Mach doch, was du willst

Janne Teller, Ausgabe IV/2013, Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern



Was hindert uns, die Welt so zu verändern, dass sie uns gefällt?

Bist du für radikale Änderungen im Leben offen oder nicht? Leitest du in deinem eigenen Leben größere Veränderungen ein, wenn es angebracht scheint? Oder entscheidest du dich, wenn du kannst, für Bequemlichkeit und Sicherheit, für das Wohlbekannte, für das, was den Konventionen entspricht – selbst wenn du damit die Chance auf große Verbesserungen für dich und vielleicht auch für andere vergibst? Sind es unsere Persönlichkeiten, unsere Möglichkeiten, unsere Geschichte oder Kultur, die unsere Bereitschaft zum Verändern bestimmen? Oder könnte es noch etwas anderes sein…?

„Du hast die Wahl“, sagt in meinem Roman „Komm“ eine junge Frau zum einem einflussreichen Verleger, der entscheiden muss, ob er den neuen Roman eines Bestsellerautors zum Druck freigibt. Dieses Buch, so behauptet die Frau, beruhe auf tatsächlichen und furchtbaren Ereignissen aus ihrem Leben, aus einer Zeit, als sie bei einer Friedensmission in Afrika mitwirkte, und aus gutem Grund wolle sie diese Ereignisse geheim gehalten wissen. Der Verleger steht auf dem Gipfel seines Lebens, hat großen Erfolg, ist prestigeträchtig verheiratet (mit einer hochrangigen Politikerin aus reicher Familie) und daran gewöhnt, dass seine Handlungen einige Tragweite haben. So glaubt er zumindest, und damit auch, dass es natürlich seine Entscheidung ist.


Doch hat er wirklich die Wahl? Zunächst, ganz simpel betrachtet, kann und soll in der heutigen westlichen Welt alles veröffentlicht werden, was vielleicht jemand zu lesen wünscht. Ein Nein würde den Verleger außerdem aus seinem bequemen Leben hinauskatapultieren, ihn ebenso seine Ehe kosten wie seinen Job und seine gesellschaftliche Stellung. Doch während er an einem Vortrag über Kunst und Ethik schreibt, fällt draußen so viel Schnee, dass er schließlich in seinem Büro festsitzt. Dieser vielbeschäftigte Mann, sonst immer von anderen Menschen umgeben und in einem ständigen Fluss von Meetings und Dringlichkeiten gefangen, ist plötzlich mit seinen eigenen Gedanken allein. Die Entscheidung, die er über besagten Roman treffen muss, verknüpft sich unmittelbar nicht nur mit den Antworten, nach denen er in seinem Vortrag sucht, sondern mehr noch mit den persönlichen Entscheidungen, die er in früheren Momenten traf und an die er nun gebunden ist. Die Theorie ist die eine Sache, die andere ist der konkrete Fall aus dem wirklichen Leben, den er vor sich hat. Wie viel Verantwortung liegt bei ihm? Diktiert tatsächlich der Markt – der ökonomische wie der soziale – alle Abläufe in einer Welt des Wettbewerbs, in der nur die Angepassten überleben? Oder gibt es noch einen anderen Weg?

Das innere ethische Barometer
Als ich „Komm“ schrieb, ging es mir darum, herauszufinden, ob Menschen ein inneres ethisches Barometer haben, eine Stimme des wahren Gewissens, die uns Richtig und Falsch unterscheiden lässt, unabhängig von den moralischen Normen und Konventionen der Gesellschaft und der Zeit, in der wir leben. Und ich wollte erforschen, was mit uns geschieht, wenn wir uns nach diesem Barometer richten – und was, wenn nicht.

