Arzt auf Raten

Sapna Desai, Ausgabe IV/2010, Das Deutsche in der Welt



Seltener als erhofft gründen Inder mithilfe von Mikrokrediten Betriebe. Stattdessen brauchen sie das Geld für ihre medizinische Versorgung

Indien ist wieder wer: Die indische Volkswirtschaft ist nach der chinesischen die am stärks-ten expandierende Volkswirtschaft weltweit. Doch die Armut ist immer noch allgegenwärtig. Die überwiegende Mehrheit der indischen Erwerbstätigen, 94 Prozent, arbeitet in der Schattenwirtschaft. Über 400 Millionen Frauen und Männer sind ohne offizielles Arbeitsverhältnis oder die Aussicht auf Absicherung im Falle von Krankheit oder Alter tätig. Die große Masse der indischen Bevölkerung leidet unter Mangelernährung. Migranten drängen weiterhin in die Städte auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben, während die Landbevölkerung einer düsteren Zukunft in einer immer fragiler werdenden Agrarwirtschaft entgegenblickt. Dies stellt Entscheidungsträger und Politiker vor eine schwierige Frage: Können neue Strategien, innovative Wirtschaftsinstrumente und eine verbesserte Infrastruktur die Armen an den Erfolgen des Wachstums teilhaben lassen?


In diesem Zusammenhang bieten Mikrofinanzinstitute, die der armen Bevölkerung Kleinstdarlehen und andere Finanzprodukte zur Verfügung stellen, ein zweifelsohne reizvolles Angebot. Den Armen werden Kredite zu niedrigen Zinsraten gewährt, um kleine Geschäfte auf- oder auszubauen oder Schulden zu tilgen. So können sie sich selbst aus ihrer Armut befreien. Als Mikrofinanzen in den frühen 1970er-Jahren in Indien und Bangladesch eingeführt wurden, wurden sie rasch als ein Allheilmittel betrachtet, um tiefe Armut und finanzielle Unsicherheit zu bekämpfen.
 Mikrofinanzierung ist auch für die Gläubiger attraktiv: Durch die immense Anzahl an Darlehensnehmer und -rückzahlern ist es oft möglich, dass sich die Kosten für die Kredite durch Zinsen auf Einlagen und Darlehen selbst tragen. Kleine und große Mikrofinanzinstitutionen, die sich zuallererst an Frauen richten, sind seitdem überall in Indien entstanden und bieten den Armen Zugang zu Krediten und Sparbüchern. Der Lernprozess war stetig, wenn auch langsam. Als die Gewerkschaft „Self Employed Women’s Association“ (SEWA) im Bundesstaat Gujarat die erste Bank in Frauenhand gründete, zeigte diese zusammen mit weiteren Gemeindeorganisationen, dass es, obwohl die Mikrofinanzierung revolutionär war, zur Stärkung der Rolle der Frau noch mehr bedurfte: Organisation der Frauen, Ausbau ihrer Existenzgrundlage und soziale Absicherung. Größere Institutionen begriffen auch, dass ihre Verbreitung im Land entscheidend ist, um eine höhere Anzahl der über 400 Millionen potenziellen Kunden in diesem riesigen Staat zu erreichen. Als die Mikrofinanzierung als ein neues Instrument in Indiens liberalisierter Wirtschaft Anklang fand, drängten Privatbanken und Investmentfirmen auf den Mikrofinanz-, Mikrowohnungs- und Mikroversicherungsmarkt. So erhielten Millionen Inder in Dörfern und städtischen Slums überall im Land erstmals Zugang zu Finanzdienstleistungen.


Die Finanzinstitutionen haben Neuerungen eingeführt, um kleine Darlehen und Sparangebote sowie Alternativen zur traditionellen pfandgebundenen Kreditvergabe zu ermöglichen. Sie bieten finanzwirtschaftliche Weiterbildung an, manche sogar Renten und Versicherungen. Es ist unstrittig, dass sie bisherige Grenzen für Bank- und Finanzdienste durchbrochen haben. Sie eröffneten der armen Bevölkerung neue Wege Geld zu leihen, zu sparen und zu investieren. Die Mikrofinanzierung hat auch das Verständnis von Armut und Entwicklung selbst verändert. Die regulären Banken haben sich lange geweigert, den Armen in Indien Spareinlagen und Kreditdienste anzubieten. Zum einen weil sie sich scheuten, das Risiko nicht zurückgezahlter Kredite einzugehen, zum anderen weil die Armen als Analphabeten keine Formulare ausfüllen konnten. Hier haben die Mikrofinanzierungsinstitutionen ihre größte Wirkung erzielt: Die Armen, insbesondere die Frauen, wurden Kunden.


