„Ich arbeite für die Wahrheit“

Mahmud Doulatabadi , Ausgabe III/2014, Iraner erzählen von Iran



Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Mahmud Doulatabadi über den
neuen Präsidenten Rohani, ersehnte politische Reformen und das Ringen um Freiheit

Herr Doulatabadi, Sie beschäftigen sich in Ihren Werken mit Umbrüchen und Veränderungen. In Iran ist jetzt mit dem moderaten Kleriker Hassan Rohani ein Präsident im Amt, der den Iranern grundlegende Veränderungen versprochen hat. Wie optimistisch sind Sie, dass Rohani seine Versprechen hält?
Ich bin mir da noch nicht sicher. Die Iraner sind in der Hoffnung auf einen Wandel ohne Tod und Gewalt zur letzten Wahl gegangen. Sie wollen Veränderungen. Rohani hat ihnen diese Veränderungen angeboten, sie selbst gefordert. Die Menschen fühlen, dass ausbleibende Reformen ihr Land in eine sehr schlimme Situation führen könnten. Sie haben Angst. Wir wollen nicht enden wie Syrien, Afghanistan, Ägypten oder Irak. Wir wollen, dass sich Iran als ein Land mit einer Geschichte und einem reichen Erbe präsentiert. Wir wollen, dass unser Land ein gutes Gesicht hat. Rohani ist fest entschlossen, die gegenwärtigen Probleme zu lösen, vor allem in der Außenpolitik. Hoffen wir, dass es ihm gelingt.

Ein politischer Reformkurs würde Ihnen womöglich auch die eigene Arbeit erleichtern. Wie ist literarisches Schaffen in einem Land wie Iran, in dem Bücher vor der Veröffentlichung genehmigt werden müssen, überhaupt möglich? Sie waren immer sehr direkt in Ihrer Sprache. Sie haben die Probleme benannt, Sie haben nichts verschwiegen.
Wenn ein Schriftsteller das Land und die Gesellschaft, in der er lebt, vor allem aber das politische System und die Historie kennt, dann spiegelt sich das in seinem literarischen Werk wider. Er erfindet eine eigene Sprache. Sie können in meinen Büchern meine Enttäuschung, aber auch das Wissen über die Menschen und die Gesellschaft herauslesen. Was die Zensur angeht, streiche oder verändere ich manchmal Wörter, aber niemals die Struktur des Textes.

Die staatlichen Autoritäten in Iran betrachten Sie und Ihr Werk als subversiv. Sie haben Probleme, ein Buch zu veröffentlichen. Die hatten Sie auch schon, als der Schah noch an der Macht war und der Geheimdienst Savak Sie verhaftet hat. Wie haben Sie sich Ihre Geduld bewahrt?
Vielleicht ist das genetisch bedingt; es entspringt der Gesellschaft, in der ich lebe, der iranischen Vergangenheit und meiner Leidenschaft für Literatur und Geschichte, kurzum: den Erfahrungen meiner Vorfahren! Schauen wir uns die großen Dichter Irans an: Hafiz, Attar, Rumi, Bayhaqi und Firdausi – ich denke nicht, dass meine Situation jemals schlimmer war als ihre. Aus meiner Liebe zur Wahrheit heraus habe ich eine Menge ertragen. Ich habe Geduld. Ich bin wie ein persischer Teppich, der umso stärker und fester wird,  je mehr man auf ihm herumtrampelt.

Von Ihnen stammt der Satz: „Wir leben in einem Zeitalter, in dem die nackte Wahrheit noch nicht überflüssig geworden ist.“
Die Menschheit unternimmt größte Anstrengungen, um eine Wahrheit zu finden. Jeder Mensch hat eine eigene Wahrheit. Camus, Sartre, sie alle haben nach der Wahrheit gesucht und sie erkannt. Die Realität ist die Quelle jedes Meisterwerks, jeder künstlerischen Arbeit, sie beeinflusst mein Denken und damit meine Werke. Als Schriftsteller sehe ich die Realität, ich verarbeite sie in Kenntnis der Wahrheit. Kafka und Dostojewski haben die Wahrheit gesucht und erkannt, sie hatten sie bei ihrer Beobachtung der Realität im Kopf und konnten erst so über Unglück und Niedrigkeit schreiben. Auch ich arbeite für diese Wahrheit. Leider sehe ich gegenwärtig in Iran kaum jemanden, der für die Wahrheit schreibt. Es geht um andere Dinge: um Geld und Ruhm.

