Melodie für Millionen

Antonia Grunenberg, Ausgabe IV/2010, Das Deutsche in der Welt



Amartya Sen untersucht in seinem neuen Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“

Drei Kinder streiten darüber, wem von ihnen eine Flöte gehören soll. Das erste Kind hat Musikunterricht gehabt und kann als Einziges auf der Flöte spielen das zweite Kind ist arm und möchte die Flöte, weil es sonst kein Spielzeug hat das dritte Kind hat die Flöte in mühsamer Arbeit selbst hergestellt und betrachtet sie als sein Eigen. Wie sähe eine gerechte Lösung in dem Konflikt zwischen den Kindern aus? Mit diesem Gleichnis beginnt Amartya Sen seine Untersuchung über die Idee der Gerechtigkeit. Sen ist gleichsam prädestiniert, ein solches Buch zu schreiben, ist er doch gleichzeitig Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph. Er vereint kritisches Wissen über die Weltwirtschaft und die sozialen Verhältnisse in vielen Teilen der Welt mit praktischen Einblicken in die Ökonomien der Industrie- sowie der Entwicklungs- und Schwellenländer. Für seine Untersuchungen über Armut und Wohlfahrtsökonomie erhielt er 1998 den Nobelpreis.
Den ersten Teil seines 450 Seiten starken Buches widmet der Autor einer kritischen Würdigung seines verstorbenen Kollegen und Lehrers, des amerikanischen Sozialphilosophen John Rawls. Vor fast vierzig Jahren hatte dieser eine wirkmächtige „Theorie der Gerechtigkeit“ vorgestellt. Sens Kritik richtet sich nun gegen Rawls’ Gleichsetzung von Gerechtigkeit mit Institutionengerechtigkeit. Rawls vernachlässige den Wechselprozess zwischen Erfahrungen und institutionellen Veränderungen und beziehe sich überdies auf metaphysische, das heißt nicht begründungsbedürftige Gerechtigkeitsvorstellungen, die in Institutionen verkörpert sein sollten. Dieser These hält Sen ein an Erfahrung und praktischer Vernunft sich orientierendes Verständnis von praktikabler Gerechtigkeit entgegen. Zur Veranschaulichung führt der Autor ein Begriffspaar aus der indischen Philosophie ein. Es handelt sich um die Begriffe „niti“ (verstanden als Institutionengerechtigkeit) und „naya“ (verstanden als verwirklichende Gerechtigkeit). In dem Raum zwischen diesen beiden Sphären siedelt Sen seine eigene Position an. Das Buch behandelt die Prozesse, die sich zwischen Institutionen und Praxis vollziehen.

Im zweiten Teil führt der Autor in die substanzielle Argumentation zur Gerechtigkeit in verschiedenen Weltkulturen ein, indem er westliche wie indische und chinesische, feministische, antike und moderne Perspektiven von Gerechtigkeit in Augenschein nimmt. Sen führt seine Leserinnen und Leser auf diese Weise in eine Pluralität von Kulturen und sozialen Wirklichkeiten ein, in denen unterschiedliche Sichtweisen auf die Gerechtigkeit miteinander konkurrieren.
Um diese Problematik zu ergründen, bezieht Sen auch wirtschafts- und naturwissenschaftliche wie mathematische Literatur mit ein. Das ist ungewohnt, öffnet aber den Blick für die Interdependenz unterschiedlicher Denkkulturen. Und es erscheint nachvollziehbar, dass Sen, um eine weltweite Perspektive auf Gerechtigkeit im Zeitalter globaler Vernetzung zu erreichen, in der Tat den für uns so gängigen Dualismus zwischen Fortschritt und Zurückgebliebenheit aufbrechen muss. In diesem zweiten Teil fordert der Autor ein, dass alle am sozialen Prozess weltweit Beteiligten, unabhängig von ihren persönlichen Interessen, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu West oder Ost, Nord oder Süd oder ihrem religiösen Bekenntnis, unabhängig auch von ihrem Entwicklungsstand, offen für die Positionen anderer sein müssten und im Zweifelsfall auch bereit, sich überzeugen zu lassen. Dieses Pos-tulat gelte für alle Kulturen und politischen Ordnungen, für Kollektive wie für Individuen.

