„Zeit fließen lassen“

Renate Freericks, Ausgabe IV/200, Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben



Die Freizeitwissenschaftlerin Renate Freericks erklärt, warum es wichtig ist, den eigenen Zeitstil zu finden. Ein Gespräch

Freizeit möchte jeder haben – aber was ist damit eigentlich genau gemeint? 
Erst seit einigen Jahren geht die Forschung davon aus, dass man, um Freizeit zu definieren, von der Lebenszeit ausgehen muss. Lange Zeit war Freizeit schlicht eine Negativbestimmung im Sinne von Nicht-Arbeitszeit, was auch mit der Debatte um Arbeitszeitverkürzung und -flexibilisierung zu tun hatte. Zum Glück ist das überwunden, Freizeit wird jetzt wieder als eigenständiger Wert mit einer eigenständigen Qualität angesehen. Während Obligationszeit – die sich auf zweckgebundene Tätigkeiten wie Behördengänge, Arztbesuche, Essen oder Schlafen bezieht – und Arbeitszeit eher fremdbestimmt sind, ist die Freizeit die Zeit, die durch ein hohes Maß an Freiheit und Selbstbestimmung über die Zeit definiert ist. 
 
Wie verbringen wir am liebsten unsere Freizeit? 
Es fällt auf, dass in der westlichen Welt der passive Freizeitkonsum einen hohen Stellenwert hat, was insbesondere der Medialisierung geschuldet ist. Vor allem die Neuen Medien sind ein Grund dafür, dass inzwischen viel Freizeit im Haus verbracht wird. Der Fernsehkonsum hat diese Tendenz schon vor langer Zeit eingeleitet, durch die Verbreitung von Computer und Internet ist sie noch einmal verschärft worden. Wir können ja jetzt von zu Hause aus sogar einkaufen, wir können chatten und damit soziale Kontakte pflegen. Die Digitalisierung befördert also die innerhäusige und passive Freizeit, das Vor-die-Tür-Gehen ist nicht mehr so notwendig. Trotzdem ist das Treffen von Freunden beziehungsweise das gesellige Beisammensein allgemein nach wie vor wichtig, außerdem gibt es auch ein starkes Bedürfnis nach Aktivität und Sport. Insgesamt allerdings wird weniger freie Zeit „draußen“ verbracht – wobei natürlich klar ist, dass es da je nach Wetterverhältnissen auch regionale Unterschiede gibt. 
 
Wobei die Vorstellungen, wie Freizeit sinnvoll verbracht werden kann, ja durchaus unterschiedlich sind ... 
Bereits mit der Demokratisierung der Freizeit setzte eine normative Bewertung ein: Was ist davon zu halten, wenn der Arbeiter ins Wirtshaus geht und trinkt, wie müssen die Jugendlichen erzogen werden, damit sie ihre Freizeit richtig gestalten – die Frage, was sinnvolle Freizeit ist und wie wir sie im Interesse der Gesellschaft verbringen, stand zu dieser Zeit im Fokus. Das hat sich durch die Postmoderne und die Pluralisierung von Lebensstilen geändert, seitdem herrscht mehr Toleranz, was die Nutzung der Freizeit angeht. Damit geht auch eine breitere Akzeptanz der Alltags- und Unterhaltungskultur einher: Wer Pop- und Schlagermusik hört, verbringt nach Meinung der Allgemeinheit nicht weniger sinnvolle Freizeit als jemand, der in die Oper geht. Die Achtzigerjahre waren dann sehr stark von einem Hedonismus geprägt, „Erlebe dein Leben“ war das Motto, das man durchaus auch auf egozentrische Weise befolgte. Angesichts aktueller Probleme wie Wirtschaftskrise, neue Armut oder demografischer Wandel wird Freizeit heute aber wieder kritischer diskutiert und gefragt, inwiefern Menschen aus schlechteren sozialen Verhältnissen ausgegrenzt werden, was bestimmte Formen angeht, Freizeit zu verbringen. Es wird auch wieder stärker reflektiert, wie wir unsere Freizeit verbringen, individueller Konsum und Spaß spielen nicht mehr dieselbe Rolle wie noch vor 25 Jahren. 
 
Wie kann man die heutigen Funktionen von Freizeit beschreiben? 
Freizeit hat in jedem Fall eine Funktion als Bildungszeit. Ein großer Teil des Lernens findet in der Freizeit statt, beispielsweise wissen wir aus Untersuchungen, dass 70 Prozent des informellen Lernens in der freien Zeit geschieht. Hier findet zudem gemeinnütziges Engagement und pädagogische Aktivität statt, insofern hat Freizeit auch eine wichtige Funktion als Sozialzeit – abgesehen davon, dass bei gemeinschaftlichen Freizeitaktivitäten auch immer Kompetenzen im Miteinander ausgebaut werden. 
 
Wer oder was bestimmt über unsere Freizeit? 
Natürlich sind wir bis zu einem gewissen Grad fähig und in der Verantwortung, unsere Freizeit selbst zu gestalten. Aber wir sind natürlich auch von externen Faktoren abhängig. Wenn wir erwerbstätig sind, müssen wir pünktlich sein und unsere Arbeit zeitlich koordinieren. Aber viele Menschen können natürlich auch selbst entscheiden, welcher Arbeit sie nachgehen, ob sie ein Teilzeitmodell verfolgen oder ein Sabbatical nehmen. Das heißt: Ich habe auch einen gewissen Einfluss darauf, wie viel Zeit ich mit Arbeit und wie viel Zeit ich mit anderen Dingen verbringe. Natürlich wird diese Abwägung aber immer von finanziellen Faktoren beeinflusst. 
 
