Das Ende der Eiszeit

Kim Leine, Ausgabe II/2014, Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten



Bald wird nichts mehr so sein wie es einmal war auf der größten Insel der Welt. Das ist traurig und verheißungsvoll zugleich

Winter 1994, Ostgrönland: Zusammen mit meinem Sohn Johannes mache ich mich an einem stillen Wintertag mit dem Schlitten auf gen Norden. Wir spannen 14 Hunde an und fahren durch die Siedlung. Der Schlitten schlingert wild, die Hunde sind euphorisch, die Menschen springen zur Seite, um nicht umgerannt zu werden. Johannes steht an der Lenkstange, er klammert sich daran fest, jubelt und lacht schallend. Wir nähern uns der Bucht. Die Hunde springen über das Packeis, der Schlitten hüpft in langen Sprüngen hinterher. Die Riemen knarzen und das Holz knackt, aber er hält. Ich werfe einen Blick hinter mich; Johannes ist noch da. Schon sind wir draußen auf dem Fjord. Die Hunde dürfen sich auslaufen. Ein paar von ihnen krümmen den Rücken, entleeren ihre Därme im Lauf. Sie hinterlassen lange tabakbraune Streifen auf dem Eis. Ich sitze an die Lenkstange gelehnt und blicke auf hüpfende Arschlöcher. Schließlich fallen sie in einen gleichmäßigeren Rhythmus, das Geräusch ihrer Pfoten erzeugt ein einschläferndes weißes Rauschen.

Um mich wach zu halten, stopfe ich meine Pfeife und setze mich zum Rauchen. Johannes bleibt an der Lenkstange stehen, mit offenem Overall-Reißverschluss und bloßen Händen bei zehn Grad minus. Er ist acht Jahre alt. Er friert nie.

Wir fahren über den Gletscher Apusiaaji, kämpfen und schleppen uns einen Pass hinauf. Mehrmals müssen wir vom Schlitten absteigen und schieben. Atemhauch steigt aus den Hundeschnauzen. Der Leithund, Thor, blickt immer wieder über die Schulter zurück und hält mit mir Augenkontakt. Auf der Passspitze weht ein kräftiger Wind. Der Schnee ist von der Erde geschleckt, wir holpern über eine vereiste Schicht, aus der kleine Steinchen ragen, die den Kufen und den Hundepfoten zusetzen. Sie schlittern und straucheln, der Schlitten scheuert über den Kies. Zu beiden Seiten erheben sich steile Felswände. Das Licht ist bläulich und grell wie auf einem fernen Planeten ohne Atmosphäre.

Dann haben wir es geschafft. Erst geht es langsam bergab, der Schnee kommt zurück, die Sonne streicht über den Berg und rammt uns von rechts, wir springen auf den Schlitten, er schlingert und schaukelt dem Fjord entgegen. Die Fahrt wird schneller und schneller, ich sitze vorne, mit den Stiefelabsätzen als Bremsen im Schnee, Johannes steht hinten auf der Eisenbremse. Trotzdem werden wir so schnell, dass die Hunde nicht länger mitkommen. Erst laufen sie wie Wahnsinnige, um nicht vom Schlitten überholt zu werden, dann geben sie auf und rutschen auf steifen Beinen nach unten. Der Schlitten pflügt sich zwischen ihnen durch und überholt sie, sie bellen und knurren, die Leinen summen, ich sehe das Eis viel zu schnell auf uns zukommen. Doch dann sind wir wohlbehalten auf dem Fjordeis angelangt, die Hunde verteilen sich wieder vor dem Schlitten und Johannes lacht laut. Du kannst gut bremsen, sage ich zu ihm.

