Politik der Träume und Mühen

Olaf Schwencke, Ausgabe IV/2008, Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch



Kultur ist die Essenz des europäischen Gesellschaftsmodells – über 60 Jahre Europäische Kulturpolitik

Es ist ungewöhnlich, dass ein offizielles Dokument der EU-Kommission, die „Mitteilung über eine europäische Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung“ vom Mai 2007, mit folgendem Motto eingeleitet wird: „Kultur ist die Gesamtheit aller Träume und Mühen, die auf die volle Entfaltung des Menschen ausgerichtet sind.“ An diesem Zitat des Vordenkers einer europäischen Kulturpolitik, Denis de Rougemont (1906-1979), wird erkennbar, dass sich die EU-Kommission in der Kulturpolitik nicht allein durch Förderprogramme engagiert, sondern zunehmend daran interessiert ist, auch einen „Überbau“ zu entwickeln: Der Rückgriff auf Texte von de Rougemont belegt die Renaissance eines Europa der Kulturen aus der Zeit der der ersten Nachkriegsjahre, in die nun auch die Europäische Union einstimmt. Das geschieht mit einer beachtlichen „Kulturagenda“ im „Zeichen der Globalisierung“. Was will die Kulturagenda inner- wie außereuropäisch bewirken? Indem sie den kulturellen Reichtum und die kulturelle Vielfalt Europas zur Geltung bringt, unterstreicht sie, „dass die Kultur unverzichtbar ist“, wenn die EU ihre Ziele „Wohlstand, Solidarität und Sicherheit“ verwirklichen will. Die Ziele der Agenda sind auf drei Maßnahmen ausgerichtet: die Förderung der kulturellen Vielfalt und des interkulturellen Dialogs die Förderung der Kultur als Katalysator für Kreativität und die Förderung der Kultur als eines wesentlichen Bestandteils der internationalen Beziehungen der Europäischen Union. Seit dem Jahr 2000 haben sich die EU-Förderprogramme zur Sicherung und Vertiefung von kultureller Vielfalt und interkulturellem Dialog bereits erfolgreich ausgewirkt. Auch im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft kann die Kommission von großen Erfolgen berichten: Kein anderer Wirtschaftszweig hat sich in den letzten Jahren, auch durch Strukturmittel oder das Programm der Kulturhauptstadt, so erfolgreich entwickelt. Beachtlich ist der dritte Förderschwerpunkt. Erstmals wird systematisch aufgelistet, welche aussenkulturpolitischen Ziele die EU verfolgen will. Priorität misst sie der Verfolgung der Zieleder UNESCO-Konvention zum „Schutzund der Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ als „neuer Säule globalen Regierens und der nachhaltigen Entwicklung“ zu. Dass die EU-Kommission mit dieser Agenda Neuland betritt und sich damit auch gesellschaftspolitisch profiliert hat, wird in nahezu allen Stellungnahmen aus dem europäischen wie den nationalen Parlamenten und von Wissenschaftsseite übereinstimmend attestiert. Über ihre globale Bedeutung als Wirtschaftsmacht hinaus will die EU nun auch „als einmaliges und erfolgreiches soziales und kulturelles Projekt“ wahrgenommen werden, was sie künftig unter Beweis zu stellen hat. Die EU hat dafür bereits einen umfassenden Dialog mit Vertretern der nationalen Kulturpolitiken begonnen, der durch die offene Methode der Koordinierung weitergeführt wird.Der 50 Jahre lange Weg von den „Römischen Verträgen“, die den Begriff „Kultur“ nicht kannten, bis zur Kulturagenda war ein äußerst steiniger, und dennoch ein kontinuierlicher. Das wird mit dem Verweis auf de Rougemont belegt. Der Schlussbericht der Enquete-Kommission für „Kultur in Deutschland“ (2007) datiert den Beginn europäischer Kulturpolitik auf die Gründung des Europarats 1949 und seine Kulturkonvention von 1954. Das Nachdenken, was europäische Kulturpolitik sein könnte – ein essenzieller Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft und zu ihrer Modernisierung – begann weit eher. Auf dem ersten Europa-Kongress in Den Haag (1948) hatte der Kultur-Berichterstatter de Rougemont formuliert: „Wenn auch die direkten Gründe für die (angestrebte) Einheit wirtschaftlicher und politischer Natur sind, so ist doch gleichermaßen sicher, dass die Einheit Europas vor allem kultureller Natur ist, wenn man diesen Begriff in seiner umfassenden Bedeutung anwendet. Sie macht die Größe Europas aus.“ An diesem Kongress nahmen 800 prominente Delegierte aus fast allen europäischen Ländern teil. In der Schlusserklärung wird bereits auf den globalen Friedensaspekt verwiesen: „Die Schaffung eines vereinten Europas ist ein wesentlicher Beitrag zur Schaffung einer geeinten Welt.“ In seinem Weitblick unterstreicht de Rougemont die Bedeutung der Kultur für den Einigungsprozess, indem er sich entschieden von dem seinerseits gängigen konservativen Kulturbegriff in Westeuropa abwendet: „Kultur gibt dem Leben, der Arbeit, der Freizeit und den Beziehungen zwischen den Menschen eine Bedeutung. Sie ist nicht nur Erbe, sondern eine gemeinsame Art zu leben und zu schöpfen in Übereinstimmung mit einer allgemeinen Auffassung des Menschen, seiner Würde und seiner Bestimmung.“ Der Europarat, dessen Bedeutung für eine europäische Kulturpolitik der Bericht der Enquete-Kommission für Kultur in Deutschland zu Recht hervorhebt, brauchte mehr als 20 Jahre, um mit dem Dokument „Zukunft und kulturelle Entwicklung“ von 1972 dort anzukommen die EU noch viel länger. Ob die EU mit ihrer Kulturagenda wirklich in de Rougemonts Fußstapfen tritt, wird sich in der täglichen Arbeit zeigen. Die Absicht ist vorhanden und damit ein Erfolg, von dem in den vergangenen sechs Jahrzehnten manchmal kaum zu träumen war. 
 

 

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