Vom Glück des Müßiggängers

Tom Hodgkinson, Ausgabe IV/200, Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben



Faulheit ist gesund und macht erfinderisch. Warum wir endlich lernen müssen, nichts zu tun

Seitdem der junge Calvin die alte katholische Kirche reformierte, stand Müßiggang unter Dauerbeschuss der Obrigkeit. Die Arbeitsmoral, wie wir sie heute kennen, wurde um 1500 eingeführt und in den vergangenen 500 Jahren bekräftigt. Insbesondere geschah dies durch die Industrielle Revolution, die Männer wie Frauen zu bloßen Arbeitskräften in den Baumwollspinnereien reduzierte. 


Im Mittelalter verfügten Menschen über deutlich mehr freie Zeit als heute. Das Jahr war übersät mit religiösen Festtagen, an denen man nicht arbeiten durfte. Weihnachten dauerte allein zwölf Tage. Es gab Gesetze gegen Nachtarbeit und es war sündhaft, sich zu überarbeiten, da einem dies Vorteile gegenüber anderen Christen verschafft hätte. Die Mönche lebten den Wert von Gebet und innerer Einkehr vor. Aristoteles, der Lieblingsphilosoph des Mittelalters, pries das kontemplative Leben. 


Über die Antike schrieb Nietzsche, dass Krieg und Freizeit, bellum und otium, am höchsten angesehen waren. Zu kämpfen oder nichtstuend herumzusitzen galt als nobler denn zu schuften wie ein Sklave. 


Müßiggang ist der Ursprung aller Kreativität. Alle Poeten, Philosophen und Musiker sind Müßiggänger. Sie denken nach und träumen. Sie starren aus dem Fenster. Sie verfolgen keine zweckgerichteten Tätigkeiten wie etwa Fabriken zu eröffnen und dem Profit hinterherzujagen, während sie ihre Arbeiter ausbeuten. Sie bringen Kultur hervor. Alles Schöne, all die Dinge, die das Leben lebenswert machen. Die fleißigen Arbeiter hingegen schaffen Hässlichkeit und Unzufriedenheit für sich selbst wie für andere.


Müßiggang ist gesund. Überarbeitung macht krank. Ein Nickerchen nach dem Mittagessen, viel Schlaf und wenig Stress tragen zu einem langen und glücklichen Leben bei. Müßiggang erweist sich sogar als nützlich für das Gemeinwohl. Wenn man nicht müde und von seinem Arbeitgeber überstrapaziert ist, fängt man an, sich in lokale Projekte einzubringen. Als ich mich selbst vor etwa sieben Jahren vollständig dem Müßiggang verschrieb, trat ich gleich mehreren Gremien bei. Darüber hinaus habe ich seitdem drei Bücher geschrieben. Es ist ein seltsames Paradox, dass Müßiggänger oft sehr produktiv sind, während fleißige Arbeiter rein gar nichts hervorbringen.


Müßiggang ist ein Genuss. Nur weil wir von dunklen Mächten so konditioniert wurden, empfinden wir Schuldgefühle, wenn wir nichts tun. Dabei ist es ein absolut unentbehrlicher Teil des Lebens, nichts zu tun. Wir müssen begreifen, dass uns die Schuld in einer Art Gehirnwäsche bloß eingetrichtert wurde. Sie ist keine angeborene Emotion.


Die drei wesentlichen Komponenten eines erfüllten Lebens sind Landwirtschaft, Philosophie und Heiterkeit. Allzu häufig erfahren wir lediglich eine davon, nämlich Heiterkeit, und zwar als Flucht vor den Strapazen der Arbeitswoche. Doch wenn Heiterkeit nicht ausbalanciert wird durch Philosophie und Landwirtschaft, führt sie zu Sucht und Krankheit.


Mit Landwirtschaft meine ich, dass man Gemüse anbaut und Tiere hält. Landwirtschaft erlaubt es dem Menschen, Kontrolle über seine eigene Nahrungszufuhr zu erlangen und sich von den Supermärkten unabhängig zu machen. Wenn man sich erst einmal von der Lohnsklaverei befreit hat, wird man feststellen, dass genug Zeit und Energie bleibt, um Samen in den Boden zu setzen und Erde umzugraben. Mit Philosophie meine ich, dass man liest und sich über Ideen austauscht. Dies macht nicht nur Freude, dies ist auch wichtig: Ebenso wie wir die Erde mit Nährstoffen versorgen, müssen wir uns um Geist und Gemüt kümmern. Philosophie ist Kompost für die Seele. 


Müßiggang tut der Erde gut. Kapitalismus, Gier und die fanatische Geschäftigkeit, die mit ihnen einhergehen, haben ökologischen Schaden angerichtet. Der Müßiggänger tut niemandem etwas zuleide und schadet dem Planeten nicht. Es ist grundsätzlich förderlicher, in einem Feld zu liegen und zwei Tage lang die Wolken zu betrachten, als in einem Flugzeug um die Welt zu fliegen, um eine Konferenz über globale Erwärmung zu besuchen. In einem Feld zu liegen, schadet niemandem. Im Gegenteil. Der Müßiggänger bringt sich wieder in Einklang mit der Natur und den einfachen Freuden. Er weiß, dass eines der besten Dinge des Lebens darin besteht, mit alten Freunden einen Spaziergang auf dem Land zu machen. 


Müßiggang ist billig. Es kostet nichts, zu Hause zu bleiben, und daher verweigert sich der Müßiggänger der Vermarktung von Freizeit. Einem System, in dem wir große Unternehmen dafür bezahlen, uns Spaß und Erholung zu bieten. Ich hoffe, hiermit ist hinreichend bewiesen, dass wir uns dringend jeder Knechtschaft verweigern müssen, um endlich in ein reichhaltiges Leben als Müßiggänger zu starten. 
 

Aus dem Englischen von Sebastian Kubitschko

 

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