Kreislaufwirtschaft

Mohan Munasinghe, Ausgabe IV/2013, Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern



Weshalb wir die Herstellungsprozesse für alle Produkte noch einmal erfinden sollten

Unsere Zukunft wird von einer Vielzahl globaler Probleme bedroht: Armut, ungleichem Konsum, Ressourcenknappheit, Hunger, Krankheiten, Umweltzerstörung, Konflikten und schließlich dem Klimawandel, der alle genannten Herausforderungen noch verstärkt. Die gegenwärtigen Strategien zur Förderung des Wirtschaftswachstums werden von der Globalisierung und den unkontrollierten Kräften des Marktes gesteuert. Die Maßnahmen konzentrieren sich auf die Warenproduktion, sie schaden der Umwelt und verschlimmern soziale Ungleichheiten und Armut. Diese Entwicklungsstrategie ist nicht nachhaltig und birgt enorme Gefahren, die zum Zusammenbruch der globalen Gesellschaft führen und die Entwicklungschancen zukünftiger Generationen mindern könnten.

Bisher haben die Regierenden diese Probleme nicht in Angriff genommen, weil ihr Handeln kurzsichtig und unkoordiniert ist. Es mangelt an Führungsstärke und politischem Willen. Wir brauchen Entwicklungsstrategien, die die verschiedenen Probleme gleichzeitig angehen und dabei die globalen Entwicklungen lenken und die Marktkräfte steuern. Diese Strategien sollten sich auf vier Schlüsselfaktoren des Wandels konzentrieren: das Konsumverhalten, die Produktionstechnologien, die Regierungsführung und die Bevölkerung.

Ein entscheidender Schritt hin zu einer umweltgerechteren globalen Wirtschaftsorgnung bestünde darin, die ersten zwei dieser Faktoren – den Konsum und die Produktion – nachhaltiger zu gestalten. Die Weltwirtschaft verbraucht derzeit natürliche Ressourcen in der Größenordnung von 1,5 Planeten Erde (der sogenannte globale ökologische Fußabdruck der Menschheit). Die 1,4 Milliarden Menschen, die die reichsten zwanzig Prozent der Erdbevölkerung ausmachen, konsumieren fast 85 Prozent der weltweiten Produktionsmenge – das sind sechzig Prozent mehr, als die ärmsten zwanzig Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen. Der Überkonsum der Reichen ist ökologisch nicht sinnvoll. Außerdem verringert er die Chancen der Armen und verstärkt die Ungleichheiten, was wiederum das Risiko von Konflikten erhöht.

Bei der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro wurde das System „Sustainomics“ vorgestellt, ein umfassendes, ganzheitliches und disziplinübergreifendes Konzept, das auf nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster setzt. Es gibt drei globale Hauptziele: Erstens soll der Wohlstand innerhalb eines nachhaltigen Wirtschaftssystems gefördert werden, das ökonomisch effizient arbeitet, aber zugleich die entscheidenden Zwänge der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit respektiert. Zweitens soll die weltweite Ressourcennutzung durch den Menschen auf weniger als die nachhaltige Ertragskraft von einem Planeten Erde verringert werden. Und drittens sollen die grundlegenden Konsumbedürfnisse der Armen erfüllt und der Konsum weltweit fairer verteilt werden.

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist ein wichtiger Bestandteil der Strategie für umweltfreundliche Konsum- und Produktionsmuster. Im herkömmlichen Wirtschaftssystem verlaufen die industriellen Prozesse meist linear. Das bedeutet, dass die Produkte nicht über ihren eigentlichen Lebensweg hinaus gedacht werden. So entstehen bei ihrer Herstellung erhebliche, oft giftige Abfälle und nach ihrem Konsum werden die Sachen einfach weggeworfen. In einer Kreislaufwirtschaft wird dagegen darauf geachtet, die Herstellung so zu gestalten, dass Fabrikabfälle einen wertvollen Beitrag für andere Verfahren liefern und dass Erzeugnisse repariert, wiederverwertet, recycelt und nachgerüstet werden können. Insbesondere sollten ungefährliche biologische Abfälle wieder in die Umwelt gelangen und auf natürliche Weise recycelt werden, während technische Materialströme mit einer minimalen Belastung der Biosphäre wieder in die industriellen Prozesse einfließen. Dies verringert den Materialeinsatz besonders von Wasser, Nahrung und Energie, aber auch von Erzen, Metallen, Industriemineralien, Baustoffen, Land und Biomasse. Umweltschadstoffe – wie Abfälle in Luft und Wasser, Treibhausgase, Festabfälle, Giftmüll und Chemikalien – werden ebenfalls reduziert.

Industrienationen sollten dem Klimawandel entgegenwirken,  ihren Konsum und ihre Produktionsprozesse umstrukturieren und Maßnahmen der Kreislaufwirtschaft ergreifen, um Kohlenstoffemissionen und Wirtschaftswachstum voneinander zu entkoppeln. Länder im mittleren Einkommensbereich hingegen sollten innovative Strategien wie zyklische Industrieprozesse umsetzen, um die Grenzwerte von Treibhausgasemissionen gar nicht erst zu erreichen. Ärmere Entwicklungsländer müssen mit technischer und finanzieller Unterstützung ermutigt werden, ihren Konsum und ihre Produktion nachhaltiger und mit weniger Emissionen zu erhöhen. Schließlich muss für die ärmsten Länder und Gruppen ein Sicherheitsnetz gespannt werden, das ihre Verwundbarkeit durch die Folgen des Klimawandels und die Ressourcenknappheit mindert.