Der dritte Teil ist den Begriffen gewidmet, mit denen die Gerechtigkeitsidee in enger Beziehung steht. Es geht um die sozialen, politischen und mentalen Voraussetzungen, die erforderlich sind, um Gerechtigkeit weltweit in unterschiedlichen kulturellen Kontexten verwirklichen zu können. Sen behandelt hier wichtige Fragen wie: Woher kommen die Fähigkeiten, die Menschen haben müssen, um ein Gerechtigkeitsempfinden auszubilden und zu praktizieren? In welchem Verhältnis steht Macht zu Gerechtigkeit? Wie gehören Freiheit und Gerechtigkeit zusammen? Dabei wird deutlich, dass es dem Autor nicht allein um die gerechte Verteilung der Güter geht, sondern vor allem auch um die Entstehung von Fähigkeiten zum Ausüben von Gerechtigkeit.
Ein weiteres Korrespondenzfeld betrifft die Praktikabilität von Freiheit. Sen konzentriert sich hier auf Handlungsfreiheit und die Freiheitsbefähigung und deren Interdependenz mit dem sozialen Wohlergehen. Auch hier lenkt der Autor die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser nicht allein auf Grundrechte, sondern auch auf die Praktikabilität von Freiheit im Kontext der Idee einer verwirklichbaren Gerechtigkeit.

In dem abschließenden vierten Teil unterzieht Amartya Sen seine These einer globalen Gerechtigkeit einem Tauglichkeitstest. Er beginnt mit einer überzeugenden Widerlegung der Überlieferung, dass Demokratie eine westliche „Erfindung“ sei. Nicht nur kann Sen nachweisen, dass Jahrhunderte vor der athenischen Polis in Indien Fragen der kommunikativen und partizipatorischen Gestaltung des politischen Lebens aufkamen, er weist auch darauf hin, dass die gemeinsam ausgeübte Politik in der athenischen Polis vielfache Ausstrahlung in die Länder des Vorderen Orients erfahren habe und dort kulturell modifiziert worden sei. Seine Schlussfolgerung lautet, dass das Bedürfnis und die Fähigkeit, ein Gemeinwesen zu gestalten, offenbar kulturübergreifend seien und es daher gelte, den Blick zu öffnen für die Überschneidungen zwischen den verschiedenen Kulturen in Fragen wie Freiheit, Macht und Gerechtigkeit. Freilich bedeutet dies nicht, dass die Gestaltung demokratischer Grundbedürfnisse überall nach den gleichen Organisations- und Verfahrensprozeduren ablaufen müsse. Doch das Grundprinzip, wonach überall auf der Welt Demokratie, verstanden als „Regierung durch Diskussion“, erstrebenswert erscheine, sei vorhanden.
Eine solche Annahme hat Folgen für den Gebrauch der Idee der Demokratie. Wenn zutrifft, dass Idee und Wirklichkeit der Gerechtigkeit eine kulturell verschiedenartige, gleichwohl weltweite Präsenz haben, dann kann auch Demokratie nicht mehr national oder regional oder geopolitisch bestimmt werden. Es bedarf eines erweiterten Begriffs von Demokratie, der sich nicht auf Institutionen und Verfahrensprozeduren beschränkt, sondern Grundformen gemeinschaftlicher Interaktion aktiver Bürgerinnen und Bürger einschließt, die allen Kulturen zugrunde liegen, unabhängig davon, welche institutionelle Form man ihnen gebe und auf welchem kulturellen Sockel sie ruhten.
In anschaulichen, mitunter auch datengestützten Beispielen führt Sen die Fallstricke von nicht gerechtigkeitsorientierten politischen Ordnungen vor. So berichtet er über die Entstehung einer Hungersnot im kolonialen Indien, die allein durch eine statistische Fehlberechnung der Lebensmittelproduktion in einer bestimmten Region durch die Kolonialregierung hervorgerufen worden sei und der nur deshalb schließlich abgeholfen wurde, weil ein mutiger englischer Journalist den Skandal aufgedeckt habe. In diesem Falle habe die Presse die Funktion der öffentlichen Vernunft wahrgenommen. Das Beispiel steht in der Sicht des Autors dafür, dass in sozialen Prozessen ständig Rückkoppelungen an Ideen wie Gerechtigkeit und Vernunft entstehen.