Wir sind auf dem Weg zu einer Jagdhütte. Die Fahrt dauert acht Stunden. Die meiste Zeit fahren wir über Fjorde und Buchten. Alles ist still, gefroren, erstarrt in horizontalen weißen und senkrechten dunklen Flächen. Unter uns, unsichtbar, ist das Meer, 600 Meter tief, von uns getrennt durch ein paar Meter Eis. Die offenen Löcher an den Strömungsstellen dampfen in der Kälte, und ich steuere in großen Bögen an ihnen vorbei. Johannes klettert nach vorn auf den Schlitten. Wir trinken süßen Tee und schwatzen.

Die Hütte liegt unter mehreren Metern Schnee verborgen, aber wir schaufeln uns einen Weg zu ihr. Wir binden die Hunde an und geben ihnen Futter.

Wir bleiben zwei Tage in der Jagdhütte, lesen Bücher und unterhalten uns, gehen jagen, aber fangen nichts, schießen auf Blechdosen, liegen am Abend wach und lauschen ängstlich nach den Hunden.

Ist da ein Eisbär? Ich habe noch nie einen lebenden Eisbären gesehen und hätte keine Ahnung, was zu tun wäre. Aber die Hunde schlafen in Ruhe. Am Morgen liegen sie zusammengerollt da, die rosa Schnauzen unter den Schwanz gesteckt und mit einer feinen Schicht Puderschnee zugedeckt.

Wir spannen die Hunde an und fahren nach Hause zurück, zur Mutter und zur kleinen Schwester, zum Einkaufsladen, zu Satellitenkanälen, Komfort und Zivilisation, Arbeit, Schule, Konflikten, Alltag.

Ich habe meine Hunde verschenkt, als ich die Siedlung verließ, zusammen mit dem Schlitten und meinen Gewehren. Das ist jetzt weg, eine Vergangenheit, die von meinem Leben abgebrochen ist. Auch das Fjordeis ist weg, abgesehen von wenigen Wochen im Winter, und damit auch die Schlittenrouten und die Existenzberechtigung für die Hunde. Ein Großteil von Grönlands Schlittenhunden hat als letztes Ereignis in ihrem Leben mit resignierter Gutmütigkeit, so stelle ich mir vor, in ein doppelläufiges Jagdgewehr geblickt und den leisen Klick des Abzugs vor dem Schuss gehört.

Denn das Eis verschwindet von der größten Insel der Welt. Der Hundeschlittentourismus nimmt ab, der traditionelle Jägerberuf wird bald Vergangenheit sein. Mit dem Klimatourismus dagegen geht es auf Hochtouren voran, und auf von den Tourismusbüros organisierten Rundflügen im Helikopter, zum Beispiel über den Ilulissat-Fjord in die Diskobucht, kann man die Klimaveränderungen direkt verfolgen. Merkel war da. Obama war da. National Geographic war natürlich auch da.

Die Landesbewohner versuchen, sich an die neue Wirklichkeit anzupassen, während sie zugleich auf dem Weg in die Selbstständigkeit sind und im Begriff, einer der wichtigsten Lieferanten von fossilen Brennstoffen und anderen Rohstoffen zu werden. Das ist eine große Herausforderung für die grönländische Identität. Die Grönländer haben die Reise vom kleinen Weiler zur Großstadt gemacht, von Fang und Jagd zu Büroarbeitszeiten, zu Tiefkühlpizza und Nespresso. Die Landschaft, in der sie aufgewachsen sind, ist verschwunden, buchstäblich, wie Tau in der Morgensonne. Die Gletscher sind verdunstet, neues Land ist aufgetaucht, schwarz und trist. Wir müssen uns damit abfinden, dass das Grönland, wie wir es kennen, auf jede nur erdenkliche Weise am Verschwinden ist.

Wenn man „das alte Grönland“ sehen will, muss man heute aufbrechen. Morgen wird es nicht mehr da sein. Darin liegt ein gewisser Schmerz, aber auch Hoffnung. Der Schmerz ist zurückgewandt, die Hoffnung nach vorn gerichtet.

