Gefälschte Erinnerungen

Christos Asteriou, Ausgabe IV/2013, Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern



Die neue Ästhetik des Vergangenen: Warum wir die Gegenwart alt aussehen lassen

Ich habe an der Schwelle zweier Zeiten gelebt: der analogen und der digitalen. Es ist schwer zu sagen, ob es heute besser oder schlechter ist; anders ist es jedoch allemal. Eine wenige Terrabyte große Festplatte oder eine Dropbox erlauben es uns jetzt, eine ungeheure Anzahl von Büchern, Fotos, Songs oder Filmen zu speichern. Das vereinfacht den Zugang zu einer immens großen Menge von Informationen, Texten und Bildern, verändert aber gleichzeitig auch unsere Beziehung zu ihnen wesentlich. Die Dominanz der Digitalisierung hat Kunstprodukte von Gegenständen in bloße Archivdaten verwandelt. Auf eine Festplatte gedrängt oder in grenzenlose Clouds - virtuelle Datenspeicher - hochgeladen, verlieren sie automatisch ihre Materialität: Fotografien werden kaum noch auf Papier gedruckt, Musikplatten haben keinen greifbaren Umschlag, werden nicht aus Vinyl oder Aluminium hergestellt, verfügen über keine Rillen, in denen die Nadel gleiten kann, es gibt kein Booklet mit Songtexten und Bildern, man braucht nicht dieselbe Zeit, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen, wie es früher der Fall war. Ist das von Bedeutung? Ich glaube, in einer Hinsicht könnte man die Frage bejahen. Wer noch Erfahrungen in der analogen Zeit gemacht hat, der weiß zum Beispiel, dass "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" nicht bloß eine Ansammlung von zusammengewürfelten Songs war, sondern eine von den Beatles durchkomponierte Platte, die eine besondere Stimmung erzeugen konnte. Wir wissen, dass Pink Floyds "Dark Side of the Moon" nicht nur eine Aneinanderreihung von Songs gewesen ist, die man auf dem iPod in beliebiger Reihenfolge hören kann, sondern ein Gesamtkunstwerk aus zehn sehr konkret platzierten Stücken, illustriert von dem Grafikdesign auf dem Cover und begleitet vom Booklet. "Money" stand am Anfang der zweiten Seite und mit "Eclipse" war das Album dann zu Ende, jedes Mal. Mag sein, dass all das sinnloser Ritualismus ist. In jedem Fall gab es dort jedoch eine Logik, eine aufsteigende Spannung, eine Entwicklung, eine beabsichtigte Temperaturänderung, die nunmehr abhandengekommen ist.
Für die jüngere Generation, die im digitalen Zeitalter heranwächst, sieht die Sache anders aus: Durch die einfache Berührung eines Touchscreens kann man zum nächsten Song, zum nächsten Foto, zum nächsten Video wechseln, rasend schnell. Die technischen Möglichkeiten der neuen Medien scheinen jedoch zu verändern, wie wir Kunst konsumieren. Man kann eine Art Neurose feststellen, die sowohl mit der Geschwindigkeit, als auch mit der fetischistischen Abhängigkeit von der Technologie zu tun hat. Es reichen nur einige Tage ohne Handy, Computer oder iPad und man fühlt sich sofort vom Geschehen abgeschnitten, ja beinahe von der modernen Kommunikation komplett ausgeschlossen. Eine schlechte Internetverbindung genügt, um einen übermäßig nervös zu machen. Die Zeit der Langsamkeit scheint endgültig vergangen zu sein.
Während die Digitalisierung die technologische Vergangenheit in Vergessenheit geraten lässt (wie viele Jugendliche sind in der Lage, eine VHS-Kassette als solche zu erkennen, oder das erste Motorola-Handy oder einen Amstrad-Computer zu benutzen?), erkennt man bei den Nutzern den Drang nach "Authentizität", und das in einer Welt, die alles manipulieren kann. Ein gutes Beispiel dafür liefert das beliebte App Instragram, "eine neue Art, die Welt zu sehen". Obwohl unzählige technologische Möglichkeiten vorhanden sind, um die Gegenwart digital zu speichern und zu reproduzieren, sind die Instragram-Filter überaus beliebt, weil sie neue Fotos in alt aussehende Fotos verwandeln. Wie lässt sich das erklären? Die Quadratisierung der Erinnerungen (angelehnt an die alten Polaroid-Kameras) sowie die Beschichtung der Gegenwart mit einer künstlichen Patina verraten wohl den Wunsch nach einer historischen Tiefe. Bevor die aufgenommene Gegenwart es schafft, in einem natürlichen Prozess alt zu werden, wird sie in nur wenigen Sekunden künstlich veraltet. Man könnte dieses Phänomen Instalgie nennen: die blitzschnelle Erfassung des Augenblicks mithilfe der Hochtechnologie und im selben Moment eine automatische Trauer um ihren Verlust, ausgedrückt durch einen Veralterungsfilter. Die so heiß erwünschte Beschleunigung wird also nicht nur auf die gegenwärtige, sondern auch auf die vergangene Zeit angewendet. In diesem Fall beweist sie die Fähigkeit des Mediums, ein Produkt wie die Fotografie in die entfernte Vergangenheit zu transportieren, um sie künstlich gealtert zurückzuholen.
Immer neue Erfindungen aus der Welt der Technologie unterwandern jede Gewissheit, die wir über die jeweilige Realität haben. Der 3D-Drucker ist bereits ante portas und bringt durch die Hintertür die Materie wieder ins Spiel. Die Art und Weise, wie wir kommunizieren und Kultur konsumieren, war schon immer direkt mit der Technologie verflochten. Heute aber verändert die Technik unsere Selbstwahrnehmung.

Christos Asteriou, geboren 1971 in Athen, hat Germanistik und Neugräzistik in Würzburg studiert. Er war Leiter der deutschen Abteilung am Europäischen Übersetzerzentrum für Literatur in Athen, wo er auch lebt. Er schreibt Romane und Erzählungen. Sein letztes Buch "Isla Boa" erschien im Polis Verlag, Athen. 2012 erhielt Asteriou das Literatur-Stipendium der Akademie der Künste in Berlin.

Aus dem Griechischen von Kostas Kosmas

 

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