"Die humanitäre Hilfe versagt"

Kai Schnier, Ausgabe II/2013, Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten



In seinem Film „Fatal Assistance“, der auf der diesjährigen Berlinale zu sehen war, geht Raoul Peck hart mit der Katastrophenhilfe ins Gericht. Er kritisiert die Kurzsichtigkeit der Helfer in Haiti und anderswo. Ein Gespräch

Herr Peck, seit dem Erdbeben 2010 liefern uns die Medien immer neue Bilder von Armut und Zerstörung aus Haiti. Ist die Lage in Ihrem Heimatland wirklich unverändert kritisch?
Wäre die Lage unverändert, würde ich das begrüßen. Tatsächlich glaube ich aber, dass die Situation sich verschlechtert hat. Die Zeit nach dem Erdbeben hat in Zivilgemeinschaft und Politik viel Schaden angerichtet. Der hai­tianische Staat ist heute schwächer als 2010.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Vor allem daran, dass in Haiti zwei Parallelwelten existieren: die Welt der Geber, der Weltgemeinschaft und der Hilfsorganisationen, und die Welt der Haitianer und ihrer Regierung. Diese beiden Realitäten sind grundverschieden. Während der Dreharbeiten zu "Fatal Assistance" besuchte ich viele Krisensitzungen von Hilfsorganisationen. Da saßen 60 Leute in einem Raum und fällten Entscheidungen über die Zukunft des Landes - oft war unter ihnen kein einziger Haitianer.

Kritisieren Sie nur die fehlende Zusammenarbeit oder haben Sie grundlegende Zweifel an den Absichten der Katastrophenhelfer?
Natürlich verrichten die meisten Leute humanitäre Arbeit mit einer guten Absicht. Von der Großmutter, die 20 Euro spendet, bis zu dem Schauspieler Sea­n Penn, der eine Hilfsorganisation gegründet hat - alle wollen nur Gutes tun. Aber es wird oft vergessen, dass man die Leute mit­ einbeziehen muss, denen man Gutes tun will, um herauszufinden, was überhaupt "gut" ist.

Welche konkreten Fehler wurden in Haiti gemacht?
Nehmen wir das Beispiel Reis. Kurz nach dem Erdbeben verkauften haitianische Frauen auf der Straße Essen. Es gab ausreichend Lebensmittel. Trotzdem setzte sich Bill Clinton als Vorsitzender der Interimskommission für den Wiederaufbau von Haiti (ICRH) für den Import von amerikanischem Reis ein. Dieser Reis war subventioniert und zerstörte den hait­ianischen Markt.

Wie erklären Sie sich solche Entscheidungen?
Das grundlegende Problem ist, dass die Geberstaaten ihre eigenen Regeln nicht befolgen. Die wichtigste dieser Regeln ist: Respektiere die Wirtschaft des Landes und investiere dein Geld lokal. Das ist eine ganz einfache Vorgabe, die aber leider oft vergessen wird, weil die Öffentlichkeit Resultate sehen will. Organisationen in Krisengebieten müssen ihr Budget rechtfertigen. Bilder von Soldaten, die Hilfspakete von LKW-Ladeflächen werfen, sind für die Außendarstellung wichtiger als langfristige Maßnahmen.

Glauben Sie, dass es den Geberstaaten letztendlich nur um den eigenen Profit geht?
Die Katastrophenhilfe ist eine große Maschine, eine Industrie, die schon auf dem Binnenmarkt der Geberstaaten anfängt. Wenn Deutschland Haiti Geld verspricht, dann wird vorher abgesichert, dass ein beträchtlicher Teil dieses Geldes in Deutschland ausgegeben wird. Personal, Ausrüstung, Reisevorbereitungen. Natürlich fliegt man Lufthansa und nicht Air France. 3,6 von insgesamt 9,5 Milliarden Dollar, die Haiti von der Weltgemeinschaft versprochen wurden, sind nie wirklich angekommen.

Wird nicht genug Geld gespendet oder wird das gespendete Geld falsch investiert?
In der Tat geht es nur bedingt darum, wie viel Geld gespendet wird, sondern vielmehr darum, wofür man es einsetzt. Als die USA 2010 ankündigten, dass sie 2,5 Milliarden Dollar für Haiti aufbringen würden, da war das ein Paukenschlag. Es stand in allen Zeitungen. Aber niemand schrieb darüber, dass 800 Millionen Dollar für die 20.000 Marines im Einsatz auf Haiti gedacht waren. Soldaten, nach denen niemand gefragt hatte. Es gab keinen Krieg auf Haiti, sondern ein Erdbeben. Warum konnte man das Geld nicht für nützliche Dinge ausgeben, zum Beispiel für Flüge zwischen Port-Au-Prince und Miami, um Verletzte in Krankenhäuser zu bringen?

Sie sehen das etablierte System der Entwicklungshilfe kritisch. Können engagierte Menschen nicht trotzdem einen Unterschied machen?
Es geht um eine ganze Kette von Abhängigkeiten. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Experte, der ein teures Bauprojekt in Haiti betreut. Nach einigen Monaten stellen Sie fest, dass etwas schiefläuft. Was tun Sie, wenn Ihr 4.000-, 6.000- oder 15.000-Dollar-Gehalt davon abhängt, dass das Projekt funktioniert? Sie schreiben einen Bericht, der hervorhebt, dass Sie 200 Häuser gebaut haben, der aber nicht darauf eingeht, dass die Häuser für die Haitianer wenig taugen, weil es in fünf Jahren durch das Dach regnen wird. Jeder weiß, dass nachhaltige Lösungen Zeit brauchen.

Sind Sie der Meinung, dass die Entwicklungshilfe eingestellt werden sollte?
Mein Film soll klarstellen, dass die humanitäre Hilfe in Haiti versagt hat. Er zeigt die kafkaeske Situation in meiner Heimat: Nichts ergibt einen Sinn. Während der Dreharbeiten musste ich oft an das Märchen "Des Kaisers neue Kleider" denken. Es bringt das Chaos in meinem Heimatland perfekt auf den Punkt. Jeder weiß, dass der Kaiser nackt ist, dass das Land und die humanitäre Hilfe vor großen Problemen stehen. Doch niemand traut sich, das auszusprechen. Bevor wir uns nicht eingestehen, dass es Probleme gibt, können wir sie auch nicht anpacken.

Das Interview führte Kai Schnier

Raoul Peck, 1953 in Port-Au-Prince geboren, ist Drehbuchautor und Filmregisseur. Er lebte in Kinshasa, Paris und Berlin. Zwischen 1996 und 1997 war Peck Kulturminister von Haiti.

 

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