Wie redet man mit Opfern?

Ausgabe IV/2010, Das Deutsche in der Welt



Bruce Shapiro schult Journalisten, die über Gewalt, Katastrophen und Kriege berichten

Als junger Zeitungsreporter wurde Bruce Shapiro oft losgeschickt, um über Kriminalität oder Brände zu berichten. Doch wie er den Opfern begegnen sollte, wie er sie befragen, was er ihnen zumuten konnte, wusste er nicht. Eines Tages wurde er selbst attackiert. In einem Café stach ihn ein psychisch Kranker nieder. Plötzlich war Shapiro nicht mehr der Reporter des Verbrechens, sondern das Opfer, das von Reportern auf der Jagd nach einer Story bedrängt wird. Diese Erfahrungen weckten in ihm den Wunsch, den Journalismus menschlicher und professioneller im Umgang mit belastenden Ereignissen zu machen. Gemeinsam mit anderen Journalisten, Ausbildern und Psychologen gründete er 1999 in den USA das Dart Center for Journalism and Trauma, dessen Direktor er heute ist. In weltweiten Trainingsprogrammen können Journalisten im direkten Zusammentreffen mit Ärzten, Psychiatern, Forschern und Anwälten eine innovative und ethisch vertretbare Berichterstattung über Tragödien lernen und finden auch Ansprechpartner für eigene psychische Belastungen. „Ein guter Journalist“, warnt Shapiro, „der aus der Bahn geworfen wird, weil er zu viel Blut und Leid mit ansehen musste, wird so effektiv verstummen, als hätte man ihn in einem orangefarbenen Overall nach Guantanamo transportiert.“ Dank der Aufklärung durch das Dart Center mit seinem Hauptsitz in New York und Vertretungen in Großbritannien, Deutschland, Australien und Indonesien haben inzwischen schon einige große Medienunternehmen ihre Verantwortung für die Gesundheit ihrer Journalisten erkannt und bieten ihnen psychologische Unterstützung an.

 

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