Bloggen für Chamenei

James Marchant, Amin Sabeti, Ausgabe III/2014, Iraner erzählen von Iran



 

Wie konservative Hardliner im Internet ihre Ideen verbreiten

Die Wahl des gemäßigten Hassan Rohani zum Präsidenten war in vielen Städten in Iran Anlass zu riesigen Partys und Jubelfeiern. Ein Teil des iranischen Cyberspace jedoch, der von konservativen Hardlinern und Antireformern bevölkert wird, war vom Ausgang der Wahl kaum begeistert: „Sollen die Hunde doch auf Deine lächerlichen Ideale scheißen! Ich muss mir jetzt angewöhnen, für die nächsten acht Jahre ‚Präsident Rohani‘ zu flüstern … Verdammt noch mal!“, schrieb beispielsweise Sadegh Nikoo am 15. Juni 2013 im sozialen Netzwerk Google+. Viele dieser weniger begeisterten Personen gehören zu einer Community, die sich selbst „die Arzeshi“ („die Geschätzten“) nennt. Damit  bringen sie ihre große Verehrung von Irans „Oberstem Führer“ Ali Chamenei, der Iran seit 1989 als sogenannter Oberster Rechtsgelehrter repräsentiert, und ihre Hingabe zu den Gründungsprinzipien der Islamischen Revolution von 1979 zum Ausdruck.

Über die Onlinepräsenz von Reformern und Regierungskritikern in Iran ist viel berichtet worden – besonders nach den umstrittenen Wahlen 2009 und dem Entstehen der „Grünen Bewegung“. Irans konservativen Internetaktivisten jedoch, die eine vielfältige und aktive Szene bilden, wurde bisher weit weniger Beachtung geschenkt, sieht man von den Verlautbarungen regierungsnaher Organisationen wie der IT Engineers’ Organisation ab, die 2011 postete: „Achttausend paramilitärische Mitglieder der Basidsch-Miliz stehen bereit, um die Idee eines ‚sauberen Internets‘ im ganzen Land zu fördern.“

Solche Äußerungen lassen vermuten, dass das iranische Regime konservative Netzaktivisten unterstützt und den Fortbestand solcher Communities sichert. Aber so einfach ist die Situation nicht. Unsere Beobachtung der Arzeshi während der iranischen Präsidentschaftswahlen 2013 zeigt, dass die Szene komplexer und autonomer ist und dass viele führende Mitglieder ursprünglich aus den etablierten Medien des Landes stammen.

Wir haben die Mitglieder der Arzeshi in der iranischen Blogosphäre, bei Google+ und Twitter untersucht. So haben wir Erkenntnisse über die Brüche und Trennlinien innerhalb der iranischen Konservativen erhalten und haben jetzt ein Bild davon, wer die Meinungsführer der Arzeshi-Community sind.

Der engagierteste und bekannteste Aktivist ist Vahid Yaminpour, ein politischer Kommentator und Journalist, der früher eine Talkshow im iranischen Staatsfernsehen IRIB hatte. Sein Einfluss in den Medien hat es ihm ermöglicht, durch seinen beliebten Blog yaminpour.ir eine starke Onlinepräsenz aufzubauen. Bei Google+ folgen ihm 31.875 Nutzer. Nicht alle Follower unterstützen dabei unweigerlich seine Haltung. Viele seiner Posts sind so provokant, dass sie auch die Aufmerksamkeit von Reformaktivisten auf sich ziehen. Im Januar 2013 beispielsweise schrieb Yaminpour einen Beitrag über die Gruppenvergewaltigung und den Mord an einer jungen Frau in Neu-Delhi: „Die Vergewaltigung von jungen Frauen ist auf der ganzen Welt kein neues Phänomen … Kriminologen und Viktimologen haben solche Fälle untersucht und dabei auch die Rolle der Opfer unter die Lupe genommen. Anders ausgedrückt: Manchmal verhalten sich Leute so, dass sie sich solchen Verbrechen preisgeben. Die Frage bleibt, weshalb es jungen Frauen erlaubt sein sollte, Männer psychisch unter Druck zu setzen, und ihre Aufmerksamkeit, Ruhe und ihre Familien zu bedrohen. Wenn sich junge Frauen unangemessen kleiden und provokant auftreten, tragen sie damit zu den schlimmen Verbrechen, die an ihnen begangen werden, bei. Für diese Probleme gibt es nur eine Lösung: Verschleierung.“

Verständlicherweise waren Frauenaktivisten und Reformer empört über diese Äußerungen, die ganz offensichtlich dem Opfer die Schuld dafür zusprachen, sexuell angegriffen und ermordet worden zu sein. Eine der Nutzerinnen, Salome Norouzi, reagierte folgendermaßen: „Gott hat die Welt nicht nur für die Männer erschaffen. Aber eurer Meinung nach liegt die Schuld immer bei den Frauen. Wenn in unserem islamischen Land irgendein kranker Mann eine Frau vergewaltigt, geschieht das dann auch aufgrund ihrer unangemessenen Kleidung? Es gibt keine Statistik, die belegt, dass Opfer von Vergewaltigungen in Iran unangemessen verschleiert waren. Ich wünschte, ich könnte Gott bitten, euch Männer alle in Frauen zu verwandeln, um zu schauen, ob ihr dann immer noch derselben Meinung seid.“

