Lokalfürsten und Cyberpunks

Sarah Spiekermann, Ausgabe I/2015, High. Ein Heft über Eliten



Warum das Internet noch keine neuen Eliten hervorgebracht hat

Eliten waren früher die Personen und Familien, die am oberen Ende geografisch lokaler Gemeinschaftssysteme wirkten. Sie hatten die Entscheidungsmacht, ja: das Sagen. Man verbindet damit den Unternehmer, der von oben herab sein Unternehmen steuerte; den Adeligen, der seine Landsleute und die Gefolgschaft führte; oder auch den Politiker, der seinen Wahlkreis im Parlament vertrat. Der Aufbau der Gesellschaft glich einer Pyramide. Kommunikation und Entscheidungen hatten zwei Eigenschaften: Sie waren lokal gebunden und flossen von oben nach unten.

Mit der Etablierung des Internets ist dieses klassische Gesellschaftssystem mit seinen lokalen Eliten vollkommen zerfallen. Was genau ist passiert?

Das Internet ermöglichte eine überregionale Echtzeitkommunikation und global synchronisierte Entscheidungskraft, die alle lokalen Machtverhältnisse sprengte. Ein einfaches Beispiel: Globale Konzerne wie Siemens, Nestlé oder IBM waren früher national organisiert. Sie hatten "Lokalfürsten", die in einem Land den Konzern vertraten und in ihren Regionen über Entscheidungsautonomie verfügten. Eine andere als die regionale Organisationsform wäre nicht möglich gewesen, weil die Telekommunikationssysteme so langsam und teuer waren, dass eine globale Koordination von Aktivitäten und Entscheidungen kaum umsetzbar gewesen wäre.

Mit der Echtzeitkommunikation über das Internet wurden ab den 1990er-Jahren global harmonisierte IT-Systeme und Standards (etwa durch SAP-/ERPSysteme) eingeführt. Die Hoheit von Lokalfürsten in Produkt-, Preis- und Marktgestaltung löste sich auf. Heute werden Unternehmen oft von wechselnden Standorten in der Welt gesteuert. Und wo ist die Elite? Lokal ist sie zusammengebrochen. Frustrierte und entmachtete Lokalfürsten verließen oft freiwillig die Strukturen, die sie lange beherrschten. Global mag es eine neue Elite geben. Der neue Chief Executive Officer des Unternehmens (CEO), der an die Stelle des Generaldirektors tritt, hat sich vielleicht aus Hongkong oder Denver den Mitarbeitern im Schwarzwald per E-Mail vorgestellt. Physisch ist diese Elite aber nicht mehr präsent.

Nun könnte man argumentieren, dass eine physische Elite ja auch gar nicht nötig ist. Selbst wenn Kommunikation und Entscheidungen nicht mehr lokal basiert sind, so fließen sie aber doch immer noch scheinbar von oben nach unten. Das heißt, es sieht so aus, als gebe es immer noch ein Oben und ein Unten. Und oben könnte man eine neue Elite vermuten: vielleicht Leute wie Mark Zuckerberg, Barack Obama oder Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel. Aber selbst diese ganz wenigen Unternehmensführer und Politiker, die sich ausnahmsweise mehr als zwei oder vier Jahre an der Macht halten, welche Macht haben sie? Steuern sie wirklich irgendeine nachhaltige Entscheidung von oben nach unten? Ich würde sagen nein; jenseits eines kleinen lokalen Netzwerks, das sie durch ihre physische Präsenz bespielen können, haben sie keinen Einfluss auf Kommunikation. Ihre Impulse diffundieren in einem System ohne Struktur und Aufmerksamkeit. Was meine ich damit?

Wenn Eliten klassischerweise das Sagen hatten, dann bedeutete das, dass ihre Entscheidungen, Gedanken, Werte und Visionen in das Gesellschaftssystem hineingetragen wurden und dort Rückhalt fanden. Sie fanden Resonanz, Absorbierung, Wiederhall und Weitervererbung in einer lokalen Solidargemeinschaft. Wenn ein Landesfürst zum Beispiel besonders christlich war, war sein Landkreis das in der Regelauch. Ideen konnten von oben nach unten durchsickern. Heute hat sich jedoch der Landkreis vom Landesfürsten in Dallas oder Hongkong verabschiedet. Nicht nur weil man örtlich mit den neuen Eliten auf Zeit nichts zu tun hat. Sondern auch weil das Internet die Eigenschaft der horizontalen Kommunikation mit sich bringt. Horizontale Kommunikation heißt, dass ich als alleinerziehende Mutter mit einem behinderten Kind nicht mehr als Außenseiter in meiner lokalen Gemeinschaft mit einem schwierigen Einzelstatus um die Solidarität der anderen kämpfen muss, sondern dass ich in ganz Deutschland, Europa oder in der ganzen Welt Tausende, wenn nicht Millionen anderer Mütter über das Internet finde, die in derselben Situation sind wie ich und die mit mir eine Solidargemeinschaft bilden. Eine Solidargemeinschaft, um die ich nicht kämpfen muss, die mich versteht und mit der ich mehr zu tun habe als mit all den komischen neuen Eliten, die mich weder verstehen noch berühren. So entsteht eine Zersplitterung der Weltgesellschaft in unzählige global verteilte post-moderne Solidargemeinschaften von Minderheiten. Sie haben ihre eigenen Produkte, Gedanken, Werte und Gesellschaftsvisionen, für die sich dann unzählige kleine NGOs starkmachen, die sich politisch gegenseitig neutralisieren. Versuche einer Top-Down-Kommunikation, die von irgendwelchen neuen Eliten formuliert werden oder den Relikten der klassischen Eliten, perlen an ihnen ab. Es gibt hier keine Elite mehr, die in der Minderheit wirklich "das Sagen" hätte. Jeder kommt und geht, wann er will.

Das stimmt nicht ganz: Auch in den neuen, Solidargemeinschaften des Internets gibt es eigene Heroes. Menschen, die als Projektionsflächen das Ideal der Solidargemeinschaft verkörpern. So verehrt die Hackercommunity einen Rob Gonggrijp, die Cyberpunks einen John Gilmore. Die Apple-Fans trauern immer noch um Steve Jobs. Diese Menschen spiegeln das, was die Community gerne sein möchte. Zumindest in dem spezialisierten Handlungsraum, um den herum sich die Community gebildet hat. Aber sind diese neuen Leitfiguren wirklich eine Elite? Werden sie dem gerecht, was klassische Eliten immer als ihre Verantwortung ansahen, nämlich Verantwortung zu übernehmen für ihre Anhänger durch ihre Ideen und Visionen zu führen? Diesen Test haben die neuen postmodernen Splitterelitenheroes noch nicht bestanden. Wenn sie mehr sein wollen als Projektionsflächen, dann brauchen sie den Mut, es zu beweisen.

 

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