„Der Kulturbetrieb läuft weiter“

Jumana al-Yasiri , Ausgabe III/2014, Iraner erzählen von Iran



 

Theater spielen mitten im Bürgerkrieg, Romane schreiben im Krisengebiet? Ein Gespräch mit der Kuratorin Jumana al-Yasiri über das kulturelle Leben in Syrien

Frau al-Yasiri, finden trotz des Bürgerkriegs in Syrien noch kulturelle Veranstaltungen statt?
In Damaskus, das vom Regime des Präsidenten Baschar al-Assad kontrolliert wird, läuft trotz der  Stromausfälle, der Inflation und der Angst vor Bomben im Kulturbetrieb alles fast so weiter wie vor der Revolution – im Opernhaus finden Aufführungen statt, die Theaterakademie nimmt Studenten auf und produziert Stücke. In der Oper fangen die Aufführungen jetzt einfach früher an und es werden hauptsächlich Konzerte gegeben, weil die billiger zu produzieren sind. Indem das Regime das kulturelle Leben aufrechterhält, will es vertuschen, was im Land passiert.

Leben und arbeiten überhaupt noch regimekritische Künstler in Syrien?
Ja, aber sie sind eine winzige Minderheit und arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen, wie etwa der Schriftsteller Khaled Khalifa, der noch in Damaskus lebt. Auch die Studenten der Theaterakademie in Damaskus nehmen sich zum Teil gewisse Freiheiten he-raus, indem sie zum Beispiel in ihren Stücken Themen des täglichen Lebens behandeln. Vor einiger Zeit haben sie ein Stück mit dem Titel „Hysterie“ aufgeführt. Der Name spielt auf die verrückte, chaotische Situation an, in der sich Syrien gerade befindet. Aber Kunst, die sich direkt kritisch mit Politik auseinandersetzt, wird im Ausland produziert oder in den sogenannten Free Zones, also den Gegenden, die vom Regime befreit worden sind und von der Freien Syrischen Armee kontrolliert werden.

Welche Art von Kunst findet in diesen Gegenden statt?
Dort wird hauptsächlich interaktives Theater gemacht, sowohl von Profis als auch von Amateuren. Sie verstehen Theater als Form des Aktivismus, als Mittel zum Wiederaufbau und zur Versöhnung und als Waffe gegen islamistische Gruppen. Zum Beispiel gibt es die Puppentheatergruppe Masasit Mati, die ihre oft humorvollen und satirischen Aufführungen hauptsächlich im Internet veröffentlicht. Aber seit es möglich ist, über die Türkei in die Free Zones zu reisen, tritt die Gruppe auch dort auf.

Wie finanzieren sich diese Künstler?
Das Geld kommt zum allergrößten Teil aus dem Ausland. Projekte zur Förderung der Zivilgesellschaft boomen geradezu. Vor der Revolution war es für syrische Künstler sehr schwer, finanzielle Unterstützung aus dem Ausland zu bekommen. Dank der syrischen Künstler-Diaspora gibt es nun viel mehr Möglichkeiten zusammenzuarbeiten. Die künstlerische Arbeit ist jetzt stark mit politischem Aktivismus und humanitärer Hilfe verbunden, sodass zum Teil auch von humanitären Organisationen Gelder zur Verfügung gestellt werden. Der British Council hat ein besonders flexibles Stipendium ins Leben gerufen, das es syrischen Künstlern ermöglicht, unbürokratisch an Geld zu kommen. Auch die exilsyrische Organisation Bidayyat unterstützt von Beirut aus syrische Dokumentarfilmer mit Stipendien und Workshops. Es gibt viele solcher Initiativen, deren Macher sich oft im Hintergrund halten. Viele fürchten um die Sicherheit von Familienangehörigen in Syrien.

Wie können widerständige Künstler eine Öffentlichkeit für ihre Projekte herstellen?
Das Online-Projekt Creative Memory of the Syrian Revolution archiviert Werke verschiedenster Kunstrichtungen – Malerei, Musik, Film –, die sich mit der Revolution auseinandersetzen. Auch dieses Projekt wird vom Ausland unterstützt, vom Institut Français, der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem British Council.

Die syrische Kulturszene blüht und gedeiht also trotz der Schwierigkeiten, mit denen die Künstler konfrontiert sind?
Ich würde das so nicht formulieren. Die syrische Kunstszene hat es auch früher schon gegeben. Der Unterschied ist, dass syrische Künstler sich heute freier ausdrücken.

Sind sie auch Beschränkungen unterworfen, die aus den Erwartungen des Westens resultieren?
Absolut. Die arabische Welt wird in den internationalen Medien als eine von Katastrophen und Krieg dominierte Welt dargestellt. Wenn man als Künstler ein anderes Bild zeichnen oder diese Sichtweise kritisieren will, hat man vielleicht Schwierigkeiten, finanzielle Förderungen zu erhalten.

Welche Möglichkeiten haben ausländische Organisationen angesichts der politischen Lage, Künstlern in Syrien finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen?
Eine Initiative aus Beirut, die sich Citizen Artists nennt, unterstützt junge Theatermacher in den befreiten Teilen des Landes, aber auch in Damaskus. In den befreiten Gegenden ist das kein Problem, dort kann man die Mittel der internationalen Organisationen einfach hinbringen. Das Problem sind die Regionen – und es werden zurzeit immer mehr –, die vom Regime kontrolliert werden. Aber es gibt Möglichkeiten, über Umwege sicherzustellen, dass einzelne Künstler vor Ort direkt von den Geldern profitieren. Es geht dabei weniger um Politik als darum, dass syrische Künstler weiterarbeiten können. Denn nur so können sie überleben.

Das Interview führte Stephanie Kirchner

 

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