Sommer 1998, Westgrönland: Ich habe eine Vertretungsstelle in einer Siedlung südlich der Diskobucht bekommen und nehme meine Tochter Marie mit. Es ist eine lange Reise. Zuerst mit dem Flugzeug von Kastrup nach Kangerlussuaq, danach mit dem Propellerflugzeug nach Ilulissat, weiter mit einem neuen Flugzeug nach Aasiaat, dann nach Kangaatsiaq mit dem Helikopter, und schließlich die Überfahrt auf einem Fischkutter nach Niaqornaarsuk. Die Hebamme des Ortes begrüßt uns und führt uns zu einem kleinen gelben Haus am Strand, in dem wir die nächsten drei Monate wohnen werden.

In Niaqornaarsuk herrscht Binnenlandklima, es ist Juni, und das bedeutet Mücken. Gestochen wird man unweigerlich, das lässt sich nicht vermeiden. Nach einer Woche haben wir Bänder aus Mückenstichen entlang des Halsausschnitts, um Handgelenke und Knöchel. Wir kratzen uns verzweifelt, wir schmieren uns mit lindernden Ölen ein, die keine Linderung bringen. Unsere häufigste Geste ist ein Wedeln mit den Händen und ein zorniges Kopfschütteln. Nachts kratzen wir uns im Schlaf blutig. Marie schwillt das Gesicht an und sie bekommt Fieber.

Wir bleiben im Inneren des Hauses, und ich lese ihr „Der Graf von Monte Christo“ vor. Wir wagen einen Ausflug und kehren im Laufschritt mit den Jacken über dem Kopf nach Hause zurück, verfolgt von einem Schwarm blutrünstiger Pünktchen. Wir sehnen uns nach Land, Berg, See, Heidekraut und Hitze, nach all dem, das so einladend da draußen vor dem Fenster liegt, aber das Land will uns nicht.

Dann wird es regnerisch und Wind kommt auf. Die Mücken verschwinden. Nie zuvor habe ich trübes Wetter so genossen. Wir machen lange Ausflüge ins Landesinnere, besteigen die kleinen Berggipfel in der Umgebung, lassen uns an Seeufern nieder und picknicken – in strömendem, gesegnetem, mückenfreiem Regen. Es ist kühl, mies, neblig, rau und feucht. Es ist wunderbar.

 

Die nässenden Mückenstichmanschetten trocknen aus und heilen. In der Siedlung, die wochenlang wie ausgestorben wirkte, fängt es an von Leben zu wimmeln. Wir machen Besuche, Kinder werden in der Kirche getauft und auf Traktorwegen in ihren langen Taufkleidern nach Hause gefahren, eine verstorbene Frau wird in ihrem Sarg von ihren Söhnen auf den Schultern getragen. Es gibt Geburtstage, Feste im Versammlungshaus, Gelage. Der Regen rinnt herab, Nebel legt sich um den Ort, wir werden eingeschlossen. Wir wissen, dass wir nicht wegkommen, und darin liegt ein großer Frieden.

Dann kommt die Sonne zurück und damit die Mücken. Die Sonne presst sich rund um die Uhr gegen die Fenster, bohrt sich in den kleinsten Winkel im kleinsten Raum. Wir verschanzen uns wieder und überkleben die Fenster mit schwarzen Abfallsäcken für ein bisschen kühlende Dunkelheit und Befreiung von dem zudringlichen Licht.

Und plötzlich ist der Helikopter da, erst klein wie eine Mücke über dem Berg, dann groß und mächtig. Er peitscht mit seinen Rotorblättern, quirlt das Sonnenlicht und die Mückenschwärme, hebt uns empor und trägt uns davon. Einige Tage später sind wir wieder in Dänemark, zurück in einem anderen Leben.