Sehen Sie eine Tendenz, dass Menschen immer mehr lernen, sich in einer hocheffizient organisierten Gesellschaft Freizeit-Oasen zu schaffen? 
Es gibt ja schon seit Längerem eine Entschleunigungsbewegung, die sich gegen die Rasanz des modernen Lebens stemmt, dazu gehören auch Meditation, Yoga und der ganze Wellnesstrend. Aber auch individuell wird immer mehr nach Möglichkeiten gesucht, einen eigenen Zeitstil zu finden, der es erlaubt, sowohl den Anforderungen des Alltagslebens als auch den eigenen, persönlichen Wünschen gerecht zu werden. Während man in den 1980er- Jahren noch überall dabei sein wollte, ist allgemein mittlerweile das Bedürfnis groß, mehr Zeit für sich selbst zu haben, stärker zur Ruhe zu kommen und ein bisschen mehr Muße zu haben. 


Der Druck auf dem Arbeitsmarkt wird allerdings immer größer, in vielen Branchen müssen immer weniger Menschen immer mehr schaffen. Inwiefern gelingt es dem Individuum tatsächlich, sich Freiraum zu verschaffen, oder ist die Vorstellung eines selbstbestimmten Zeitstils eher Wunschdenken? 
Natürlich braucht man dafür die individuelle Fähigkeit, Zeit sinnvoll zu organisieren, man muss eine Art Zeitkompetenz haben. Eine Entlastung vom Arbeitsdruck kann aber nicht nur in der Freizeit stattfinden. Wenn man den demografischen Wandel betrachtet, dann werden sich auch die Arbeitgeber zunehmend Gedanken machen müssen, wie sie mit ihren immer weniger werdenden Fachkräften umgehen. Deshalb werden ja auch immer häufiger Überlegungen angestellt, wie man bessere Arbeitsbedingungen für ältere Arbeitnehmer schaffen kann. Dabei geht es nicht nur darum, die Produktivität zu erhöhen, allgemein rückt auch immer stärker eine Humanisierung des Arbeitslebens in den Mittelpunkt. Gerade junge Leute verlangen, dass Arbeit auch Spaß machen soll – damit verwischt zunehmend die ehemals strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. 
 
Was macht diese Zeitkompetenz, von der Sie sprechen, aus und in welchen Personengruppen findet sie sich am häufigsten? 
Zeitkompetenz meint, dass ich sowohl fähig als auch bereit bin, meine Zeit selbstbestimmt zu gestalten. Die Voraussetzung dafür ist ein gewisses Bewusstsein im Umgang mit Zeit. Ich muss mir erst mal über meine individuellen Rhythmen im Klaren sein, was gar nicht so selbstverständlich ist. Wir haben die hohe Zeitrationalität in unserer Gesellschaft bis in die Freizeit hineingetragen, alles wird mit dem Organizer geplant, selbst die Kinder sind Punkte im Terminkalender, und das, obwohl es ein großes Bedürfnis gibt, einfach mal Zeit zu haben, die ein bisschen fließen kann. Es geht bei der Zeitkompetenz darum, sich stärker über die Körperrhythmen klar zu werden und ein zyklisches Verständnis von Zeit zu entwickeln. Diese Dinge haben bei Work-Life-Balance-Kuren mittlerweile einen hohen Stellenwert. 


Trotz aller Bemühungen, Freizeit als autonomen Wert zu begreifen, lässt sich aber wohl schwer von der Hand weisen, dass Freizeit auch als Ausgleich zur Arbeitszeit dient.
Natürlich wird auch stark in Maßnahmen investiert, die darauf abzielen, einen Ausgleich zum harten Arbeitsleben zu schaffen. Teilweise ist das schon grotesk: Erst lässt man Menschen so viel arbeiten, dass sie sich ausgebrannt fühlen, und dann schickt man sie in die teuersten Wellnesstempel, anstatt sie von vornherein einfach mit ein bisschen mehr Augenmaß zu belasten. Aber wie gesagt, es wird mittlerweile auch erkannt, dass es darum geht, eine bessere Balance im Arbeitsleben zu finden. 


Zum Schluss Ihr Expertentipp: Wie verbringt man seine Freizeit am sinnvollsten? 
Zunächst einmal muss man bereit sein, sich Zeit bewusst für sich selbst zu nehmen, das ist die Grundvoraussetzung. Und dann geht es darum zu entscheiden, sich über die eigenen Interessen klar zu werden und die freie Zeit entsprechend einzusetzen. Dazu gehört für den Menschen als soziales Wesen auch der Austausch mit anderen. Und im Sinne der Gesellschaft gedacht würde ich letztlich sagen: Ich glaube, dass jeder Einzelne eine hohe Verantwortung hat, sich auch in seiner freien Zeit weiterzubilden, weiterzulernen und sich natürlich auch für andere zu engagieren.

Das Interview führte Jörg Frommann

 

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