Das Leben ist kein Witz

Jihad Kifayeh, Ausgabe I/2009, Menschen von morgen



Jihad Kifayeh aus New York besucht die High School und versorgt seine Familie. Seit dem 11. September 2001 hat sich sein Leben verändert

Mein Name ist Jihad. Alle denken, ich sei hinter ihnen her, ich sei ein Terrorist. Aber das ist überhaupt nicht meine Absicht und war es auch nie. Ich will niemanden verletzen und ich hoffe, dass mich auch niemand verletzen will. Von meiner Schule aus konnte ich am 11. September 2001 den Rauch der Twin Towers sehen. Ich hatte keine Ahnung, was da passierte. Ich war geschockt. Wie konnte man das Amerika, mir, uns antun? Warum sollten Menschen das tun wollen? Ich habe geweint, als die Türme einstürzten. Es hat mich genauso getroffen wie andere. Es war als sei ein Familienmitglied oder einer meiner Nachbarn getötet worden. Dasselbe Gefühl hatte ich, als ich vor einigen Jahren Palästina besucht habe und sah, wie Menschen aus meinem Volk getötet wurden. Es hat mir sehr wehgetan. 


Nach dem 11. September wurden viele Menschen abgestempelt. Meine Mutter – sie trägt das arabische Kopftuch, den Hijab – wurde wie eine Terroristin behandelt. Oft missverstehen die Leute meinen Vornamen, weil er angeblich „Heiliger Krieg“ bedeutet. In Wirklichkeit bedeutet er „Anstrengung für Gott“, und genau das tue ich. Ich bemühe mich im Leben um das Höchste. Ich versuche, meiner Mutter und meiner Familie zu helfen. Gleichzeitig versuche ich, das meiste aus mir rauszuholen: eine Ausbildung zu machen, die meinen Eltern verwehrt geblieben ist. 


Ich bin palästinensischer Muslim und Amerikaner, das ist für mich kein Widerspruch. Als Palästinenser kenne ich meine Geschichte und die meines Volkes. Als Muslim habe ich meinen Spiritualismus. Und als Amerikaner hat mir Amerika die Möglichkeit gegeben eine Ausbildung zu genießen, mir Gehör zu verschaffen, der zu sein, der ich heute bin. Am 30. April 2007 wurde ich angegriffen, weil ich Muslim bin. Hier in Brooklyn gingen einige weiße Kids auf mich los. Sie hörten, wie mich einer meiner Freunde mit Vornamen ansprach. Sie kamen wohl gerade vom Baseball, sie hatten Baseballschläger dabei und gingen auf mich los. Aber eigentlich bin ich froh, dass sie wissen, wer ich bin. Es hat mich stärker gemacht. Sie wissen, mein Name ist Jihad. Sie wissen, dass ich ein Muslim bin, und sie wissen, dass ich Palästinenser bin. 


Noch heute erinnere ich mich daran, wie es damals im Flüchtlingslager in Ramallah war. Wie israelische Soldaten in das Camp kamen und Menschen festnahmen. Damals ging ich als kleines Kind mit meinem Cousin einmal Süßigkeiten kaufen. Als wir unterwegs waren, tat ich einfach das, was alle um mich herum taten, ich nahm einen Stein und schleuderte ihn auf einen Soldaten. Der stellte mich später zur Rede. Dabei zeigte er mit dem Gewehr auf mich. Diesen Moment werde ich nie vergessen. 


Meine Eltern leiden heute noch unter dem, was damals passiert ist. Mein Vater ist arbeitslos, meine Mutter arbeitsunfähig. Zurzeit leben wir von Sozialhilfe und Lebensmittelkarten. Mein Vater kann nicht arbeiten, sein Englisch ist zu schlecht, und so bin ich zwangsläufig der Haupternährer der Familie und hangle mich von Job zu Job. Ich war gezwungen, erwachsen zu werden. Diese Situation macht mir klar, dass das Leben kein Witz ist. Nächstes Jahr will ich aufs College gehen. Ich möchte Apotheker werden, wegen meiner Großmutter. Sie starb, weil sie nur Generika bekam und nicht die richtig guten Medikamente. Ich möchte Menschen helfen, die sich Medikamente nicht leisten können. Ich habe mich bei ein paar Schulen in der Gegend beworben, ich will meine Mutter nicht alleinlassen, ich muss mich ja um sie kümmern. Wenn ich Geld verdiene, werde ich das meinen Eltern zurückgeben. Kein Dollar wird in meiner Tasche landen, solange ich nicht alles gegeben habe, was sie mir gegeben haben. 


In meiner Freizeit höre ich gern Musik und gehe ins Kino. Ansonsten gehe ich ins Fitnessstudio. Ich bin nicht sonderlich groß und die Leute machen immer Witze über meine Größe. Ich versuche, das nicht an mich rankommen zu lassen. Ins Fitnessstudio zu gehen ist eine Form der Flucht, das habe ich im Psychologieunterricht gelernt. Ich lasse meinen Ärger lieber an einem Sandsack aus und lasse mich nicht davon beeinflussen. 

Protokolliert von Robert S. Eshelman


Aus dem Englischen von Claudia Kotte

 

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