„Nach Litauen ging ich, weil es dort etwas zu essen gab“

Elsbetta Kondrotenkiene, Ausgabe IV/2010, Das Deutsche in der Welt



Vor dem Zweiten Weltkrieg war sie ein deutsches Kind, danach eine litauische Frau. Ein Gespräch mit Elsbetta Kondrotenkiene

Frau Kondrotenkiene, Sie sind am Ende des Zweiten Weltkriegs mit Ihren Eltern von Ostpreußen nach Westen geflohen.
Ja, wir mussten im Herbst 1944 fliehen. Alles blieb da: die Kühe auf der Weide, die Schweine im Stall und die Hühner auf dem Hof, Hund und Katze auch. Wir hatten schon die Kartoffeln aufgelesen und in Mieten – das sind so kegelförmige Haufen auf dem Feld – zusammengeschüttet. Aber auch die blieben dort und auch das Getreide, das noch nicht ausgedroschen war. Wir mussten mit dem Pferdewagen los und fuhren Richtung Königsberg.

Wie hatten Sie vorher mit Ihrer Familie gelebt?
Wir lebten auf einem Hof im Kreis Elchniederung in Ostpreußen. Als der Krieg 1939 begann, kamen Soldaten in unsere Gegend. Wir mussten Zimmer abgeben und auch die Schule war vom deutschen Militär besetzt. Die Bänke wurden in die Scheune gebracht, da haben wir dann gelernt. Ich kann mich aber nicht entsinnen, dass jemand vom Krieg sprach. Die Soldaten gaben uns Bonbons und Zucker, damals gab es so etwas nicht.

Sie waren dreizehn, als Sie Ihr Dorf verlassen mussten. Wie haben Sie die Flucht erlebt?
Die Straßen waren voller Wagen und Menschen, die zu Fuß gingen. Wir fuhren bis Neukuren bei Königsberg. Da bekamen wir ein Häuschen von Leuten, die schon geflüchtet waren. Wir blieben den Winter über, mein Vater, meine Mutter, mein jüngerer Bruder und eine meiner Schwestern. Meine andere Schwester lebte weit entfernt von uns und drei meiner Brüder waren schon gefallen.

Weshalb sind Sie nicht noch weiter in den Westen geflüchtet?
Mein Vater sagte: „Ach, und wenn die Russen kommen – das sind doch auch nur Menschen.“ So blieben wir. Wir wussten auch gar nicht, wo die Front war. Es gab kein Radio. Man wusste nur das, was man von den Leuten hörte. Andere Flüchtlinge sind weitergefahren. Sehr viele von ihnen kamen um: Sie fuhren über das frisch zugefrorene Haff und sind eingebrochen.

Wie ging es für Sie weiter?
Als Königsberg bombardiert wurde, mussten wir auch wieder flüchten. Wir sollten mit dem Schiff weggebracht werden, aber das wollte unser Vater nicht. Deshalb fuhren meine Schwester und ich mit dem Fahrrad weiter, meine Eltern und der Bruder mit dem Wagen. Die Russen flogen mit Flugzeugen über uns und schossen. Das war sehr schlimm. Wir verloren uns. Mein Vater wurde verletzt. Meine Eltern fuhren deshalb auf einen Hof und blieben dort. Die Mutter stand an der Straße und hat aufgepasst, ob meine Schwester und ich vorbeikommen. So haben wir uns wiedergefunden. Auf dem Hof waren auch deutsche Soldaten. Plötzlich sagte einer: „Der ist schon hier.“ Ich dachte: Wer ist schon hier? Ich guckte zu dem Wäldchen hin, wo auch die Soldaten hinsahen. Da kam der Russe aus dem Wald, aber es wurde nicht geschossen, weder von den Deutschen noch von den Russen.

Wie haben sich die russischen Soldaten verhalten?
Die deutschen Soldaten wurden gefangen genommen. Auch die besten Pferde wurden weggenommen. Uns fragten sie, woher wir kamen, und sagten, wir sollen zurückfahren. Wir bekamen ein lahmes Pferd. Der Vater lag im Wagen, wir anderen gingen zu Fuß, die ganze Strecke, über hundert Kilometer.

Wie haben Sie Ihr Dorf vorgefunden?
Da war nichts mehr. Alles war kaputtgeschlagen und vor allem war alles überschwemmt. Es war ein Damm beim Dorf gebrochen, sodass das ganze Wasser aus der Memel in den Kreis Elchniederung geflossen war.

Waren noch russische Soldaten im Dorf?
Ja, es war schlimm, die haben die Frauen vergewaltigt. Ich war klein und schwach, mir haben sie noch nichts getan. Alle Frauen versteckten sich nachts immer. Wir hatten Kähne am Fluss und fuhren zum Schlafen ins Schilf.

Wie haben Sie die Tage verbracht?
Wir mussten arbeiten. Es gab Wagen zum Schieben, mit denen mussten wir sammeln gehen, Heugabeln, Spaten, Äxte und Sägen aus den verlassenen Häusern und Höfen. Die brachten wir in die russische Kommandantur. Wir bekamen eine Suppe oder ein Stückchen Brot, aber wenig. Wir hatten nichts zu essen, wir haben so gehungert. Dort, wo die Kommandantur war, wurde für die Russen gekocht. Die Reste wurden hinter einer Scheune ausgeschüttet. Nachts ging man dort suchen, auch meine Schwester ging hin, damit wir ein bisschen was zu essen hatten. Ich bekam Cholera, weil das Wasser verunreinigt war. Es gab nur grüne Johannisbeeren und Stachelbeeren zum Essen. Auch Sauerampfer und Brennnessel haben wir gekocht. Dann starb mein Vater an Typhus.

