„Wiederbelebung des Homo politicus“

Ramin Karimian, Ausgabe III/2014, Iraner erzählen von Iran



 

Über die vielfältigen gesellschaftlichen Bewegungen in Iran. Ein Gespräch mit dem Journalisten Ramin Karimian

Wir führen dieses Interview über Skype und Sie können sich frei mit mir unterhalten. Fürchten Sie, abgehört zu werden, wenn Sie sich am Telefon kritisch äußern?
Das Internet wird eher sporadisch überwacht. Wenn man nicht die Interessen der herrschenden Klasse gefährdet, kann man eigentlich machen, was man will, und vor allem sagen, was man will. Das sind allerdings vage, ungeschriebene Regeln. Es ist so, als liefe man im Nebel durch einen Dschungel.

Sie forschen zu Presse und Öffentlichkeit in Iran. Hat sich seit der Grünen Bewegung im Jahr 2009 etwas verändert?
Damals wurde die Presse- und Meinungsfreiheit sehr stark unterdrückt. Heute gibt es mehr etablierte Presseorgane. Ja, die Situation hat sich etwas verbessert. Allerdings versucht die Justiz immer noch ständig, die Presse einzuschränken. Parlament und Regierung versuchen wiederum, die Justiz einzudämmen. Das läuft alles sehr subtil.

Als Mitherausgeber einer Zeitschrift, die sich mit der iranischen Gesellschaft beschäftigt, beobachten Sie den sozialen Wandel in Ihrem Land. Was verändert sich?
Früher wurde Macht mit Religion legitimiert. Heute hat das Propagandasystem, das Religion als Ideologie vertritt, seinen Sinn verloren. Die Menschen machen sich über die religiösen Programme im Staatsfernsehen lustig. Außerdem benutzen auch gläubige Menschen Satellitenschüsseln, um türkische oder arabische Sender zu empfangen und deren Unterhaltungsprogramme anzuschauen.

Wieso verliert die religiöse Ideologie an Einfluss?
Die Menschen haben ihren privaten Glauben, der ihres Erachtens nach nichts mit dem Staat zu tun haben sollte. Auch einige religiöse Intellektuelle wollen Religion als etwas Intimes und Persönliches verstanden wissen. In ihren Augen sollte der Glaube wie vor der Revolution im Privaten praktiziert werden. Gleichzeitig wird der Glaube in Iran oft scheinheilig ausgelebt. Manche Menschen geben vor, religiös zu sein, um beispielsweise ihre Arbeit nicht zu verlieren.

Die Grüne Bewegung mobilisierte viele Menschen für Demonstrationen. Hat die Bewegung diese religiöse Scheinheiligkeit kritisiert?
Die Bewegung hatte nicht direkt mit Religion zu tun. Man muss sie mehr als Reformbewegung verstehen. Was sie insbesondere ermöglicht hat, ist die Wiederbelebung des Homo politicus in Iran. Die Menschen gingen für ihre Bürgerrechte und ihre politischen Rechte auf die Straße.

In den westlichen Medien war oft die Rede von Revolution. Kann man die Grüne Bewegung als solche bezeichnen?
Der Hauptslogan war „Wo ist meine Stimme?“, nachdem es Manipulationsvorwürfe bei den Präsidentschaftswahlen gab. Die Menschen wollten in erster Linie einen rechtlichen und konstitutionellen Wandel. Einige Organisatoren der Proteste waren ehemalige Politiker der Reformära von 1997 bis 2005, also der Ära vor der Amtszeit von Mahmoud Ahmadinedschad.

Was hat zu dieser Bewegung geführt?
In Iran wird ständig ein gesellschaftlicher Kampf zwischen Reformern und Konservativen ausgefochten. Ein wichtiger Punkt war jedoch das starke Wachstum der Mittelklasse, das wir in den 1990er-Jahren erlebten. In den späten 1990er-Jahren bildete sich eine Reform- und Zivilgesellschaftsbewegung heraus, die unter der konservativen Regierung Ahmadinedschads abebbte. 2009 gingen dann erneut Menschen auf die Straße, die früher Teil der Reformbewegung waren. Ich würde sagen, die iranische Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Bewegungen. Sie ist jung, lebhaft, schaut nach vorn und bringt sich immer wieder neu hervor.

Das Interview führte Fabian Ebeling

 

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