Aber was bedeutet das alles für den armen Bauern, der mit seinen Schulden kämpft, die Frau, die Gemüse verkauft, oder den Vater, der zu Hause Zigaretten dreht, um seine Familie zu ernähren? Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. In Ludhiana, einer der reichsten Städte Indiens, hat ein neues Mikrofinanzierungsinstitut mit Namen Aadhar India begonnen, in den ausladenden Slums der Gegend Finanzdienste anzubieten. Obwohl Ludhiana die höchste Dichte an Mercedes-Besitzern in Indien aufweist, gehören ihre Armenviertel zu den schlimmsten des Landes. Ganze Familien bestreiten dort ihren Lebensunterhalt durch das Sammeln und Recyceln von Müll. Es sind Langzeitmigranten, die aus armen Agrarbundesstaaten wie Bihar und Uttar Pradesh in die reiche Stadt im Bundesstaat Punjab gezogen sind. Die Kunden des Finanzinstituts in Ludhiana sind Hausangestellte, die um die 2.000 Rupien (33 Euro) im Monat verdienen, Müllsammler und Bauarbeiter, deren unsicheres Einkommen von der Stadt, den Bauunternehmern und davon, wie viel der Mittelsmann in die eigene Tasche steckt, abhängen. In den wuchernden Slums führen die Menschen ein Leben als Provisorium, das doch von Dauer ist, und haben nur beschränkten Zugang zu grundlegender Versorgung mit sauberem Wasser, Toiletten und Abwasseranlagen. Doch selbst in den ärmsten Gegenden Ludhianas, wo man gerade so über die Runden kommt, nehmen die Frauen Kleinstdarlehen in Anspruch.


Was ist der Zweck der meisten Kredite, die an Frauen vergeben werden? Diese einfache Frage enthüllt eine komplexe Haushaltsökonomie. Ursprünglich waren Mikrokredite dazu gedacht, armen Menschen Geld zur Verfügung zu stellen, das sie in ihre Betriebe, etwa für Ausrüstung oder Nachschub, investieren können. Doch die soziale Realität Indiens hat dazu geführt, dass viele dieser Kredite heute einem anderen Zweck dienen: In Ludhiana wurden Kredite für die Behandlung von Krankheiten und die Rückzahlung von Schulden aufgenommen. Weitere Untersuchungen zeigen, dass solche Schulden hauptsächlich auf Ausgaben früherer Krankheiten zurückgehen. 71 Prozent der Kredite der Mikrofinanzorganisationen werden für die Gesundheitsversorgung aufgewendet, der Rest für Haushaltausgaben und Investitionen. Eine jüngste Studie in den städtischen und ländlichen Gebieten des Bundesstaates Gujarat deutet auf einen ähnlichen Trend hin: Der Hauptgrund für finanzielle Krisen in den Haushalten sind Gesundheitsausgaben.


Krankheit ist in Indien eng mit den Lebensbedingungen, dem Gesundheitssystem und der allgemeinen Armut verbunden. Neben Malaria und Tuberkulose ist heutzutage ein stetiger Anstieg chronischer Krankheiten und Krebs zu verzeichnen. Bis vor Kurzem bot das öffentliche Gesundheitssystem den Armen nur wenig Zugang zu kostenloser, guter medizinischer Versorgung. Die große Mehrheit nimmt den weitreichenden, größtenteils unregulierten privaten Gesundheitssektor in Anspruch. Und das ist teuer: Die durchschnittlichen Kosten für eine Diarrhöbehandlung etwa können bei 1.200 bis 2.000 Rupien liegen, fast das Monatseinkommen eines Bauarbeiters oder Farmers. Selbst im öffentlichen Sektor gibt es kaum kostenlose medizinische Versorgung. Krankheiten und Verletzungen zehren also ständig an den Ersparnissen einer Familie. Und wenn eine teure Behandlung einmal auf den ersten Blick Abhilfe geschaffen hat, kehren die Frauen, Männer und Kinder zu den Gegebenheiten zurück, die sie oft erst krank gemacht haben – verunreinigtes Wasser, schlechte Behausung und gefährliche Arbeit.