Die Debatte zeigt, dass die Arzeshi nicht völlig isoliert sind. Ihre hochrangigsten Vertreter sind in der Lage, das iranische Cyberspace aufzuwirbeln, besonders wenn sie so provokant sind wie Yaminpour. Die Community sollte auch nicht als Jugendclub des männlichen konservativen Establishments in Iran missverstanden werden. Es gibt auch Frauen, die bei den Arzeshi einflussreiche Positionen besetzen. Kobra Asoopar beispielsweise hat als eines der profiliertesten Mitglieder der Arzeshi-Community bei Google+ mit die meisten Follower. Sie ist Journalistin bei Javan, einer Zeitung, die zu den Revolutionsgarden gehört, und betreibt engagiert einen persönlichen Blog asoupar.ir. Sie ist dafür bekannt, dass sie sich gezielt an konservative Aktivistinnen wendet. In einem Post vom 24. Juni 2013 schreibt sie: „Ich bin auf der Suche nach konservativen Soziologinnen und Politikwissenschaftlerinnen sowie nach Frauen im Netz, die Interesse am Debattieren haben. Für Empfehlungen bin ich Euch sehr dankbar. Schickt mir die Links zu ihren Blogs oder Google+-Accounts.“ Asoopar erhielt viele Rückmeldungen: Von über vierzig Google+-Nutzern wurden ihr die Kontaktdaten geschickt. Das zeigt, dass die Beteiligung von Frauen in der Arzeshi-Community größer ist als vielleicht erwartet, wenn man Posts liest, die Arzeshi-Nutzer wie Yaminpour ins Netz stellen.

Die Tatsache, dass gestandene Journalisten und Medienvertreter das Arzeshi-Netzwerk dominieren, bringt das Argument, dass die Community völlig vom iranischen Staat fabriziert wird, ein bisschen ins Wanken. Die Wortführer sind bekannte konservative Aktivisten, die im Netz freiheraus genau das schreiben und posten, was sie auch im Fernsehen sagen oder in den Zeitungen zum Besten geben. So umstritten viele ihrer Meinungen auch sein mögen, es spricht wenig dafür, dass ihre Aktivitäten ausdrücklich von der Regierung gesponsert werden.

Die Anführer und Mitglieder der Arzeshi-Community scheinen im Großen und Ganzen unabhängig zu sein und die sozialen Netzwerke sind frei von offenkundig staatlichen Aktivisten. Aber die Blogosphäre ist eine andere Geschichte. Bekannte Vertreter wie Yaminpour und Asoopar gehören zu den meistgelesenen Bloggern und denen, deren Posts am häufigsten weiterverbreitet werden. Aber bei unseren Untersuchungen der iranischen Blogosphäre stellten wir fest, dass 62,5 Prozent der Blogs nur durch einen einzigen Link mit anderen Seiten im Arzeshi-Netzwerk verbunden waren. Im Grunde waren sie also überhaupt nicht verlinkt. Das bedeutet, dass praktisch niemand diese Blogs liest.

Als wir uns diese „unverlinkten“ Blogs genauer ansahen, wurde klar, dass die große Mehrheit keine Erstveröffentlichungen aufwies. Es gab einfach nur Beiträge, die von anderen konservativen Nachrichtenseiten übernommen worden waren, und viele Seiten waren seit Monaten nicht aktualisiert worden. Es sind diese Blogs, die wahrscheinlich von Aktivisten der Regierung betrieben werden. Sie sollen die Blogosphäre mit konservativen Inhalten füllen und werden später aufgegeben.

Außerdem fanden wir heraus, dass nur 105 Blogger mit über einhundert Links mit dem Arzeshi-Netzwerk verbunden waren. Das sind 0,2 Prozent des gesamten Netzwerks. Dieser Kern der vielgelesenen Aktivisten und Kommentatoren besitzt einigen Einfluss, doch dieser liegt weiter unter dem, was wir anfangs von der IT Engineers’ Organisation gehört hatten: tausende Netzaktivisten, die bereit sind, das Internet zu säubern.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Arzeshi das Produkt einer andauernden Kampagne der Regierung sind, um die reformorientierte iranische Blogosphäre mit konservativen Inhalten zu füllen. Die große Anzahl inaktiver Blogs, die nur Zweitverwertungen aufweisen, legt nahe, dass die Regierung diese Strategie in der Zeit nach den Wahlen 2009 verfolgt hat. Aber die Tatsache, dass in den vergangenen zwei Jahren nur ein kleiner aktiver Kern von Arzeshi-Aktivisten verblieben ist, weist darauf hin, dass die derzeitige Community unabhängig von staatlicher Weisung und Überwachung agiert.

 

 



Aus dem Englischen von Rosa Gosch

 

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