Drink and fly

Jens Mattern, Ausgabe I/2008, Ganz oben. Die nordischen Länder



Krakau ist stolz auf seine historische Altstadt, doch die Besucher interessieren sich vor allem für die Bars

Sehr direkt lud vor drei Jahren ein Plakat auf den Straßen Großbritanniens ins südpolnische Krakau ein: Ein Bier für ein halbes britisches Pfund. Wenig zurückhaltend benehmen sich auch die vielen Briten, die aufgrund des Bierpreisgefälles in Krakaus Altstadt eintreffen. Wie die fünf Gäste im Straßencafé auf dem historischen Marktplatz, verkleidet mit lockigen dunklen Perücken, künstlichen Schnauzern und dem neongelben String-Tanga über dem Trainingsanzug. Nach dem Austrinken umarmen und küssen sie die geduldige Bedienung und halten alles mit dem Foto-Handy fest. Sie spielen „Borat“, die Kunstfigur des kasachischen Reporters. Das ist ihre Referenz an die Stadt im Osten Europas und ein harmloser Auftritt. Doch gehören auch kollektives Herunterziehen der Hose, Penis vorzeigen, Aufforderung zum Oralsex, öffentliches Wasserlassen und das Werfen von Stühlen und Gläsern zu den Späßen der durstigen Invasoren. Wer nachts um drei durch die Altstadt flaniert, trifft viele der englischsprachigen Gäste in lauter Feierlaune, auf dem Boden liegt Zerbrochenes wie Erbrochenes. „Billigtouristen“ werden sie von den Krakauern gennant, obwohl sie kräftig konsumieren. „In Gruppen sind sie meist unerträglich“, beschwert sich Katarzyna Golan vom Café „Et cetera“, die sich wie viele andere Kellnerinnen über das vulgäre Benehmen der Gäste empört. „Der Engländer vergewaltigt Krakau“, titelt darum die ansonsten liberale Gazeta Wyborcza. Viele Medien haben sich in diesem Jahr auf die englischen Besucher eingeschossen, auch in Internetforen erregen sich die Einheimischen.Der Engländer, in dieser seiner ungeliebten Form, ist vor allem der „Stag“ (Hirsch) samt Gefolgschaft. So heisst der angehende Bräutigam, der mit seinen Kumpels beim Junggesellenabschied noch mal ordentlich zecht, oft mehrtägig. Auch die „Hen“, die künftige Braut, verbringt die letzten Tage vor der Vermählung im Kreise ihrer Freundinnen. Dieser Brauch hat sich in den letzten Jahren von einem Tee-Kränzchen mit versteckten sexuellen Anspielungen zu einem Sauf-Gelage emanzipiert, bei dem der männliche Stripper als Höhepunkt der Feier nicht fehlen darf. Dank der aufkommenden Billigflüge und des Preisunterschieds für Alkoholika wird diese altenglische Tradition seit einigen Jahren ins Ausland ausgelagert, vor allem nach Osteuro-pa, mittlerweile findet nur noch jede dritte Stag-Party in englischen Pubs statt.Die deutlichsten Spuren dieses Booms finden sich in Prag. Dort haben sich um den Wenzelsplatz Gogo-Bars und Straßenstrich angesiedelt, typische Endziele eines kernigen Stag-Abends. In Riga und Tallinn kam es durch das ausufernde Treiben schon zu Protestaktionen und zu einer antibritischen Stimmung.Das verwundert nicht. Schaut man auf die Webseiten der Stag-Veranstalter mit teils aussagekräftigen Namen wie „Praguepissup“, so wird dort geradezu herausgefordert, sich danebenzubenehmen: „Be a bad guy in the eastern block.“ Illustriert werden solche Sprüche mit Bildern von angetrunkenen Männern im Sportdress, dazu Fotos von hübschen Frauen der Gastländer in aufreizenden Posen. Laut Unterzeilen warten diese in den angesagten Clubs nur auf die englischen Gäste. Neben Alkohol und Sex wird unisono mit Gokart-Fahrten, Schießen und Paintball geworben. Auf Eigenheiten der Gastländer gehen die Veranstalter meist wenig ein, vielmehr pflegt man James-Bond-Fantasien von Osteuropa so steht eine Blondine mit dem Sowjet-Stern auf der Fellmütze und einem Revolver für das Stag-Revier „Warschau“: Das Erleben des Vertrauten, nicht das Kennenlernen des anderen ist Sinn des Unternehmens eine Stag- Party ist eine sehr selbstreferentielle Angelegenheit. Auch die Verkleidung als Borat, eigentlich eine Figur, welche die Ressentiments des Westens entlarven sollte, dient dem internen Spaß, vielleicht auch der Provokation.Die Krakauer trifft das Betragen solcher Gäste wohl besonders schmerzlich. Die ehemalige Hauptstadt gilt als die Perle des Landes, seit 1978 UNESCO-Weltkulturerbe, ein Aushängeschild. Es ist die Wirkungsstätte des damaligen Erzbischofs Karol Woytila, der sich erfolgreich gegen die Zurückdrängung der Kirche im sozialistischen Polen wehrte. Auf die bürgerlichen und aristokratischen Traditionen ist man hier stolz, die Stalin mit der Errichtung des Industriekombinats „Nowa Huta“ proletarisieren wollte. Wohl in keinem anderen Land war die Zugehörigkeit zum Westen so selbstverständlich wie in Polen, Krakau war die Stadt der Jazzclubs, die von Besuchern aus anderen Blockstaaten als subversive Orte bestaunt wurden. Nun streckt ihnen im vereinigten Europa die britische Working Class mit russischen Fellmützen bedeckt das blanke Hinterteil entgegen.In der kneipenreichen Altstadt haben viele Lokale darum beschlossen, mittels klobiger Türsteher den Zugang der Hirsche einzuschränken, um ihren guten Ruf und die Stammkundschaft zu erhalten. So der Manager des angesagten Klubs „Prozac“: „Ja, diese britischen Gruppen sind ein Problem, wir versuchen das etwas zu filtern.