Mc Sport

Joseph Maguire, Ausgabe I/2014, Beweg dich. Ein Heft über Sport



Was die Globalisierung mit dem Sport macht

Als die Briten ihr Imperium vergrößerten, hatten sie die Bibel in der einen und Ball und Schläger in der anderen Hand. Sportarten wie Kricket, Fußball, Tennis und Leichtathletik streuten sie quer über den Erdball, ebenso wie die Idee, dass sich Sport unterrichten lässt. Im 20. Jahrhundert dann verbreiteten die Amerikaner neben ihrer Konsumkultur auch ihre Sportkultur mit American Football, Basketball und Baseball. Der globale Sport professionalisierte sich und wurde konsumorientiert vermarktet. Dieser Prozess wurde durch und durch als fortschrittliches und befreiendes Phänomen dargestellt, das internationale Dialogprozesse und Freundschaften fördere. Im Diskurs des Internationalen Olympischen Kommitees und in Initiativen der Vereinten Nationen, die den Sport zugunsten einer Reihe von Millenniumszielen – zum Beispiel der Armutsbekämpfung, der Geschlechtergleichstellung oder im Kampf gegen HIV/Aids – in Anspruch nehmen wollen, findet sich diese völkerverbindende Sicht wieder.

Die Strukturen des weltweiten Sports können aber auch als symptomatisch für eine neue, vom Konsumdenken beherrschte Phase des westlichen Kapitalismus betrachtet werden. Mit der Ausbreitung der Macht des Westens und seiner Zivilisation mitsamt dem modernen Sport verschwand die Vielfalt spielerisch-zweckfreier Erscheinungsformen anderer Bewegungskultur, in denen oft Tanzen, Spielen und Musizieren zusammenflossen. Bestimmte nicht westliche Körperkulturen haben zwar überlebt und wurden in einem gewissen Ausmaß sogar globalisiert, zum Beispiel das Windsurfen, aber auch traditionelle Volksspiele wie das Kabbadi, ein Art indischer Völkerball, oder Capoeira, die brasilianische Kampfkunst. Doch in Kindergärten, Turnhallen, Schulen und Vereinen entwickeln Menschen heute weltweit eine Körperkultur, die zunehmend standardisiert dem westlichen Modell des Leistungssports folgt.

Der Westen kontrolliert die Schalthebel der Macht im weltweiten Sportgeschehen. Es geht ihm um die Erschließung neuer Märkte und die Kommerzialisierung von Kulturen. Der Sportkonsum ist ein wichtiges Merkmal des Spätkapitalismus. Der zeitgenössische Sport ist in diesem Licht betrachtet eine Erscheinungsform der weltweiten Ausbeutung – von menschlichen Ressourcen, Lebenswelten, Kulturen und von spielerisch-zweckfreier Vielfalt.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erleben wir den internationalen Handel mit Sportlern, Preisgeldern und Werbeverträgen. Sporttalente wandern den Geldströmen hinterher. Internationale Stars wie ­David Beckham werden nicht nur für ihr Talent per se eingestellt, sondern auch wegen ihres Prominentenstatus. Das stellt sicher, dass Unternehmen wie Real Madrid auch in Asien bekannt sind.

Sportartikel werden für zumeist westliche Konsumenten oft in Südostasien handgefertigt – manchmal von minderjährigen Arbeitern mit ausbeuterischen Löhnen weit unter den Standards der Europäischen Union. Der Vertrieb von Sportartikeln, -ausrüstung und ganzen Sportanlagen, zum Beispiel von Golfplätzen, hat sich zu einem internationalen milliardenschweren Geschäft ausgewachsen. Auch das Sport-Marketing, folgt einzig und allein einer bestimmten Richtlinie: der weltweiten Vermarktbarkeit.

Internationale Sportfeste wie die Olympischen Spiele dienen inzwischen als Vehikel für die Verbreitung von Ideologien. Die Eröffnungs- und die Schlussfeier der Olympischen Spiele in Peking 2008 waren darauf zugeschnitten, einem nationalen und weltweiten Publikum Bilder und Botschaften zum Aufstieg Chinas  in der Welt und zur Ideologie des IOC-Slogans „Eine Welt, ein Traum“ vorzuführen. Das übergeordnete Thema für die Spiele von London 2012 war „International Inspiration“ – ein Echo des Postulats eines Welt-Dorfes –, doch zugleich wurden die Spiele auch für die Stärkung der Einheit Großbritanniens in Anspruch genommen. Doch solche Großereignisse können auch ein Forum bieten, über das politisch und kulturell motivierte Proteste ein weltweites Publikum erreichen. Ein Paradebeispiel dafür ist der „Black-Power-Gruß“, die erhobene schwarze Handschuh-Faust der Afroamerikaner Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung für den 200-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt, mit dem sie gegen die Diskriminierung von Afroamerikaner protestierten. Sportorganisationen wie das IOC oder die UEFA wollen jedoch den Anschein wahren, dass Sport unpolitisch ist. Daher sind in Stadien politische Banner nicht erlaubt. Die Redefreiheit endet, wenn die Spiele beginnen. Nur die Botschaften der Sponsoren sind erlaubt.