Auf regionaler, lokaler und Gemeindeebene bringen kleine Kreislaufwirtschaften ebenfalls den größten sozialen Nutzen. Dezentralisierte zyklische Produktionsprozesse (siehe nächste Doppelseite) verbrauchen weniger Rohstoffe und Energie, während sie in der regionalen Wirtschaft Arbeit schaffen. Um solche Produktionsprozesse zu fördern, müssten Entscheidungsträger auf der mittleren Ebene, wie Bürgermeister, Gemeindevertreter und Firmenleiter, dafür gewonnen werden. Sie sind oft wichtiger als die nationalen Regierungschefs. Dabei sind Gesetze und Verordnungen ebenso entscheidend wie wirtschaftliche Anreize. Ziel dieser Politik sollte sein, viele relevante Akteure mit einzubeziehen und eine Kooperation zwischen umweltbewussten Unternehmen und der Zivilgesellschaft aufzubauen.

Für die politischen Entscheidungsträger in Europa ist Ressourceneffizienz zur Priorität geworden. Die meisten Länder haben bereits nationale Strategien zur nachhaltigen Entwicklung und zum Umweltschutz entworfen. Darüber hinaus gibt es Aktionspläne, Strategien für die Rohstoffnutzung und zum Klimawandel sowie Programme für Wirtschaftsreformen. In den Kreislaufwirtschaften der meisten europäischen Städte nehmen das Energie- und das Abfallmanagement einen wichtigen Platz ein.

Kreislaufwirtschaften sollten sich auf die wohlhabenden Bevölkerungsschichten konzentrieren, weil es dort viel Überkonsum und Abfall gibt. Auch ließen sich das Wohlergehen dieser Bevölkerungsgruppe bereits durch geringe Einsparungen noch steigern. Zum Beispiel würde eine gesündere Ernährung und Lebensweise sowohl Ressourcen sparen als auch die Lebensqualität der Menschen erhöhen. In vielen Städten wären so beim Energie- und Wasserverbrauch schnell Einsparungen von 10 bis 15 Prozent möglich. Solche Win-win-Ergebnisse werden oft vernachlässigt. Stattdessen fördert eine fehlgeleitete Politik (wie subventionierte Preise) und Marktversagen (etwa wenn Verursacher nicht für die Kosten der Umweltverschmutzung aufkommen müssen) Abfall und Überverbrauch auf globaler und lokaler Ebene.

Wenn man die vielen bereits existierenden politischen Ins­trumente einsetzen würde, wäre eine sofortige Einführung von Kreislaufwirtschaftssystemen durchaus möglich (darunter fällt eine Preispolitik, die die tatsächlichen Kosten widerspiegelt; korrekte Produktkennzeichnungen und -informationen; Aufklärung der Öffentlichkeit; Umweltgesetze und Verordnungen; das Verursacherprinzip und so weiter). Auch in der Praxis bewährte Methoden und -prozesse – besonders durch die jüngsten Fortschritte bei der effizienteren Nutzung von Ressourcen in Unternehmen und durch Werbemaßnahmen für nachhaltiges Verhalten – könnten sofort angewendet werden. Ein schonender Umgang mit Ressourcen ist aber nur dann sichergestellt, wenn die Wirtschaftsaktivität durch ökologische und soziale Nachhaltigkeitskriterien eingeschränkt wird. Für alle Produkte müsste eine vollständige Ökobilanz aufgestellt werden, die die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt und so Punkte, an denen Innovationen die Ressourcen- und Energienutzung verbessern könnten, ausfindig macht. Es reicht nicht aus, einfach nur die Effizienz zu erhöhen, indem man den Ressourcenverbrauch pro Produktionseinheit reduziert. Denn das Wachstum bei der Konsumentennachfrage wird irgendwann jede Einsparung, die durch effizientere Produktion erzielt wird, aufbrauchen.

Dass Kreislaufwirtschaft weniger ein theoretisches Konzept ist, sondern bereits vielfach erfolgreich umgesetzt wurde, zeigen folgende Beispiele: Die chinesische Millionen-Stadt Guiyang hat ihre Ressourcennutzung unter anderem durch den Bau von Wasserkraftwerken effizienter gemacht, die über 70 Prozent ihres Strombedarfs decken. Auf der dänischen Insel Bornholm werden ein Wissenschaftspark mit einer Kongresshalle, Hotels, Apartments und Gemüsegärten so angelegt, dass die Nährstoffe in Endlosschleifen immer wiederverwertet werden. In den USA hat die Ford Motor Company umgerechnet rund 13,5 Millionen Euro in ein 100.000 Quadratmeter großes Dach investiert, das mit Mauerpfeffer bedeckt ist. Diese niedrigwachsende Pflanze kann Energie speichern, 75,7 Milliarden Liter Regenwasser pro Jahr säubern und die biologische Vielfalt vergrößern.

Dass noch viel mehr möglich ist, zeigt folgende Rechnung: Rund 1,1 Milliarden Euro könnten jährlich erwirtschaftet werden, wenn man den Hausmüll in Großbritannien getrennt sammeln und weiterverarbeiten würde, um Biogas zu erzeugen und die Nährstoffe auf landwirtschaftliche Flächen zurückzuführen. Essensabfälle, die für die Biogas- und Kompostproduktion genutzt werden, könnten Dörfern und Städten neue Einkommensquellen verschaffen. Die Kreislaufwirtschaft ist ein entscheidender Schritt hin zur einer nachhaltigen Wirtschaft. Da es so viele Beispiele aus der Praxis gibt, müssen wir nicht auf neue Technologien, Gesetze oder Infrastruktur warten. Konsumenten und Produzenten können ermutigt werden, sich nachhaltiger zu verhalten, ohne dabei Abstriche bei ihrer Lebensqualität machen zu müssen. Wenn wir zusammenarbeiten, werden wir diesen Planeten zu einem besseren und sichereren Ort für unsere Nachkommen machen.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch

 

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