Wie steht es um die iranische Gegenwartsliteratur, speziell um die junge Autorengeneration in Iran?
Ich denke, dass es in der jüngeren Generation nicht mehr so viel intellektuellen Austausch zwischen Romanschriftstellern und Dichtern gibt. Die Literaten meiner Generation haben miteinander geredet und wir haben uns gegenseitig in unserem Schreiben beeinflusst. Jeder wusste, was der andere gerade schreibt. Heute denken die Schriftsteller, sie müssten Iran verlassen, um bessere Bedingungen für ihr Schreiben zu schaffen. Das ist ihre Entscheidung. Und das ist auch Teil der iranischen Geschichte – das Exil. Es gab eine Zeit, da sind persische Dichter nach Indien emigriert. Dort haben sie eine eigene literarische Schule gegründet, den „indischen Stil“. Das ist heute eine der wichtigsten und schönsten Strömungen der persischen Literatur. Das Exil und die Erfahrung von Exil hat eine eigene literarische Form geschaffen. Auch die persische Exilliteratur ist ein Teil der iranischen Geschichte geworden.

Sie sind als Sohn eines Bauern auf dem Land aufgewachsen und haben als Landarbeiter schwere Arbeit verrichten müssen. Erst mit 13 Jahren verließen Sie Ihr Dorf. Wie hat sich das ländliche Iran seither verändert?
Ich war schon lange nicht mehr dort. Ich höre aber von Freunden, dass die Informationsgesellschaft mit all ihren Vor- und Nachteilen auch auf dem Land Einzug gehalten hat. Früher gab es dort nur eine Handvoll Familien, die ein Radio besaßen. Heute haben viele Dörfer Zugang zum Internet. Noch vor sechzig Jahren arbeiteten die Menschen auf dem Feld wie ihre Vorfahren vor 3.000 Jahren und der Großteil der Ländereien gehörte den Großgrundbesitzern.

Hatten Ihre Erfahrungen als Landarbeiter und danach als Tagelöhner in den großen Städten, teils ohne Obdach, Einfluss auf Ihre spätere literarische Arbeit?
Ja, ganz sicher! In mir liegt die Wahrheit der Vergangenheit, deshalb sitze ich hier und schreibe Geschichten auf. Zu wissen, woher man kommt, ist von elementarer Bedeutung.

Mit „Kelidar“, Ihrem zehnbändigen, rund 3.000 Seiten zählenden Epos, hatten Sie 1983 Ihren literarischen Durchbruch. Das war vier Jahre nach der Islamischen Revolution, also unter dem Revolutionsführer und Staatsgründer Ajatollah Khomeini. „Kelidar“ ist durchaus subversiv, ein zeitloses Werk voller Sarkasmus. Warum gab es damals keine Probleme mit der Veröffentlichung?
Ich habe gehört, dass Khomeini persönlich die Genehmigung gegeben hat. Der damalige Minister für Kultur und islamische Führung, der die kulturelle, künstlerische und literarische Arbeit überwachen und genehmigen muss, war Mohammad Chatami, der später während seiner Präsidentschaft von 1997 bis 2005 als liberaler Reformer galt. Chatami hatte die Veröffentlichung des Buches erst mal gestoppt. Aber sie konnten dieses Werk nicht aufhalten. Und heute? Heute ist mein Roman „Der Colonel“ in meiner Heimat immer noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben worden.

„Der Colonel“ beschreibt die Umwälzungen in Iran während der Islamischen Revolution. Jedes der Familienmitglieder in dem Roman steht für eine andere Wahrheit über die geschichtlichen Ereignisse.
Ja, alle Charaktere in dem Buch beziehen sich auf wahre Personen in der iranischen Geschichte. Die Atmosphäre in dem Buch ist ein Abbild der realen und jüngeren Geschichte unseres Landes. In den USA lehrt ein Professor an der Universität iranische Geschichte anhand dieses Romans. „Der Colonel“ ist die 150-jährige Erfahrung des Konflikts zwischen der Tradition und der Moderne in Iran.

Was kann Literatur im heutigen Iran bewirken? Kann man von Literatur überhaupt gesellschaftliche und politische Veränderungen erwarten?
Wir sollten nicht erwarten, dass die Literatur Veränderungen im täglichen Leben erwirkt. Das bedeutet aber nicht, dass sie ohne Einfluss ist. Es ist nicht realistisch, zu glauben, dass das Schreiben ein politisches System verändern kann. Aber den Einfluss von Text und Wort kann ich nicht abstreiten. Warum wäre ich sonst Schriftsteller geworden? Trotz einer schweren Arthritis schreibe ich immer noch, eben weil ich an die schleichende Wirkung der Literatur glaube. Ich bin ein Schriftsteller für die Wahrheit. Alles andere ist Zeitverschwendung.

Kann die Abwesenheit von Freiheit auch förderlich für die Literatur sein?
Die Abwesenheit von Freiheit ist für nichts gut. Wir wollen die Freiheit, die in unserer Verfassung festgeschrieben ist. Literatur ist etwas, das die Freiheit des Schriftstellers notwendig macht. Genauso muss der Leser ein Buch frei auswählen dürfen. Das ist ein gegenseitiges Verhältnis und ein Hindernis, das in diesem Verhältnis auftritt, kann die Literatur verletzen.

Das Interview führten Afareen Hejazi (Name von der Redaktion geändert) und Florian Bigge

 

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