Überfälle mit Säure

Koherin Farchana, Ausgabe I/2009, Menschen von morgen



Koherin Farchanaz berichtet, wovor Mädchen und Frauen in Bangladesch Angst haben und warum sie selbst einen Boxsack besitzt

Meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt war. Seither leben meine Zwillingsschwester und ich in Dhaka im Haus der Großmutter bei unserem Onkel und unserer Tante, die wir „Papa“ und „Mama“ nennen. Ich teile mir mit meiner Schwester ein Zimmer. Es ist lustig, die gleiche Kleidung zu tragen und andere zu verwirren, aber eigentlich sind wir völlig unterschiedlich. Ich bin eher ernst, meine Schwester ist viel sprunghafter und frecher. Mein leiblicher Vater ist Geschäftsmann, er arbeitet ununterbrochen und ist ständig unterwegs. Aber er hat mich schon öfter mitgenommen und so habe ich viele Orte in Bangladesch kennengelernt. Ich fände es gut, wenn er nochmals heiraten würde, damit er eine Partnerin hätte, mit der er vieles teilen könnte. Meine Schwester und ich kaufen die Kleidung für unseren Vater, weil er selbst keine Zeit zum Einkaufen hat.


Früher habe ich zu Wutanfällen geneigt und dann wild Papier zerrissen und alle Sachen im Zimmer umhergeworfen. Dann hat mir meine Tante einen Boxsack besorgt und seitdem lasse ich meine Wut daran aus. Das hilft. 


Mein Hobby ist Fotografieren. Nach dem Schulabschluss habe ich einen Fotografiekurs gemacht, und jetzt möchte ich gerne Fotojournalistin werden. In meiner Familie gibt es eine Hausangestellte, die nur fünf Jahre älter ist als ich. Sie ging bis zur 12. Klasse zur Schule, konnte dann aber aus finanziellen Gründen ihren Schulabschluss nicht machen. Sie gehört zur mongolischen Volksgruppe der Gharo, einer ethnischen Minderheit in Bangladesch. Für mich ist sie wie eine große Schwester. Von ihr habe ich viel über diese Minderheit und die Benachteiligungen und Diskriminierung, die sie in Bangladesh erleben, erfahren. Als Fotojournalistin möchte ich darüber berichten. Ich bewundere die erste Frau in Bangladesch, die als Journalistin gearbeitet hat.


Religiös bin ich nicht so sehr, aber ich denke an Allah und bete zu ihm, wenn ich etwas Neues anfange. Ich habe einen eigenen Computer, aber so oft benutze ich ihn nicht, ich bekomme leicht Kopfschmerzen davon. 


In Bangladesch gibt es immer wieder Überfälle, bei denen meistens Frauen oder Mädchen mit Säure bespritzt und überschüttet werden. Es sind Familienfehden, Streitereien oder eine abgelehnte Liebschaft, die zu solchen Verbrechen führen. Manchmal trifft es dann auch Umstehende, die gar nichts damit zu tun haben. Ich habe Angst, Opfer eines solchen Säureangriffs zu werden.


Politik hasse ich. Die Politiker denken alle nur an Geld. In Bangladesch haben wir zwei Frauen als Spitzenpolitikerinnen, aber was tun sie schon für die Frauen? Über internationale Politik weiß ich nicht viel, aber ich finde es gut, dass Barack Obama bei den amerikanischen Wahlen gewonnen hat. Ich habe Verwandte in den USA. Als asiatische Einwanderer werden sie oft diskriminiert. Deshalb ist es ein Meilenstein, dass ein schwarzer Kandidat gewonnen hat. 


Ich habe viele Freundinnen. Mit Jungen bin ich nicht befreundet, denn sie würden sich mit einer Freundschaft wohl nicht begnügen. Deshalb halte ich lieber Abstand. Ich mag es nicht, wenn Jungen mich belästigen und mit dummen Bemerkungen kommen, zum Beispiel, weil ich kurze Haare trage. Verliebt habe ich mich schon mal in einen Schauspieler aus einer Fernsehserie. Aber ich bin nicht wie meine Schwester, die sich schon 18-mal verknallt hat. Mit meinen Freundinnen spreche ich über elektronische Produkte, Kosmetik und anderes, eigentlich alles. Meine Freundinnen interessieren sich für westlichen Lebensstil und sind ein bisschen kindisch. Manchmal kommt es mir so vor, als wären sie viel jünger als ich.


Ich bin stolz, Bangladeschi zu sein und pflege gerne die Kultur und Traditionen. Ich mache mit bei den traditionellen Festen, die andere Jugendliche nicht mehr so richtig im traditionellen Stil begehen. Ich lese auch gern, vor allem historische Bücher über die Gründungsgeschichte von Bangladesch, über den Unabhängigkeits- oder Befreiungskrieg. Andere Jugendliche finden diese Themen wahrscheinlich unwichtig, aber ich denke, dass man daraus etwas lernen kann.

Protokolliert von Irmgard Hettich Sherchan, Dolmetscherin: Ayesha Akter

 

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