Die Gewissensstimme des Verlegers scheint ihm das Gegenteil von dem zu sagen, was ihm sowohl die Konventionen des kapitalistischen Marktsystems nahelegen als auch die Normen seiner Branche, also Kunst und Literatur, die traditionell fast jede Grenzüberschreitung als mutig und wegweisend bejubeln. Wie die meisten modernen Menschen ist der Verleger nicht daran gewöhnt, sich mit seinem inneren Selbst auseinanderzusetzen. Er kann kaum beurteilen, wann ihn wirklich sein Gewissen antreibt und wann es die Erwartungen sind, die er selbst oder andere an ihn richten. Es ist wie ein Gewirr von Rufen aus verschiedenen Richtungen – möchte er überhaupt wissen, welcher dieser Rufe der wahre ist?

Und wir? Würden wir es wissen wollen?
Das gilt für alle Bereiche. Fragen sich Wissenschaftler, ob ihre Forschung wirklich der Verbesserung der Welt, unseres Seins dient? Oder sind sie gefangen in ihrer kurzfristigen Neugier, zu sehr auf ihr eigenes Vorankommen und auf die Erwartungen ihres akademischen Feldes fixiert, um Nein zu sagen, wenn es in eine zweifelhafte Richtung geht? Etwa beim Klonen von Tieren, das schon einige der traurigsten und monströsesten Kreaturen hervorgebracht hat, die man sich vorstellen kann (ohne dass die Öffentlichkeit sie zu sehen bekam); oder beim Implantieren ferngesteuerter Robotertechnik in lebende Insekten; oder bei der Entwicklung von Biochemikalien, mit denen sich unser gesamter Planet entvölkern ließe. Welche Stimme hören Erfinder, wenn sie ihre Neuerungen patentieren und produzieren lassen? Ist die Stimme des Gewissens lauter als der Lockruf des Geldes? Für manche von ihnen wohl schon. Für viele andere aber leider nicht, denn sonst wäre etwa all dies niemals umgesetzt worden: Erdgas-Fracking, mit dem das Grundwasser verseucht wird; Kunststoffe, die sich auf die hormonelle Zusammensetzung von Lebewesen auswirken, zu geschlechtlichen Fehlbildungen bei Fischen und Fröschen und höchstwahrscheinlich auch zu sinkender Fruchtbarkeit bei Menschen führen; oder die Nutzung der Kernenergie, die fröhlich ausgeweitet wird, obwohl wir bis heute keine sichere Lösung für den Atommüll kennen, den wir zurücklassen und der über Jahrtausende eine Gefahr für die Welt bleiben wird.

Hannah Arendt hat uns schon vor langer Zeit die Banalität des Bösen gezeigt. Ich bin überzeugt, diese Banalität – der äußersten Form des Bösen: des bewussten Massenmords – lässt sich auf die ganz alltäglichen Kurzsichtigkeiten und Gefühllosigkeiten übertragen, und immer entsteht sie aus dem gleichen Grund: dass die Menschen nicht auf ihr inneres ethisches Barometer hören. Dass die Frage, was wirklich richtig und falsch ist, in ihnen keinen Widerhall findet. Dass alles, was sie hören, die Stimmen von außen sind, sei es in Form von Befehlen ihrer Vorgesetzten, von Gewohnheiten und gesellschaftlichen Konventionen oder schlicht von bequemem Opportunismus.

Veränderung
Für alle Veränderungen, die wir aktiv anstreben, entscheiden wir uns, so glaube ich, weil wir in ihnen das Potenzial für Verbesserungen in unserem eigenen Leben oder auch noch im Leben anderer Menschen sehen. Aber Veränderung an sich ist nur die wertneutrale Transformation eines Zustands in einen anderen. Sie kann zum Schlechteren wie zum Besseren führen. Die neokonservative Wirtschaftstheorie behauptet, selbst rein egoistische Aktionen, die allein dem Wohlergehen ihres Initiators dienen, würden – ungeachtet der kurzfristigen Nachteile für andere – mit der Zeit zu einer Verbesserung für alle führen. Auch die Naturwissenschaften zeigen sich für dieses Argument anfällig: Wenn etwas neuartig ist, bahnbrechend in welcher Weise auch immer und machbar, so muss es unbedingt gemacht werden; denn eines Tages wird diese Neuerung gewiss für uns alle von Nutzen sein. Doch ich finde, der Gegenbeweis ist längst erbracht: sei es durch hochriskante Energieprojekte von der Kernkraft bis zu den Tiefseebohrungen, mit denen BP die Ölpest im Golf von Mexiko verursacht hat; sei es durch das Abholzen des Amazonasregenwalds; oder sei es, indem der Finanzsektor immer neue Mechanismen von Derivatgeschäften aufeinanderhäufte, bis diese so dubios waren, dass die ganze Weltwirtschaft darunter zusammenbrach.