Amartya Sens Werk ist Ergebnis vieler Jahre intensiver Forschungs- und Lehrtätigkeit an renommierten indischen, englischen und amerikanischen Universitäten und Colleges. Es spricht für die Qualität von Sens Buch, dass die Lektüre zu einer Vielzahl von Fragen anregt. Am auffälligsten erscheint, dass Sen die weltweiten Geisteskulturen wie einen Diskussionsklub behandelt, der in unterschiedlichen Kulturen und Epochen immer die exakt gleichen Fragen debattiert: Gerechtigkeit, Freiheit, Macht, Mitbestimmung, Würde. Durch die Enthistorisierung drohen Kontexte und Sinngehalte und der Sinn für sinnstiftende Differenzen verloren zu gehen. Sollte wirklich Gerechtigkeit in einer antiken muslimischen oder hinduistischen Gemeinschaft gleichzusetzen sein mit den Vorstellungen einer Stammesgesellschaft des 6. Jahrhunderts nach Christus in Afrika oder mit einer europäischen Ständegesellschaft im Zeitalter des Absolutismus? Worin läge der Maßstab der Vergleichbarkeit? Könnten nicht in den strukturellen Unterschieden auch Erkenntnispotenziale stecken?
Eine weitere Frage ergibt sich daraus, dass die Leserinnen und Leser im Unklaren gehalten werden, von welcher Perspektive aus der Autor spricht. Geht es ihm um die bessere soziale Selbstorganisation von Gesellschaften überall oder um politische Rahmenordnungen und Handlungsmöglichkeiten – oder um die Organisierbarkeit eines globalen gesellschaftlichen Prozesses? Am Ende entsteht der Eindruck, der Autor betrachte den Globus als eine große Gemeinschaft mit vielen unterschiedlichen Ausprägungen, die der Idee der Gerechtigkeit folgt. Dass es jenseits der sozialen Prozesse und ihrer Organisierbarkeit Fragen gibt, die über die Reproduktion der biologischen Existenz des Menschengeschlechts hinausgehen, die Frage etwa nach der „besten“ Ordnung des Zusammenlebens, die Frage nach geistigen Orientierungen, diese Problematik möchte der Autor lieber in die Rubrik „transzendentale Fragen“ verbannen.
Die Unschärfen, die als Folge der Auflösung aller grundlegenden Fragen und Differenzen in Probleme der Praktikabilität entstehen, sind auch auf einen simplifizierten Begriffsapparat zurückzuführen. Sens Begriff der Macht enthält wenig mehr, als uns der große Soziologe Max Weber vor hundert Jahren nahegelegt hat, er unterscheidet nicht zwischen persönlicher und politischer Macht. Der Diskurs zur Freiheit enthält viele bedenkenswerte Facetten, aber stets scheint es sich um die individuelle Bewegungs- und Wahlfreiheit zu handeln nirgendwo ist die Rede davon, dass es in der Geschichte eine Fähigkeit zur Stiftung von spezifisch politischer Freiheit gibt. Der Autor scheint unentschieden, ob er die Begriffe auf individuelles oder kollektives Handeln beziehen soll oder ob sich kollektives Handeln aus individuellem Handeln ergeben soll. Die politische Dimension bleibt auf Regierungshandeln beschränkt. Seine Definition von Demokratie als „Regierung durch Diskussion“ erscheint eigenartig harmonisierend angesichts der Konflikthaftigkeit demokratischer Prozesse und der unberechenbaren Dynamik sozialer, kultureller und genuin politischer Konflikte.
Amartya Sens großes Verdienst besteht darin, dass er rein westlich orientierte Denkweisen aufsprengt und Offenheit nicht nur einfordert, sondern seinen Leserinnen und Lesern auch vorführt, wie interdependent die Kulturen und Traditionen auf unserem Globus sind. Doch seine Engführung aller Sinnfragen auf ihre Praktikabilität lässt erwarten, dass der Streit darum, was Gerechtigkeit sei und wie sie hervorgebracht werden kann, immer weiter gehen wird.

Die Idee der Gerechtigkeit. Von Amartya Sen. C.H. Beck, München, 2010.

 

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