Wie haben Sie das Kriegsende erlebt?
Dass der Krieg aus war, merkten wir, weil geschossen wurde und die Russen schrien: „Krieg kaputt“. Da wussten wir, dass der Krieg verloren ist.

Waren Sie erleichtert?
Nein, wir hatten schon so gelitten und auch weiter nichts zu essen, gar nichts.

Es machte also keinen großen Unterschied, dass der Krieg zu Ende war?
Nein. Als der Krieg aus war, fuhren wir nach Seckenburg, da hatten Verwandte gewohnt. Das Häuschen war leer, da lebten wir dann. An einem Tag fiel meine Mutter um. Sie war noch nicht tot, sie starb erst am nächsten Morgen, das weiß ich noch. Wie die Krankheit heißt, weiß ich nicht. Und es gab ja auch ohnehin gar keine Medizin.

Damals waren Sie vierzehn?
Ja. Und dann wurde so viel von Litauen gesprochen, dass es dort zu essen gibt, und ich sagte, ich werde auch gehen. Die Jugend ging nach Litauen.

Wollten Sie nicht bei Ihren Geschwistern bleiben?
Nein, denn wir hatten zu wenig zu essen. Meine ältere Schwester blieb mit ihrer Tochter und unserem kleinen Bruder im Dorf. Ich bin nur wegen des Essens weggegangen. Das war die Hauptsache damals. In Litauen bekam ich zu essen, so viel ich wollte.

Wohin hat es Sie verschlagen?
Es waren sehr gute Leute, zu denen ich kam, eine Bauernfamilie. Ich war ja schon älter, ich konnte alle Arbeiten übernehmen, zum Beispiel die Kühe melken.

Wie hat man auf Ihre deutsche Herkunft reagiert?
Mir ist nie Feindseligkeit entgegengeschlagen. Die Litauer waren sehr gut. Damals wurden viele Leute nach Sibirien gebracht, auch viele Deutsche. Abends hörte man oft Schreie. Die Bauern hatten Angst, dass sie auch weggebracht werden, wenn sie eine Deutsche haben. Der Bauer sagte zu mir: „Wir lassen für dich einen Pass machen.“ Er ist zu den Behörden gegangen und hat mich angemeldet im Kreis Pogegen im Memelland. Ich konnte mich entsinnen, dass wir dort früher Verwandte hatten. Ich gab dem Bauer die Adresse und dann bekam ich einen litauischen Pass und der Bauer hatte keine Angst mehr. Er war es auch, der mich nicht mehr Liesbeth nannte. Ich hieß dann Elsbetta. Litauisch habe ich schnell gelernt. Der Bauer hatte eine Tochter, die war ein paar Jahre älter als ich und ging zur Schule. Sie hat mir immer gesagt, wie etwas auf Litauisch heißt, und wenn man so jung ist, dann vergisst man das nicht.

Sie heirateten dann einen Litauer und bekamen drei Söhne.
Ja, wir haben geheiratet, da war ich 19 oder 20. Meine Kinder können kein Deutsch, sie haben in der Schule nur Englisch gelernt. Und Russisch und Litauisch.

Haben Sie Ihre Geschwister später wiedergesehen?
Nachdem ich weggegangen war, wurde meine Schwester mit ihrer Tochter und meinem kleinen Bruder in die DDR gebracht. Von dort flüchteten sie in die Bundesrepublik, nach Westfalen. Viele Jahre wusste ich nicht, wo sie waren. Später habe ich sie und auch unsere ältere Schwes-ter über das Rote Kreuz wiedergefunden. 1989 konnte ich sie zum ersten Mal in Deutschland besuchen.

Wie war das Wiedersehen?
Die ältere Schwester hatte Krebs. Ich habe einen Schreck gekriegt. Sie war so runtergekommen, nicht mehr erkennbar.

Würden Sie heute sagen, Sie haben richtig entschieden, als Sie damals nach Litauen gingen?
Nein, richtig war das nicht. Ich hatte ja überhaupt keine Verwandten mehr. Wäre ich bei meiner Familie geblieben, dann wäre ich genauso nach Deutschland rausgekommen.

Haben Sie eine Erkenntnis aus Ihrem Leben, darüber, was am wichtigsten ist, worauf es ankommt?
Wenn man kein Essen hat, das ist schlimm, das ist das Schlimmste.

Das Interview führte Jenny Friedrich-Freksa

Flüchtlingskinder im Zweiten Weltkrieg:

Etwa eine halbe Million Kinder in den deutschen Ostgebieten wurden 1944/45 Opfer von Flucht und Vertreibung. Das Deutsche Rote Kreuz verzeichnete 300.000 gesuchte Kinder. 1945 wurden im Kaliningrader Gebiet acht Heime für 650 deutsche Kinder eingerichtet – man wollte die herumstreunenden Kinder von der Straße holen. Auch die sogenannten Wolfskinder aus Litauen waren zumeist Waisenkinder. Sie machten sich allein auf die Suche nach Nahrung und Schutz. Jene, die überlebten, fanden oft Zuflucht bei Bauern in Litauen. Dort wurden sie „vokietukai“ – „kleine Deutsche“ genannt. Viele von ihnen haben sich in dem Selbsthilfeverein Edelweiß zusammengeschlossen, in dem auch Elsbetta Kondrotenkiene Mitglied ist.

(Quelle: Dr. Bärbel Gafert)

 

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