In jüngerer Zeit wird die westliche Dominanz im internationalen Sportgeschehen infrage gestellt. Die ehemalige Sowjetunion und die osteuropäischen Länder standen schon rund vierzig Jahre lang für eine fortdauernde Kampfansage an den Westen. Auch kubanische Sportlerinnen und Sportler nehmen trotz der ideologischen Differenzen zwischen Castros Kuba und dem kapitalistischen Westen an internationalen Wettkämpfen teil. Die chinesischen Erfolge nahmen zu, als das Land 2008 in Peking selbst Gastgeber der Olympischen Spiele war, und setzten sich bei den Spielen in London 2012 fort. In manchen Sportarten wie zum Beispiel Badminton oder Tischtennis dominieren nicht nur nicht westliche Sportler, sie sind auch umgeben und werden unterstützt von nicht westlichen Trainern, Funktionären, Organisatoren, Sportartikelherstellern und Medienunternehmen. Internationale Zusammentreffen im Tischtennis sind praktisch ein innerchinesischer Wettbewerb. Die koreanische Tischtennismannschaft spielte beispielsweise bei der Londoner Olympiade mit eingebürgerten chinesischen Spielern, wie den Spielerinnen Dang Ye Seo oder Seok Ha Jung. Von den sechzig männlichen Tischtennisspielern in London waren 13 chinesischer Herkunft. Bei den Frauen kamen von 48 Spielerinnen sogar 23 aus China.

Man beachte außerdem, dass die sogenannten BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika – Gastgeber von Fußballweltmeisterschaften, Olympischen Sommer- oder Winterspielen und Commonwealth-Spielen waren oder sein werden. Südafrika war Gastgeberland der Fußballweltmeisterschaft 2010 und Katar erhielt den Zuschlag für das Jahr 2022. Die Menschen in Südafrika hatten durch die Weltmeisterschaft keinen wirtschaftlichen Nutzen, aber Politiker und Hersteller von Markenartikeln nutzten die Fußball-WM ganz gezielt für außenpolitische und imagebildende Zwecke. Die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft in diesem Jahr und die Ausrichtung der Olympischen Spiele im Jahr 2016 erweisen sich auch für die brasilianische Regierung als zweischneidige Angelegenheit. Proteste auf den Straßen und Forderungen nach Weltklasseschulen und -krankenhäusern – weil „Brot und Spiele“ in den Stadien nicht genügen – zeigen auf anschauliche Weise, dass die Bewerbung um und die Ausrichtung von weltweit beachteten Großereignissen unerwartete Konsequenzen nach sich ziehen kann. Auch die russische Regierung war sehr bemüht, das eigene Land mithilfe der diesjährigen Winterspiele in Sotschi in ein günstiges Licht zu rücken. Doch auch in diesem Fall kam es zu peinlichen Nachfragen zur Rolle der Oligarchen, zu Auswirkungen auf die Umwelt, mangelnder Einbeziehung der einheimischen Bevölkerung sowie zur weiter reichenden Frage nach den Rechten von Schwulen und Lesben im Land.

Diese Beispiele mögen einerseits auf eine Verschiebung des Machtgleichgewichts im weltweiten Sportgeschehen hinweisen, sie zeigen aber auch deutlich, dass die Entscheidungen der Mächtigen hinterfragt und Probleme der Demokratie, Transparenz und Verantwortlichkeit untersucht werden müssen. Die Debatte um eine Globalisierung des Sports sollte aber noch weiter gehen und auch Fragen der Körperkultur mit einschließen. Es existiert ein Zusammenhang zwischen dem Verschwinden von Lebensräumen und dem Verschwinden der Vielfalt sportlicher Betätigungen. Vor diesem Hintergrund kann die Frage, ob der zeitgenössische Sport die Welt zum Dorf macht oder sie ihrer Ressourcen und Vielfalt beraubt, realistischer beantwortet werden.        
 

 



Aus dem Englischen von Werner Roller

 

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