Es ist schwierig, die empfindliche Balance, die die meisten armen Frauen in Indien für ihr tägliches Überleben halten müssen, zu beschreiben. Sie leben von Tagesverdiensten und wissen, dass eine Krise wie Krankheit hinter jeder Ecke lauert. Mikrokredite eröffnen tatsächlich begehbare Wege, um die Zukunft zu sichern oder ein Sparpolster anzulegen. Aber wenn Krankheiten wieder zuschlagen, Arbeit ausbleibt oder eine Naturkatastrophe das Farm-land verwüstet, bedeutet ein Mikrokredit eine riesige Belastung für den Haushalt. Von Bank zu Bank ist es sehr unterschiedlich, ob und wie sehr die Kunden mit ihren Zahlungen in Verzug geraten. Doch wenn die Darlehen nicht zurückgezahlt werden können, verschlimmern Mikrokredite die Ausbeutung der Ärmsten der Armen.


An diesem Punkt müssen Mikrofinanzen und, noch wichtiger, die Entwicklungsarbeit im Allgemeinen ansetzen und eine ganzheitliche Perspektive aufzeigen, die die individuellen Bedürfnisse der Menschen – Bildung, Arbeit, Finanzen und Gesundheit – berücksichtigt. Gefährlich wird es dann, wenn geglaubt wird, dass Mikrokredite allein das Armutsprob-lem lösen werden, und nicht gesehen wird, dass flankierende Maßnahmen benötigt werden: Entscheidungsträger und Politiker sollten sich um die wahren Lebensumstände der Frauen und Männer in Armut kümmern. Die Wirklichkeit des Lebens der Frauen erfordert einen komplexen Ansatz, der sich mit Krankheiten und ihren Ursachen, mit Beschäftigung und der Sicherung der Grundversorgung mit Wasser und sanitären Anlagen auseinandersetzt. Es macht selten Spaß, solch ein aufwendiges Programm in Gang zu setzen, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass irgendjemand damit Millionen verdienen wird.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch

 

Ähnliche Artikel

Das Haus des Mondes

Ausgabe I/2019, Oben, Alfredo Jaramillo

 In Patagonien eröffnet 2019 das erste Krankenhaus Argentiniens, das Schulmedizin mit indigener Mapuche-Medizin verbindet. Kranke sollen hier mit der Kraft des Feuers, Heilkräutern und Tabletten genesen

mehr


Indien: Bevölkerung nach Zahlen

Ausgabe I/2011, Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen

Alle Inder bekommen eine Nummer. Die indische Regierung hat im Herbst 2010 damit begonnen, ihren 1,2 Milliarden Bürgern Personalnummern zuzuschreiben und -biome... mehr


Fingerbillard in Ostberlin

Ausgabe I/2018, Erde, wie geht's?, Arif Naqvi

Ich komme aus Lucknow, einer Stadt im Norden Indiens, etwa 500 Kilometer östlich von Delhi. Ähnlich wie Weimar in Deutschland ist Lucknow in Indien als Kulturstadt bekannt, besonders stolz ist man dort auf die Sprachkultur, da Hindi und Urdu gleichermaßen zu hören sind.

mehr


Weder Mann noch Frau

Ausgabe II/2016, Neuland, Diana Manzo

In Südmexiko kämpfen Männer, die sich als Frauen fühlen, gegen Diskriminierung

mehr


Oben ohne

Ausgabe IV/2007, Frauen, wie geht's?, Kaisa Kauppinen

Frauen im Management sind noch immer eine Seltenheit – wie sich ihre Aufstiegschancen verbessern lassen

mehr


Was Inder denken, wenn sie einen Pfau sehen

Ausgabe I/2011, Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen, Vikas Swarup

Wenn man in Indien den Pfau erwähnt, wird einem sofort ein Lächeln geschenkt. Der Pfau ist nicht nur der Nationalvogel des Landes, die Menschen verbinden ihn mi... mehr