Einer für alle, alle für einen

Sigmund Loland, Ausgabe I/2014, Beweg dich. Ein Heft über Sport



Wie wir durch Sport lernen, wer wir sind

Ob der Super Bowl in Amerika, die Fußballweltmeis-terschaft oder die Olympischen Spiele: Überall auf der Welt ziehen Großsportereignisse Menschen in ihren Bann. Unsere moderne Sportkultur ist Entertainment pur: Unvorhersehbarkeit und Spannung machen jedes Sportereignis zu einem nervenaufreibenden Krimi. Anders als bei einem Theaterstück oder einem Film folgt Sport keinem Drehbuch, obwohl der Handlungsverlauf sich natürlich nach festen Regeln richtet. Ein Speerwerfer hat eine bestimmte Anzahl an Versuchen, ein Handballteam muss sich bei seinem technischen beziehungsweise taktischen Vorgehen an gewisse Vorgaben halten. Doch innerhalb dieser Grenzen entsteht eine faszinierende Ungewissheit. Das Ergebnis ist völlig offen. Alles ist möglich. Wird der Speerwerfer beim nächsten Versuch besser werfen? Wird der Handball-Angriff zum Tor führen? Wer wird am Ende gewinnen?

Mehr als andere Unterhaltungsmedien hängt Sport daher von Live-Übertragungen ab. Sportfans nehmen große Anstrengungen auf sich, um die Ereignisse hautnah mitzuerleben; Sport bietet ihnen die Möglichkeit, an historischen Momenten teilzuhaben. Die Konstruktion von Sport als Unterhaltung ist keinesfalls unumstritten. Typische Mittel dazu sind Dramatisierung, Konfliktorientiertheit, Personifizierung und in gewissem Umfang Sexualisierung. Wettbewerbe werden zu Zusammenstößen zwischen „uns“ und „ihnen“ stilisiert. Der Jargon ist aggressiv: Da ist von „Kämpfen“ die Rede, man will alles für den Club beziehungsweise das Land „ opfern“, einen entscheidenden Spieler des gegnerischen Teams „ausschalten“. Bei genauerer Betrachtung scheint der Sport tiefere Schichten der menschlichen Psyche anzusprechen. Aber welche?

Eine Reihe von Wissenschaftlern hat den Zusammenhang zwischen Sport und Identitätskonstruktion untersucht. In Norwegen hatte der Polarforscher und Nationalheld Fridtjof Nansen um 1900, während des Ablösungsprozesses von Schweden, maßgeblichen Einfluss auf die Ausbildung der norwegischen Identität, die – so könnte man im wahrsten Sinne des Wortes behaupten – auf Skiern gebaut ist. Hervorragende Leistungen im Wintersport – so der Gründungsmythos – unterscheiden eine kleine Nation am Rande der Arktis vom Rest der Welt. Noch heute haben norwegische Skiläufer eine schwere Last zu tragen, weil sie als Vertreter ihrer Landsleute und deren Werte gelten.

Die Erfahrung Norwegens ist kein Einzelfall. Sport erfüllt überall auf der Welt ähnliche identitätsstiftende Funktionen. Die optische Klarheit seines Handlungsschemas findet sich in Fankulturen wieder. Fans demonstrieren ihre Zugehörigkeit mit Flaggen, Kleidung, Gesichtsbemalung, Maskottchen und Liedern. Der amerikanische Psychiater Arnold Beisser vergleicht dieses sportverrückte Verhalten mit dem Bestreben, ein „Stammesmitglied“ zu werden.

Warum aber ist ausgerechnet der Sport zu einer wichtigen Sphäre der Identitätskonstruktion geworden? Soziologen zufolge zeichnen sich die Gesellschaften der Spätmoderne durch Reflexivität, Diversität und Komplexität aus. Persönliche und soziale Identitätsbildung ist ein schwieriger und keinesfalls eindeutiger Prozess. Wer bin ich? Zu wem gehöre ich? Im Sport beantworten wir diese Fragen anders. Zumindest für einen kurzen Moment liefert er uns Klarheit, Zugehörigkeit und die Möglichkeit unangefochtener Loyalität.

