Deutsch mit Wim

Marcelo Figueras, Ausgabe IV/2010, Das Deutsche in der Welt



Wie ich eine Sprache lernte, weil ich einen Film verstehen wollte

Meine Mutter zwang mich von klein auf, Englisch zu lernen. Als ich die weiterführende Schule abgeschlossen hatte, gab es im Englischen weder Prüfungen, die ich hätte ablegen, noch Titel, die ich hätte anstreben können. So präsentierte sich mir mit 16, als ich mich entschloss, eine weitere Sprache zu lernen, ein Panorama widersprüchlicher Möglichkeiten. Sollte ich Französisch studieren, das einen natürlichen Zugang zu der großen Kulturnation versprach? Oder lieber eine nützlichere Option mit Blick auf die Zukunft wählen: Chinesisch oder Japanisch?


Meine endgültige Entscheidung überraschte meine Familie und meine Freunde. Ich wollte Deutsch lernen, am Goethe-Institut in der Calle Corrientes auf der Höhe 300 – derselbe legendäre Block, den der Tango „A media luz“ besingt. Die Gründe, die ich für meine Wahl angab, stießen auf Unverständnis, aber für mich waren – und sind es bis heute – die besten Gründe der Welt, um ein derartiges Abenteuer in Angriff zu nehmen: Ich wollte die Sprache verstehen, die das Kino von Wim Wenders und von Werner Herzog möglich gemacht hatte. Durch die Filmvorführungen im Goethe-Institut und in einigen Arthouse-Kinos der Innenstadt, dem Hebraica und dem Lugones im historischen Städtischen Theater San Martín, hatte ich einige der ersten Werke dieser Regie-ungeheuer gesehen: „Alice in den Städten“, „Im Lauf der Zeit“ und „Der amerikanische Freund“ von Wenders „Aguirre“, „Der Zorn Gottes“ und „Jeder für sich und Gott gegen alle“ von Herzog. Ich verspürte immer mehr den Drang, die Untertitel abzuschütteln: Ich wollte den Ozean nicht mehr von der Küste aus betrachten, ich wollte in seine stürmischen Wellen eintauchen.


Auf ihre derart unterschiedliche Weise gaben mir sowohl Wenders als auch Herzog Schlüssel zur Hand, die es mir erlaubten, die Atmosphäre der argentinischen Militärdiktatur zu überleben. Ich fing 1979 im Goethe-Instiut an – die Diktatur sollte noch bis 1983 andauern. Beide, Wenders und Herzog, stellten klare Alternativen zum Hollywood-Kino dar: Sie schufen Filme, die mit sehr wenig Geld realisiert werden konnten. Die Budgets der ersten Filme von Wenders waren fast ein Witz. Herzog musste einmal sogar eine Kamera klauen. Doch es gelang ihnen, den offensichtlichen Mangel in eine eigene Ästhetik zu verwandeln. Dem Fehlen von Mitteln setzten sie die Fülle der Ideen entgegen.


Wenders griff in seinen Roadmovies auf die Tatsache zurück, dass er in einem Umfeld aufgewachsen war, das von der globalen Kultur durchdrungen war – dem Hollywood-Kino, dem Rock’n Roll, dem Subgenre des Roadmovies an sich –, und versuchte, diese Einflüsse aufzunehmen, um auf seine persönliche Weise über sie hinauszuwachsen. Ein Vorhaben, das, wie Ihr Euch vorstellen könnt, in dem Jugendlichen, der ich damals war, sein Echo finden sollte. Ich, der ich damals unter einem doppelten Joch litt, dem der Kolonisierung der argentinischen Kultur durch die USA und dem der militärischen Okkupation des Landes durch die Junta, die der Geopolitik eines Henry Kissinger folgte.


Herzog seinerseits ermutigte mich, in die Vergangenheit einzutauchen, sei es, um ein episches Erzählen wieder möglich zu machen – auch wenn dies in seinem eigenen Film „Aguirre“ verstörend ausgefallen war –, oder, um mir die Frage zu stellen, ob die Rückkehr in eine vorkulturelle Unschuld wie die eines Kaspar Hausers möglich war.