“ Diese Einschränkungen der polnischen Gastfreundschaft bekommt auch Daniel, Bankangestellter aus Leeds, zu spüren. Er steht vergeblich mit Johnny, dem Stag im lila Fußballdress, und anderen moderat angetrunkenen Engländern vor einem Musikklub an. Gleichzeitig werden andere Gäste eingelassen, wie die jungen, aufgekratzten Frauen mit bunten, spitzen Hütchen: ein Trüppchen „Hens“. Die 20 Männer aus Nordengland sind jedoch bereits an sieben Türen abgewiesen worden.„Klar, wir sind laut und trinken viel“, so Daniel, „aber wir tun niemandem was und lassen doch unser Geld hier. Teilweise lassen sie auch zu viel Geld. Denn später werden sie doch noch in den Kellerklub „Prozac“ eingelassen, wo ihnen dann der doppelte Preis für Longdrinks an der Bar abgenommen wird. Das Wort „discrimination“ macht darauf die Runde. Mark Bradshaw, Brite und Chefredakteur des Online-Stadtfühers „Cracow-Life“ erregt sich über solche Praktiken. Engländer würden in Krakau über einen Kamm geschoren, da Schilder wie „Hier keine betrunkenen Engländer“ vor Kneipen hingen. Dabei machten die Sauftouristen nur einen kleinen Teil der Gäste von der Insel aus. Zudem, so entwarnt Bradshaw, gäbe es nicht die Rotlicht-Infrastruktur, die das wirklich harte Publikum zum Wohlfühlen benötige. Tatsächlich sind Gogo-Bars und Bordelle in die Randlage der Bistumsstadt gebannt. Doch Bier fließt in der südpolnischen Metropole in Strömen, der riesige Marktplatz ist lückenlos von Straßencafés umrahmt, in fast jedem Keller der spätgotisch bis barocken Gebäude der Altstadt lädt mindestens eine Kneipe oder ein Klub zum Konsum alkoholischer Getränke.Mit der „größten Kneipendichte der Welt“ warb die Stadt bis vor Kurzem noch ganz offiziell. Doch innerhalb des Rathauses wurde im vergangenen Sommer heftig über das Selbstbild gestritten. So hatte Krakau seine 750-Jahrfeier mit einem Plakat beworben, auf dem der Danziger Neptun, der Thorner Kopernikus und die Warschauer Meerjungfrau verkatert auf dem Marktplatz herumsitzen. Darunter die Zeile: „Krakau feiert, es ist schwer, zu sich zu kommen.“ Ganz zu schweigen von dem Bierpreisplakat, für das auch das investigative Nachrichtenmagazin Polityka keine Verantwortlichen ausmachen konnte. Schießlich, so spottet die Zeitschrift, würde Krakau gern zu einem zweiten Salzburg werden, wolle nun durch Musik- und Theaterfestivals andere Gäste anlocken.In den neuen Plakaten der Stadt sollen nun die kulturellen Sehenswürdigkeiten wieder einen besonderen Stellenwert erhalten, so Filip Szatanik, Pressesprecher der Stadt. Das akute Imageproblem will er kleinreden: Die schwierigen Besucher würden nur ein Promille der acht Millionen Gäste ausmachen. Allerdings hat die Stadt eine Art Benimm-Flyer konzipiert, der auf dem Flughafen und in Hotels ausliegt. Neben den Verweisen auf die Sehenswürdigkeiten wurden grundlegende Anstandsregeln zum Besuch der Stadt aufgelistet, dass ab 22 Uhr Nachtruhe herrscht, das Trinken in der Öffentlichkeit verboten ist und Betrunkenen kein Alkohol ausgeschenkt werden darf. Auch das britische Konsulat hat ein entsprechendes Faltblatt herausgegeben und erinnert dort, dass die Ausnüchterungszelle in Krakau mit 42 britischen Pfund zu begleichen ist. Die Veranstalter der Stag-Partys wollen die Schwierigkeiten mit ausfälligen Briten lieber nicht wahrhaben. Auf Anfrage wurden zwar gelegentlicher Ärger in Polen und den baltischen Staaten eingeräumt, doch seien ansonsten die „Locals“,so wurde betont, sehr „happy“ und „gratefull“ über das Geld.Vielleicht ist das ein wichtiger Aspekt des Problems – dass die britischen Alkoholtouristen glauben,­ ihren Respekt den „Locals“ gegenüber allein durch Geld vermitteln zu müssen, denn davon lassen sie bei ihrem Konsum genug da. Schließlich ist England das Land calvinistischer Kaufleute, in der Gestik und Symbolik wenig zählen, ganz im Gegensatz zum katholischen Polen. Geht etwas zu Bruch, dies räumen auch die empörten Kellnerinnen und Hotelbediensteten ein, wird ohne Diskussion der materielle Schaden beglichen. Das Stag-Treiben gilt als schnelllebiges Geschäft, und wie die Briten gerne von Kneipe zu Kneipe wandern, mögen doch die ganzen Gruppen in die Metropolen weiter ostwärts ziehen. Dies hofft zumindest Presseprecher Szatanik, der in der neuen Klubszene von Sofia und Bukarest die gewünschte Entlastung für Krakau sieht. Doch so schnell wird der Ruf von der hohen Kneipendichte Krakaus kaum in Großbritannien verhallen. 
 

 

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