Wir machen uns Gedanken

Theodore Richard Joseph Ho Raikivi, Ausgabe I/2009, Menschen von morgen



Theodore Richard Joseph Ho Raikivi von den Fidschi-Inseln über die Armee an der Macht, Angelausflüge mit freunden und das Ritual des Geldverbrennens

Als ich acht Jahre alt war, erlebte Fidschi seinen dritten Staatsstreich. Das war im Mai 2001. Wir wohnten in der Nähe des Parlaments in Suva, der Hauptstadt der Fidschi-Inseln. Auf einmal stürmten ein paar Männer das Kongressgebäude und nahmen mehrere Minister als Geiseln. Ich hatte Angst. Dass Leute auf Fidschi mit Waffen herumliefen und dass aufgrund der politischen Spannungen geschossen wurde, hatte ich noch nicht erlebt. Es war beängstigend und gleichzeitig aufregend. Alle sprachen nur noch über Politik. Das Fernsehen zeigte ununterbrochen Bilder der Geiselnahme. Die Krise dauerte mehrere Monate. Es gab Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Die alteingesessenen Melanesier glaubten, die eingewanderten Inder wollten ihnen das Land wegnehmen, die Inder sorgten sich um ihre Sicherheit.


Bei mir zu Hause wurde immer schon sehr offen über politische Fragen gesprochen. Ehrlich gesagt habe ich nie verstanden, warum Rasse oder Herkunft für unser Land so wichtige Themen sind. Fidschi ist ein Land mit vielen Kulturen. Ich selbst stamme ja aus einer gemischten Ehe: Mein Vater ist Fidschianer, meine Mutter ist chinesischer Abstammung. Ich habe indische, fidschianische und chinesische Freunde. Trotzdem geht es in unserer Politik immer nur um ethnische Fragen und Probleme.


Da meine Eltern geschieden sind, wohne ich bei meinen Großeltern mütterlicherseits in Nasese, einem Stadtteil von Suva. Trotz der Umstände fühle ich mich in dieser Umgebung sehr wohl, meine Familie unterstützt mich, wo sie kann. Ich habe auch ein inniges Verhältnis zur väterlichen Seite der Familie. Mein Alltag dreht sich hauptsächlich um die Schule. Auch meine Freunde kenne ich von dort. An den Wochenenden schauen wir uns ein Rugbyspiel an oder fahren mit unseren Booten raus zum Fischen. Wir wohnen ja direkt am Meer.


Die Leute sagen zu mir, ich sei ein Fidschianer mit chinesischem Kopf. Eigentlich sind diese beiden Gruppen sehr verschieden. Die Chinesen halten die Fidschianer für faul, wovon ich mich auch angegriffen fühle. Und die Fidschianer wussten nie wirklich, was sie von den Chinesen halten sollten. Ich komme aber zum Glück mit beiden Seiten gut klar. Mit meiner chinesischen Großmutter besuche ich das Grab ihres Vaters, wo wir Weihrauch aufsteigen lassen und Geld verbrennen, das ist ein chinesisches Ritual. Ich gehe auch mal zum Drachentanz, wenn das chinesische Neujahr gefeiert wird. Auf der anderen Seite erklärt mir mein Onkel väterlicherseits, dass ich später eine Fidschianerin heiraten soll, damit die Rasse nicht ausstirbt. Er hält die Mischehen, von denen es inzwischen viele gibt, für gefährlich. Im Moment ist das aber kein Problem für mich, meine Freundin ist nämlich eine Fidschianerin. 


Der vierte Staatsstreich folgte, als ich 15 war, im Dezember 2006. Die Armee übernahm die Macht. Es war eine sehr gewalttätige Zeit. Die Soldaten nahmen jeden mit, der ihnen nicht passte. Es gab Folterungen in den Kasernen und einige Todesopfer. Es war schrecklich. Uns junge Menschen haben diese Ereignisse sehr geprägt. In Fidschi formierte sich eine Jugendbewegung, die viele Proteste gegen den Staatsstreich organisierte. Ich bin jetzt 17, aber die Armee ist immer noch an der Macht, freie Wahlen finden nicht statt. Wir müssen lernen, mit diesem Putsch so umzugehen, dass eine Veränderung eintritt. Ansonsten haben wir alle keine Zukunft mehr hier.


Eigentlich wollte ich Ingenieur werden. Aber weißt du, ich glaube nicht, dass ich diesen Beruf hier in Fidschi ausüben werde. Ich glaube, ich werde mal nach Neuseeland oder Australien auswandern und dort arbeiten. Wenn du fragst, wovor ich Angst habe, dann vor dieser Selbstzerstörung unserer Nation. Vielleicht bin ich als 17-Jähriger auch überfragt. Aber wir machen uns auch unsere Gedanken. Die Politiker würden gut daran tun, auf unsere Gefühle Rücksicht zu nehmen und der Jugend ein gutes Beispiel zu sein! Wenn die mal weg sind, ist das Land nämlich immer noch da. Und wie soll das Land einmal aussehen, wenn wir an der Reihe sind? Denn eigentlich ist Fidschi immer noch ein schönes Land. Und ich glaube immer noch daran, dass wir den Frieden durchsetzen können.

Protokolliert von Dionisia Tabureguci


Aus dem Englischen von René Hamann

 

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