhalten an den Tag legen. Wer sich nicht fügt, muss mit Sanktionen rechnen. So kommt es vor, dass aufsässige Besucher mit schmutzigen Windeln beworfen werden. Dies gilt zum Beispiel für Pärchen, die händchenhaltend umherschlendern und damit eine Grenze des körperlichen Kontakts zwischen Männern und Frauen überschreiten - selbst wenn es sich um ein verheiratetes Paar handelt. Auch große Reisegruppen, die das Viertel im Pulk erforschen wollen, sind nicht willkommen. Einige Bewohner würden Mea Shearim gerne wieder hermetisch abriegeln. Die sich rasch wandelnde Umwelt wird als Bedrohung wahrgenommen. Indem die Ultraorthodoxen alte Traditionen bewahren, schützen sie eine als authentisch empfundene Form des Judentums.

Dekel Peretz wurde 1979 in Tel Aviv, Israel geboren. Er promoviert derzeit zum Thema deutsche zionistische Utopien im Fach Geschichte an der Universität Potsdam und lebt in Berlin.

 

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