Fankulturen lassen sich vielleicht am besten als moderne Version der mittelalterlichen Karnevalskultur verstehen, wie sie der russische Philosoph Michail Bachtin im 20. Jahrhundert beschrieben hat. Sie sind kreativ und das Gegenteil traditioneller Hierarchien. Der Arbeitslose und der Industriemag-nat stehen Seite an Seite und schreien beim Sieg vor Freude oder bei einer Niederlage vor Verzweiflung. Erst am Ende des Spiels werden die eigentlichen sozialen Rollen wiederhergestellt. Fußballchauvinismus ist als „neunzigminütiger Nationalismus“ bezeichnet worden. Für begeisterte Anhänger scheint die Parteilichkeit jedoch noch weiter zu gehen. In einer Untersuchung über Maskulinität identifiziert der  argentinische Anthropologe Eduardo Archetti Sport als Grundbaustein des männlichen Selbstverständnisses. Die Studien des britischen Sportwissenschaftlers Gary Armstrong über britische Hooligans stützen Archettis Ergebnisse. Hooligans, deren Wurzeln in die englische Arbeiterklasse zurückreichen, finden sich in einer aggressiven, frustrierten und gewalttätigen Subkultur zusammen.

Man sollte die allgemeine Faszination für den Sport  somit vielleicht ernster nehmen, als es derzeit der Fall ist. Marxisten betrachten Spitzensport als Arbeit und als Verlängerung der repressiven kapitalistischen Gesellschaft. Der schwedische Philosoph Torbjörn Tännsjö geht noch einen Schritt weiter und behauptet, Spitzensport spreche die dunklere Seite in uns an. Die Faszination für den Sport führe zu einem unkritischen Kult der Sieger der genetischen Lotterie – nur der Schnellste, Stärkste und Schönste gewinnt. Hieraus folgt nicht nur Verachtung für die Verlierer, sondern vor allem auch Missachtung von Schwäche. Abstrakten Einheiten wie dem Club, der Flagge und der Nation bringen die Anhänger blinde Loyalität auf Kosten des Individuums entgegen. Unsere Faszination für den Sport, so behauptet Tännsjö, ist faschistoid. Tännsjös These ist umstritten. Es ist durchaus möglich, den erfolgreichen jamaikanischen Sprinter Usain Bolt zu bewundern, ohne dabei andere weniger schnelle Läufer zu verachten. Es ist auch möglich, ein treuer Manchester-United-Fan zu sein, ohne dabei das Individuum aus dem Blick zu verlieren. Dennoch sind Tännsjös Argumente von Belang.

Die öffentliche Begeisterung für den Sport ist nicht nur eine Frage der Unterhaltung oder der spielerischen Identitätskonstruktion, sondern sie rührt auch tiefere moralische Bedürfnisse in uns an. Obwohl sie zu gänzlich unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen, treffen sich Tännsjö und die Verfechter der olympischen Ideale an diesem Punkt: Im Sport finden wir erhebliche moralische Dimensionen. Für den Olympia-Anhänger stellt der Sport jedoch eine Idealsphäre dar, in der sich sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft weiterentwickeln kann. Mit Blick auf das olympische Motto „citius, altius, fortius“ („schneller, höher, stärker“) sprach der französische Baron Pierre de Coubertin, der Gründungsvater der Olympischen Bewegung, von Spitzenathleten als Rollenvorbildern für die Zuschauer. Die Beteiligung an fairen Wettkämpfen mache, so Coubertin, sowohl Sportler als auch Zuschauer moralischer und friedliebender. Der olympische Sport könne somit aggressiven Nationalismus durch „aufgeklärten Patriotismus“ ersetzen.

Das olympische Pathos ist schwülstig und idealistisch. Dennoch sprechen die olympischen Ideale wichtige Elemente in unseren Leistungskulturen an. In der Kunst, Musik, Literatur, Wissenschaft oder im Sport besteht ein echtes Bestreben, menschliche Talente weiterzuentwickeln. Die beliebtesten Athleten vereinen starke Leistungen mit Bescheidenheit und Würde. Ihr Streben nach Verbesserung kommuniziert eine allgemeine Botschaft positiver Werte: Wie kann ich mein Talent weiterentwickeln, und mich verbessern? Wie können wir uns gegenseitig fördern? Im Sport können wir ideale Werte verkörpern, das Beste aus uns herausholen – wie es im olympischen Marketing heißt.

Dies sind perfektionistische Ideale. Die Grundidee des Perfektionismus besteht darin, dass jeder Mensch eine moralische Pflicht hat, sein Talent weiterzuentwickeln, und ebenso dazu beitragen sollte, die Talente anderer zu fördern. Die Faszination für den Leistungssport muss also auch im Kontext von moralischen Idealen verstanden werden.

 Aus dem Englischen von Claudia Kotte

 

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