Die dänisch-grönländische Romanze begann 1721, als der norwegisch-dänische Pastor Hans Egede seine Missionsarbeit in Grönland aufnahm. Ursprünglich hatte er vor, die Wikinger aufzuspüren, die das Land im Mittelalter bevölkert hatten und seit 300 Jahren kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatten. Aber er fand keine. Dafür gab es eine große Anzahl Inuit. Pragmatisch wie er war, übertrug er seinen Plan auf sie. Er arbeitete mit der Bibel in der einen Hand und der Peitsche in der anderen. Häufig kam es zu Handgemengen mit Geisterbeschwörern, aber er war stark wie ein Bär und hatte einen ordentlichen Faustschlag, sodass der Widerstand bald verstummte. Die Inuit nahmen das Christentum an. Das brachte Gutes mit sich, wie sicherere Lebensbedingungen, eine höhere Bildung und die Abschaffung des Analphabetismus unter den christlichen Grönländern. Aber dieser Kultursprung hatte noch eine zweite Folge: die Erkenntnis, die Freiheit verloren zu haben.

Die lange Periode der Unfreiheit, die Kolonialzeit mit ihrem latenten, aber unterdrückten Traum von der Selbstständigkeit, währte über 200 Jahre, bis Grönland 1953 in das dänische Reich eingegliedert wurde als ein Verwaltungsbezirk mit teilweise regionaler Regierung, jedoch der dänischen Verwaltung unterstellt und mit dänischen Beamten. Diese Ordnung blieb bestehen, bis 1979 die grönländische „Selbstverwaltung“ eingeführt wurde, ein wichtiger Schritt hin zu größerer politischer Autonomie. Die verschiedenen Verwaltungsbereiche blieben jedoch trotzdem in dänischer Hand. 2009 kam es zu einer weiteren Neuordnung, diesmal nannte sie sich „Grönlands Selbstverwaltung“. Der Plan, jedenfalls der Plan der Grönländer, ist eine vollständige, aber schrittweise Ablösung über einen nicht definierten Zeitraum.    

Ich bin hinsichtlich Grönlands nicht pessimistisch. Es gibt andere, die das bereits übernommen haben. Ich glaube, dass die Umwälzungen, die sich sowohl politisch wie geologisch und klimatisch vollziehen, ein Teil von Grönlands Weg aus dem langen, entmündigenden Dornröschenschlaf der Kolonialzeit sind. Aber selbstverständlich begleitet den Optimismus auch ein Gefühl von Verlust.

Vor einigen Jahren war ich auf Kos, einer Insel in der Ägäis. Ich lieh mir ein Mofa und fuhr in die Berge. Dort wanderte ich auf Ziegenpfaden, während ich mich immer trauriger und verlorener fühlte. Diese Landschaft verstehe ich nicht, dachte ich. Die Erde war staubig und rötlich, die Büsche staubgrün, die Heuschrecken klangen wie ein Tinnitus, die Luft war warm wie eine Halsentzündung. Ich konnte zwar die Schönheit sehen, den Kontrast zwischen den Nadelwäldern, den weiß gekalkten Dörfern und dem knallblauen Meer. Aber ich verstand sie nicht, vom Gefühl her verstand ich sie nicht.

Als ich nach Dänemark zurückkam und gleich nach Grönland weiterflog, verspürte ich Erleichterung, aber auch eine Verbitterung gegenüber der griechischen Landschaft, die mich in ihre Schönheit nicht einlassen wollte.Die grönländische Natur kann gefährlich sein. Ich habe oft das Gefühl gehabt, mich am Rande einer unkontrollierbaren Situation zu bewegen. Aber es lag auch eine Vertrautheit darin, mehr als Schönheit. Eine große Leere findet man in der Natur dort oben, eine Leere, von der man ein Teil werden kann, ein Ort, an dem man weg sein kann, sich verflüchtigen, sich selbst und dem Rest der Welt abhandenkommen. Ich hatte das Gefühl, diese Natur zu verstehen. Und wenn ich mich mit Respekt und Umsicht in ihr bewegte, würde sie mir auch gestatten, nach Hause zurückzukehren.

Aus dem Dänischen von Annalena Heber

 

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