Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe II/2014, Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten



Whispering Trees Island, die Insel mit dem schönsten Namen der Welt, ist ein Schnäppchen. Bereits für 42.000 Euro kann man dieses Fleckchen Erde, das in einem See der kanadischen Provinz Nova Scotia liegt, kaufen - mitsamt seinen flüsternden Wäldern, stillen Buchten und vorbeischwimmenden Bären.
Von einer einsamen Insel träumen viele Menschen. Sie ist ein Ort, an dem die Welt in Ordnung ist: Die Natur ist schön, die Mitmenschen nerven nicht, weil es kaum welche gibt. Alles Mühsame und Anstrengende ist weit, weit weg.
Der dänische Autor Kim Leine erzählt in diesem Heft von der leeren Schönheit Grönlands, vom Eis, das bald verschwunden sein wird, und von den Schlittenhunden, die nicht mehr gebraucht werden. Die argentinische Schriftstellerin Diana Bellessi fährt mit uns zu den namenlosen Eilanden im Flussdelta des Río Paraná. Und Erri de Luca erinnert sich an Ischia, die Insel seiner Kindheit. Es ist das Überschaubare im Gegensatz zur Komplexität des modernen Alltags, das Inseln anziehend macht. Und es ist der moderne, autonome Mensch, der das Bild von der einsamen Insel - und von sich selbst auf der Insel - überhaupt erst erfindet, schreibt der Kulturwissenschaftler Volkmar Billig.
Der aus Martinique stammende Dichter und Philosoph Édouard Glissant hat sich sein Leben lang mit dem Gedanken befasst, dass Inseln keine isolierten Orte sind, sondern in ständigem Austausch mit anderen Inseln und dem Rest der Welt stehen. Die Journalistin Marsha Pearce stellt in dieser Ausgabe Glissants "archipelisches Denken" vor und erklärt, warum es in Zeiten der Globalisierung so aktuell ist wie nie. Wer wir sind, schreibt Pearce, ist heute zu keinem Zeitpunkt sicher. Wir werden geformt "in Beziehung zu unseren Nachbarn", so wie Inseln geprägt werden vom Austausch mit ihrer Umgebung und allen Menschen, die an ihren Küsten an- und wieder ablegen.
Diese Ausgabe erzählt von Inseln heute, von St. Kilda und Mauritius, Gorée und Utøya, von Tarawa und Solentiname. Unsere Autoren berichten von Sandraub und Klimawandel, von Gewalt und gottverlassenen Orten. Aber auch von funktionierenden Gemeinschaften und vom Zauber wilder Natur. Bei Inseln, das haben wir beim Arbeiten an dieser Ausgabe gelernt, liegen Sehnsucht und Albtraum nah beieinander.

 

Ähnliche Artikel

Sehnsucht nach Damaskus

Ausgabe I/2016, Was bleibt?, Suleman Taufiq

Wie meine Familie an die verlorene Heimat Syrien zurückdenkt

mehr


Gioconda Belli über die Vulkane Momotombo und Momotombito

Ausgabe II/2010, Körper, Gioconda Belli

Wenn man von Managua aus die Carretera Sur Richtung Jinotepe nimmt, bei Kilometer 28 nach links abbiegt und den Hügel hinauffährt, kommt man zu einer alten Kaff... mehr


China: Es grünt im Reich der Mitte

Ausgabe III+IV/2018, Das ärmste Land, das reichste Land

Naturschutz und Wälder spielten in Chinas wirtschaftlichem Wachstum eine eher unwichtige Rolle. Bis 2020 sollen nun 666 Millionen Hektar Wald gepflanzt werden, das entspricht einer Fläche so groß wie Irland. Die Ziele sind hoch gesteckt: Bis 2050 sollen gar 43 Prozent der gesamten chinesischen Landoberfläche von Wald bedeckt sein. Aktuell sind es lediglich 22 Prozent.

mehr


17.000 Inseln

Ausgabe II/2014, Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten, Wicaksono Adi

Wie funktioniert ein Staat, der sich über eine riesige Fläche im Meer erstreckt?

mehr


Blaues Gold

Ausgabe III/2007, Toleranz und ihre Grenzen, Rupert Neudeck

Der britische Umweltberater Fred Pearce entwickelt in seinem Buch „Wenn die Flüsse versiegen“ eine globale Perspektive auf die Wasserprobleme der Gegenwart und Zukunft

mehr


Die Vermessung der Welt

Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert, Annette Hornbacher

Die Menschen haben versucht, die Natur rein rational zu begreifen. Auch das hat zur ökologischen Krise geführt

mehr