Ich bin überzeugt, dass nur die Veränderungen, bei denen wir der Stimme unseres inneren Ethikbarometers folgen, auf eine bessere Welt für uns alle hinauslaufen. Würden wir uns selbst und unseren Politikern abverlangen, immer unserem Ethikbarometer gemäß zu handeln, müsste es dann nicht massive Investitionen und unmittelbare Fortschritte geben in Bereichen wie den alternativen Energien, der Trinkwasserversorgung oder dem Kampf gegen Malaria und Aids – anstatt neuer automatischer Handfeuerwaffen, mit Bomben bestückter Drohnen und des nächsten überflüssigen Smartphones? Die eigentliche Frage ist: Warum hören nicht mehr von uns darauf?

Wahl
Der Verleger ist ein mächtiger Mann, seine Entscheidungen haben Konsequenzen für viele Menschen. Doch wir alle haben Macht im größeren oder kleineren Maß, gegenüber unseren Kindern, gegenüber denen, die sich auf uns verlassen, denen, die uns vielleicht brauchen – sowie über unzählige Details unseres Alltags, etwa wie wir beim Einkaufen die Leute behandeln oder ob wir grüßen, wenn wir einen Fahrstuhl betreten.
Wir können nicht kontrollieren, was uns angetan wird, wenn wir machtlos sind. Aber mit dem, was wir dort tun, wo wir selbst Macht haben, definieren wir, wer wir sind.
Es ist ein menschliches Bedürfnis, vor anderen gut dazustehen. So finden wir unseren Platz in der Gruppenhierarchie, und so suchen wir nach Anerkennung für unsere Existenz. Doch was geschieht, wenn die Konventionen der Gruppe, die Ideologie oder gar die Moral der Vielen unserem inneren Ethikbarometer zuwiderlaufen? Welche Stimme ist dann die stärkere?

Ich glaube, unser Verantwortungsgefühl entspricht dem umgekehrten Quadrat der Menge an Menschen, die mit einbezogen sind: Ein Mensch, der auf sich selbst gestellt eine Wahl trifft, spürt die volle Verantwortung, zwei Menschen spüren je ein Viertel, drei Menschen ein Neuntel, vier Menschen ein Sechzehntel und so weiter. Vielleicht lässt sich auf diese Weise erklären, warum es uns leichter fällt, dem Weg der Gruppe zu folgen, selbst wenn dies unserer inneren Stimme widerspricht, als aufzubegehren und den offenen Konflikt mit den Vielen zu riskieren. Doch indem wir folgen, berauben wir uns der Macht, die unserer individuellen Existenz verliehen ist, und verwandeln uns in stumpfsinnige Roboter, übergeben die Fernbedienung an die Anführer der Gruppe, wer auch immer sie sind.

Was dem Verleger langsam klar wird, ist, dass es bei der Wahl, vor der er steht, weniger um das Buch und um seine Verantwortung gegenüber der Frau geht: In Wahrheit geht es darum, welches Leben er möchte – welche Welt er sich wünscht. Eine Wahl, die wir jeden Tag von Neuem treffen können. Was wird er tun? Und auf welche Stimme hörst du? Welche Welt möchtest du?

Aus dem Englischen von Michael Ebmeyer

 

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