Jenseits der Schinkenstraße

Toni Nievas, Ausgabe IV/200, Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben



Wo andere sich erholen, bleibt den Einheimischen oft nur die Flucht. Ein Mallorquiner erzählt

Als ich das letzte Mal im Kino war, saßen mit mir nur drei Personen im Saal. Und das passiert öfter auf Mallorca. Ich kann mich nicht erinnern, je eine Schlange vor einer Ausstellungshalle oder einem Konzertsaal gesehen zu haben. Die Mallorquiner strömen nach Feierabend nicht in die Vergnügungsviertel. Die meisten von uns mögen es lieber ruhig und entspannt. Man wird uns weder in einem Club am Ballermann antreffen noch beim Bergsteigen in der Serra de Tramuntana. Das Ausgefallenste, was ich unter der Woche tue, ist, in der Videothek einen Film auszuleihen. Sonntags setze ich mich auch schon mal ins Auto, um außerhalb Palmas noch einen Kaffee zu trinken. 


Für die vielen ausländischen Besucher ist Mallorca ein Urlaubsparadies. Mir geht die Insel gehörig auf die Nerven. Das ganze Jahr auf Mallorca zu leben, ist ein Alptraum. Im Sommer fallen fast zehn Millionen Touristen auf der Insel ein. Es ist so, als würde man uns die Insel für ein paar Monate entwenden und sie uns im Herbst, schmutzig und vollgereihert wieder überlassen.


Ich mag weder den Strand noch die Touristen, auch keine romantischen Sonnenuntergänge oder Chill-out-Partys. Soweit es geht, schließe ich mich den größten Teil des Sommers in meiner Wohnung ein und warte, bis die Ruhe wieder einkehrt. Bis dahin sehe ich Filme, schreibe Drehbücher und drehe kurze Videos für meinen Blog. 


So geht der Sommer vorüber.


Bevor ich vor zwei Jahren nach Palma gezogen bin, habe ich 32 Jahre in El Arenal gelebt. Anfang der 1960er-Jahre war das noch ein idyllisches Fleckchen, seit den 1980er-Jahren ist es ein unkontrollierter Hort des Massentourismus. Für deutsche Touristen mit schlechtem Geschmack ist El Arenal der perfekte Ort, um sich auszutoben. Niemand sagt etwas, wenn sie am frühen Morgen ihre Wikingerlieder vor dem Hoteleingang grölen – am besten noch mit heruntergelassener Hose.


Ich habe fast 15 Jahre lang in Hotelbetrieben gearbeitet. Ich habe das nur dank meiner Kreativität ausgehalten, weil ich mir in den Arbeitsstunden Geschichten ausgedacht habe, die ich später in meine Drehbücher aufgenommen habe. Ich habe aus der Arbeit eine rein körperliche Beschäftigung gemacht, um meinen Kopf freizubekommen für meine Filmideen.


An meinen freien Tagen hatte ich nie Lust, an den Strand zu gehen, auch wenn er keine hundert Meter entfernt war. Ich wollte mich nicht unter die Hotelgäste mischen. Überhaupt kann ich die Male, die ich im Sommer an den Strand gehe, an zwei Händen abzählen und dann suche ich wie die meisten anderen Mallorquiner Strände auf, die fern der Touristenrouten liegen – auch wenn es ziemlich schwierig geworden ist, noch einen Streifen Küste zu finden, auf dem wir unter uns sein können. 


Als ich noch in El Arenal gewohnt habe, arbeiteten alle Menschen in meinem Umkreis in Hotels. Erst in Palma habe ich Leute kennengelernt, die nie im Tourismusbereich gearbeitet haben: Fernsehmoderatoren, Schauspieler, Musiker, Ärzte und Drogendealer.


Die wirklich reichen Mallorquiner tragen weiße Anzüge, sie trinken Weißwein und besitzen weiße Jachten. Sie liegen mit ihren Booten in Privathäfen, feiern Partys an der Costa Norde mit Michael Douglas und internationalen Models. Die Inselbewohner, die es sich leisten können, verlassen Mallorca in ihrer freien Zeit. Manche verschlägt es an so seltsame Ecken wie Cancún. Wo man auf nichts anderes stößt als Strände und Touristen, wovon wir eigentlich genug zu Hause haben. Andere Mallorquiner fahren übers Wochenende nach Ibiza wegen der Diskotheken. Ich kenne auch Leute, die mögen Formentera, eine winzige Insel mit einem Haufen nackter Italiener.


Wenn ich meine Heimat verlasse, dann nicht, um ein anderes Eiland zu besuchen: Ich fahre in große Städte mit viel Luftverschmutzung, die weit entfernt vom Meer liegen. Doch nach drei Tagen ohne den Geruch der See werde ich traurig und antriebslos. Ganz aus Mallorca wegzuziehen, kann ich mir nicht vorstellen. Sicher, ich habe schon einmal ein paar Sekunden daran gedacht, in Madrid zu wohnen. Doch dort würde es mir auch nicht besser gehen. Und dann gibt es doch ein paar Dinge, die ich in der Fremde vermissen würde: das gute Wetter, das Essen und einige Orte, die wirklich abgeschieden sind, ohne Lärm und Tourismus. Doch wo sich die befinden, das werde ich natürlich nicht verraten. 
 

Aus dem Spanischen von Timo Berger

 

Ähnliche Artikel

Spiel des Lebens

Ausgabe IV/200, Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben, Michael Roes

Zwischen Ernst und Spaß: Warum alle Menschen spielen

mehr


Der Morgen danach

Ausgabe III/2008, Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien, Colin Crouch

Warum wir bereits in der Postdemokratie leben

mehr


Wege und Umwege

Ausgabe II/2013, Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten, William Kentridge

Über die Kunst des Scheiterns

mehr


Weltbürger

Ausgabe III/2008, Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien, Saskia Sassen

In der Globalisierung definiert sich das Verhältnis zwischen Bürger und Staat neu

mehr


Städte, die uns nicht gehören

Ausgabe II/2013, Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten

In fremden Städten
wandern die Gedanken ruhig umher
wie Gräber vergessener Zirkusartisten,
Hunde verbellen Mullcontainer und
die Schneeflocken, die in sie hine... mehr


Action bitte

Ausgabe IV/200, Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben, Samson Kambalu

In Malawi muss jeder Zeitverteib so aufregend wie möglich sein

mehr