„Frau, Anfang zwanzig, akademischer Hintergrund”

Ausgabe I/2014, Beweg dich. Ein Heft über Sport



Der Freiwilligendienst weltwärts ist bei jungen Menschen beliebt. Doch nicht immer sind die ungelernten Kräfte vor Ort willkommen. Kristina Kontzi hat das Programm untersucht. Ein Gespräch

Frau Kontzi, wer nimmt an dem Freiwilligendienst weltwärts des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) teil?

Laut der offiziellen Evaluation von 2011 ist die prototypische Freiwillige eine Frau, Anfang zwanzig, im Westen Deutschlands groß geworden, ihre Eltern haben einen akademischen Hintergrund und ein hohes Einkommen.

 

Was ist die Motivation der Teilnehmer?

 
Ich habe die Erfahrungsberichte, die auf der weltwärts-Webseite veröffentlich waren, untersucht. Die Motivation der Freiwilligen reicht darin von dem Wunsch, etwas Gutes zu tun, darüber, andere Kulturen kennenzulernen, bis dahin, sich auszuprobieren. Ursprünglich lautete das Motto des Programms: „Lernen durch tatkräftiges Helfen“. Es gab einen Aufschrei in der entwicklungspolitischen Szene, weil der „Helfen“-Begriff heutzutage einen paternalistischen Beiklang hat. Als die weltwärts-Webseite 2013 neu aufgelegt wurde, wurde das Wort „helfen“ ganz herausgestrichen. Das grundsätzliche Argumentationsmuster hat sich aber nicht geändert: Freiwillige werden als aktiv beschrieben und es werden jene Themenfelder aufgerufen, die klassisch mit Entwicklung in Verbindung gebracht werden, wie Bildung oder Umwelt. Die fast als omnipotent gezeichneten Freiwilligen brauchen ein Gegenüber und das muss als defizitär beschrieben werden, sonst bräuchte es ja keine Freiwilligen.

 

 

Wie hat man sich das vorzustellen?
Die Menschen in den sogenannten Partnerländern werden grundsätzlich als mangelbehaftet dargestellt: Angeblich mangelt es ihnen an Bildung, an Umweltschutz, die Frauen seien nicht so emanzipiert wie bei uns. So erscheint es als logische Schlussfolgerung, Freiwillige als Unterstützung zu schicken. Weder werden diese Bilder hinterfragt, noch wird die Rolle der Menschen vor Ort benannt. Es wird davon ausgegangen, dass sie den Freiwilligen zur Verfügung stehen. Sie müssen auf sie aufpassen, ihnen eine Unterkunft suchen. Sie werden zu un- oder schlecht bezahlten Betreuungskräften für die Freiwilligen. Weder die aktive Rolle der Partner vor Ort noch die Bedürftigkeit der Freiwilligen wird benannt.

 

 

Andererseits ist es ein Dienst, der kein Fachwissen voraussetzt. Ist das ein Problem?
Viele Freiwilligen nehmen sich selbst so wahr, als seien sie Experten: Sie unterrichten, etwa Englisch, ohne eine Ausbildung zum Englischlehrer zu haben. Manche Vertreter von Partnerorganisationen wünschen sich mehr professionelle Leute, da sie ungelernte Kräfte selbst genug haben.

 



In den Medien wurde der Dienst als „Bespaßungsprogramm“ oder „Ego-Trip ins Elend“ kritisiert ...

Diese Kritik ist bestimmt nicht ganz unberechtigt, wälzt jedoch das Problem auf die einzelnen Freiwilligen ab. Die grundlegenden Strukturen des „helfenden Nordens“ und des „empfangenden Südens“, auf denen der Dienst aufbaut, werden nicht hinterfragt. Mittlerweile setzen sich die Freiwilligen in Vorbereitungsseminaren mit genau solcher Kritik auseinander und auch auf Programmebene wird etwas nachjustiert. Dennoch, Freiwillige, die einen weltwärts-Dienst absolviert haben, können dies in ihrem Lebenslauf positiv verbuchen. So bietet der Dienst eben auch die Möglichkeit, sich vom Durchschnitt der bundesdeutschen Bevölkerung abzuheben.

 

 



Was lernen die Freiwilligen an ihren Einsatzorten?

Es gibt Leute, die mit einem Entwicklungsdienst ausreisen und dann den Fuhrpark benutzen können, in einer Art Gated Community wohnen und verglichen mit der Bevölkerung in Reichtum leben. Es gibt andere, die in Grass-roots-Organisationen mitwirken und durch deren politische Kämpfe eine ganz andere kritische Haltung gespiegelt bekommen. Bei manchen Freiwilligen findet ein Lernprozess statt: Vom anfänglichen Gedanken, sie könnten vielleicht helfen, sind sie dazu gekommen, sich eher als Ballast für die Menschen am Aufenthaltsort zu empfinden, bis dahin, das ganze System infrage zu stellen.

 

 

Ab 2014 soll eine sogenannte Revers-Komponente eingeführt werden. Was ist das?
Es ermöglicht Freiwilligen aus den Partnerländern, nach Deutschland zu kommen, um hier in Organisationen eingesetzt zu werden, die sich für soziale oder Umweltbelange engagieren. Andererseits lässt sich das Programm nicht so einfach umkehren: Freiwillige aus den Partnerländern werden hier nicht mit offenen Armen empfangen, sondern treffen auf eine Gesellschaft, in der sie wahrscheinlich Rassismus erfahren werden.

 

 



Auch das Auswärtige Amt schickt junge Deutsche ins Ausland. Spricht das kulturweit-Programm einen ähnlichen Teilnehmerkreis an?

Bei beiden Programmen bewerben sich eher junge Menschen, die bereits eine priveligierte  Stellung in der Gesellschaft einnehmen. Die Motivationen sind möglicherweise etwas anders gelagert, da es bei kulturweit ja auch darum geht, deutsche Einrichtungen, wie das Goethe-Institut, weltweit stärker sichtbar zu machen. Bei weltwärts hingegen steht eben jene Motivation, etwas Gutes zu tun, im Vordergrund.

 



Das Gespräch führte Timo Berger

 

 

 

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