Der Unterricht im Goethe-Institut bereitete mich darauf vor, die damals in die Kinos kommenden Filme der beiden – wie Borges sagen würde im deutscheren Sinne des Geniebegriffs – genialen Cineasten zu genießen. Das waren der Herzog von „Nosferatu“, von „Woyzeck“ und von „Fitzcarraldo“ und der Wenders von „Der Stand der Dinge“ und von „Der Himmel über Berlin“. Eines der tiefsten und prägendsten Vergnügen meines Lebens bestand darin, die Musik der Worte von Peter Handke, dem Drehbuch-Koautor von Wenders’ „Der Himmel über Berlin“, zu hören und sie unmittelbar zu verstehen: „Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war, alles war ihm beseelt, und alle Seelen waren eins ...“


Die Filme von Wenders und Herzog waren lebenswichtig für mich, als es galt, die lange dunkle Nacht der Diktatur durchzustehen. Ich erinnere mich, dass ich damals gelesen hatte, dass Wenders eine vergleichbare Heilswirkung dem Rock’n Roll zuschrieb. Nun ja, in meinem Fall waren sowohl er als auch Herzog meine Erlösung bringenden Inspirationen wie die Engel Damiel und Cassiel in „Der Himmel über Berlin“. Sie waren für mich auch Türöffner zu einer der reichsten Kinematografien der Geschichte, die von Murnau und den ersten Filmen Fritz Langs zu Fassbinder und sogar bis zu Michael Haneke reicht, der, obwohl er offiziell Österreicher ist, in München geboren wurde und außergewöhnliche Filme gedreht hat: „Funny Games“ und „Das weiße Band“ zum Beispiel.


Nach Wenders und nach Herzog erreichten die Filme der folgenden Generation deutscher Cineasten die argentinischen Kinosäle nicht mehr. Doch ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Ich habe mir selbst versprochen, das Deutschstudium wieder aufzunehmen. Und auch wenn ich bislang mein größtes Ziel nicht erreicht habe, einige Schriftsteller und Philosophen in ihrer Sprache le-sen zu können – ich lernte nur fünf Jahre Deutsch und habe aufgrund der fehlenden Sprachpraxis viel ver-ges-sen –,- werde ich nicht eher aufhören, bis ich „Der Zauberberg“ in der Sprache Thomas Manns lesen kann!


Als ich zum ersten Mal nach Deutschland reiste, um eines meiner Bücher vorzustellen, fragte ich mich, an wie viel aus meinem Unterricht ich mich erinnern würde. Weniger, als ich mir vorgestellt hatte, natürlich doch mit den Reisen nach Deutschland, zu denen mich jedes in deutscher Übersetzung erschienene Buch verpflichtete, trat der Muskel für die deutsche Sprache immer stärker hervor.


Da ich zuvor keine anderen Deutschen außer meine Lehrer, die allerdings in Buenos Aires lebten und deswegen wohl längst vom örtlichen Geist angesteckt waren, persönlich kennengelernt hatte, stellte ich mich darauf ein, auf ein kühles, distanziertes und steifes Publikum zu treffen: anders gesagt, auf das vorurteilsbeladene und vereinfachende Bild, das man sich im Ausland von den Deutschen macht. Meine Überraschung war riesengroß. Heute kann ich auf ganzer Linie sagen: Nie stieß ich auf wärmere, tiefgründigere und überschwänglichere Leser. Genau aus diesem Grund stellt jede Lesereise in Deutschland ein neues Vergnügen dar. Ich fühle mich dort geliebt und geschätzt, sodass ich mit neuen Energien nach Hause zurückkehre. Ich bin mir sicher, dass ich, wenn ich alle Gründe, weiter zu schreiben, von einem auf den anderen Tag verlieren würde, nach einer neuen Ausrede suchen würde, um Deutschland wieder besuchen zu können.


Aber kommen wir zurück zu den 1970er-Jahren, als für mich alles begann: Etwas von meiner ursprünglichen Begeisterung muss über die Deiche meiner skeptischen Familie getreten sein, denn ein paar Jahre später entschied sich meine Mutter, auch einen Deutschkurs im Goethe-Institut zu besuchen. Und sie lernte die Sprache bis zu ihrem Tod, ohne dass sie ihre Wahl je bereut hätte. Deswegen besitze ich heute nicht nur ein Deutsch-Spanisch-Wörterbuch, sondern zwei. Ohne meine Mutter gäbe es heute „Kamtschatka“ nicht, den Roman, mit dem ich versucht habe, ihr ein kleines Denkmal zu errichten. Und der, dies sei nebenbei erwähnt, die letzten Worte Goethes „Licht, mehr Licht!“ zitiert. Wenn ich an ihren frühen Tod denke, ist es mir ein Trost, dass ich sie noch rechtzeitig mit der Freude ansteckte, die ich empfand, als ich die Sprache lernte. Ohne das Deutsche wären meine Mutter und ich andere Menschen gewesen, das ist sicher, aber sicher auch keine besseren.

Aus dem Spanischen von Timo Berger

 

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