Die Robocop-Brille

Kelly Gates, Ausgabe IV/2013, Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern



Ein Kamera-Headset soll Gesichter erkennen und so helfen, Kriminelle sofort zu entlarven



Ein Polizist sucht nach einem Verdächtigen in einer Menschenmenge. Ein kurzer Blick durch seine computergesteuerte Videobrille, und schon hat er ihn ausfindig gemacht. Was klingt wie ein Science-Fiction-Film, ist längst keine Zukunftsmusik mehr. Die brasilianische Militärpolizei will Berichten zufolge zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 ihre Beamten mit Datenbrillen mit eingebauter Videokamera und Gesichtserkennung ausstatten. Diese Geräte werden schon weltweit von zahlreichen Polizeibehörden getestet. Sie sollen helfen Kriminalität zu bekämpfen, Menschenmassen zu überwachen und Sicherheitsrisiken zu erkennen. Das könnte große Folgen haben für die Strafverfolgung, wie wir sie heute kennen. Ob beim Einsatz der Datenbrille der Schutz der Privatsphäre und der Bürgerrechte gewährleistet ist, ist fraglich.
Computergesteuerte Datenbrillen wurden bereits seit den 1960er-Jahren getestet, damals noch mit Virtual-Reality-Systemen des Militärs oder in der Unterhaltungsindustrie. Erst in jüngerer Zeit ist die Technik ausgereift genug, um marktfähige Produkte herzustellen. Sie wird zum Beispiel für die Versorgung von älteren oder körperlich beeinträchtigten Menschen eingesetzt, die via Datenbrille mit einer einfachen Augenbewegung auf sich aufmerksam machen oder das Fernsehprogramm umschalten können. Bei Bränden kann sie Feuerwehrmännern helfen sich zu orientieren. Datenbrillen wie die Google Glass sind aber auch schon für Normalverbraucher zu haben. Die Headsets für den Polizeigebrauch werden derzeit von Unternehmen aus Israel, Großbritannien und den Vereinigten Staaten vertrieben. Anbieter werben damit, dass man mit den Geräten nicht nur Gesichter, sondern auch Nummernschilder erkennen und Video- und Audioaufzeichnungen machen kann. Als weitere Funktionen werden Nachtsicht, Bewegungssensoren und Sprachsteuerung angepriesen. Für manche Anwendungen ist eine Internetverbindung nötig, andere funktionieren auch offline oder lassen den Nutzer seine Daten nach Belieben auf andere Geräte übertragen.

Insbesondere die Gesichtserkennungsfunktion könnte starke Auswirkungen auf die Zukunft der Polizeiarbeit haben, weil sie es ermöglicht "gefährliche" Personen direkt ausfindig zu machen. Häufig lassen Berichte in den Medien aber die technischen und logistischen Herausforderungen, die eine tatsächliche Gesichtserkennung à la Robocop bewältigen müsste, außer Acht. Das gilt auch für die Pläne der brasilianischen Polizei, diese Technik bei der Fußball-Weltmeisterschaft einzusetzen. Bei sich stark verändernden Lichtverhältnissen oder in unkontrollierter Umgebung funktioniert sie nur mäßig. Und selbst wenn sich die Algorithmen zur Gesichtserkennung verbessern ließen, arbeiten die Backend-Systeme der Datenbrillen, also die Teile, die sich fern vom Benutzer befinden, bei Weitem nicht fehlerfrei. Um zufällige Personen auf der Straße oder in einer Menschenmasse auszumachen, müssen erfasste Informationen mit bereits identifizierten Personen in einer zentralen Datenbank in Echtzeit abgeglichen werden. Das funktioniert häufig nicht, weil Informationen über die Identität und das Aussehen von Personen sich ständig ändern und die Datenbanken, die den Backend-Systemen zugrunde liegen, unweigerlich Ungenauigkeiten enthalten. Auch die Zahlenschlüssel, die solche Systeme benutzen, können die volle Komplexität der Informationen nicht fassen. Im schlimmsten Fall, der uns heute nur allzu vertraut ist, landen Menschen zu Unrecht auf den Beobachtungslisten der Behörden. Die automatisierte Gesichtserkennung in Echtzeit bleibt somit eine unausgereifte Technik.

Auch wenn diese Gesichtserkennungssysteme heute noch fehlerhaft sind, ist es wahrscheinlich, dass wir in naher Zukunft beobachten werden, wie die Polizei in größerem Umfang einfache Kameratechnik, die am Körper getragen wird, einsetzt. Eine Datenbrille der US-amerikanischen Firma Taser in Form einer Miniaturkamera mit Aufnahmefunktion bietet die Möglichkeit, Videoaufzeichnungen in die Cloud, dem virtuellen Datenspeicher, der Firma hochzuladen. Die Taser-Brille bietet aber weder Netzwerkverbindungen in Echtzeit noch Sprachsteuerung oder Gesichtserkennung.
Genau wie die Videokameras, die auf Polizeiautos installiert sind, versprechen Geräte, die am Körper getragen werden, den Kontakt von Polizisten und Zivilbevölkerung objektiv zu dokumentieren. Das Hauptverkaufsargument der Firma Taser für ihre Brille ist, dass das Gerät Polizisten erfolgreich vor Anschuldigungen schützt, sie hätten festgenommene Personen misshandelt. Das Geschehen wird aber nur aus der Sicht der Polizisten aufgenommen. Diese entscheiden außerdem selbst, was aufgezeichnet wird, und sind schlussendlich auch diejenigen, die später angehört werden. Kritiker betonen daher, dass an der Objektivität und Aussagekraft solcher Videos als Beweismittel stark gezweifelt werden muss. Um der zunehmenden Verzerrung der Ereignisse durch die Schilderungen der Polizei entgegenzuwirken, könnten sich die Bürger selbst Kameras auf den Kopf setzen und die Welt aus ihrer eigenen Perspektive dokumentieren. Sicherlich werden aber jene, die nicht über diese Möglichkeit zur Dokumentation verfügen, in der schönen neuen Welt der allgegenwärtigen Headset-Technik entscheidend im Nachteil sein.



Aus dem Englischen von Rosa Gosch

Kelly Gates, geboren 1969 in Columbus, Ohio, unterrichtet Kommunikationswissenschaften an der Universität von Kalifornien in San Diego. Ihre Spezialgebiete sind Überwachung und Informationstechnologie. 2011 erschien ihr Buch "Our Biometric Future. Facial Recognition Technology and the Culture of Surveillance" bei NYU Press, New York.

 

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