Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgab, Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert



Wer bin ich? Was tue ich? Und ist das gut? Schon lange erforschen Menschen ihr Bewusstsein. „Erkenne dich selbst“, soll über dem Tempel des Orakels von Delphi gestanden haben. Im konfuzianischen Buch der Riten heißt es: „Das Ziel des großen Lernens besteht darin, die klare moralische Kraft zum Strahlen zu bringen.“ Und der Name der alten afrikanischen Philosophie Ubuntu bedeutet übersetzt: „Ich bin, weil wir sind, und weil wir sind, bin ich.“ Gemeint ist eine Verantwortung des Einzelnen in der Gemeinschaft und eine Verbundenheit dieser Gemeinschaft mit der Natur. Es gibt ganz unterschiedliche aufklärerische Ideen. Für diese Ausgabe haben wir Autoren gebeten, uns die Denktraditionen ihrer Kulturen zu erklären.
 „Ich denke, also bin ich.“ Diesen Satz hat René Descartes in die Welt geworfen und damit die europäische Aufklärung mitbegründet: Vernunft statt Gott, Selbstbestimmung des Individuums, Menschlichkeit für alle.
 Welche Rolle spielen diese Ideen heute, im 21. Jahrhundert? Welche Gewissheiten sollten wir bezweifeln? Wogegen aufbegehren? Welche Fragen stellen?
 Unser bewusstes Denken steuert nur zum Teil unser Verhalten, sagt der britische Politikberater Matthew Taylor, viel häufiger reagieren wir automatisch auf Anforderungen unseres Umfelds. Die israelische Soziologin Eva Illouz denkt über die Ichbezogenheit nach, die der Aufklärung folgte – und stellt fest, dass die Erforschung unseres persönlichen Glücks so viel Zeit in Anspruch nimmt, dass sie uns innerlich erschöpft. Wir glauben, dass wir für alles selbst verantwortlich sind, so Illouz, das hält uns davon ab, politische Missstände anzuprangern. 
 In der arabischen Welt geschieht gerade das Gegenteil: Die Ägypter und Tunesier haben sich eine neue Freiheit erkämpft, die Libyer und Syrer ringen darum. Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse. „Experimente können gelingen oder scheitern“, schreibt Mohammed Bamyeh, Experte für politische Theorie an der Universität Pittsburgh, über die Revolutionen im Nahen Osten.
 Zweifeln heißt, infrage zu stellen, was ist. Und es heißt, Unsicherheit auszuhalten. Zu viel Skepsis kann einen resignieren oder zynisch werden lassen. Aber im Zweifel liegt auch die Schönheit des Möglichen: einen kleinen Teil der Welt zu verwandeln, das Leben zu verändern. Etwas Neues zu wagen.

 

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