Vom Hassdiskurs zum Massenmord

Mihran Dabag, Ausgabe IV/2007, Frauen, wie geht's?



Der französische Politologe Jacques Sémelin analysiert Phänomene extremer Gewalt

Die seit den frühen 1970er Jahren in anglo-amerikanischen Forschungskontexten entstandenen Comparative Genocide Studies hatten sich zum Ziel gesetzt, die historischen Forschungen zu Holocaust und kollektiver Gewalt durch einen vergleichenden Zugriff und durch eine Einbeziehung soziologischer und sozialpsychologischer Ansätze zu ergänzen. Kennzeichnend waren dabei zunächst einerseits die Methode des Vergleichs von Einzelfällen auf der Ereignisebene und andererseits Versuche, sämtliche Genozide und Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts vergleichend zu beobachten.


 Diesen Forschungsimpuls aufnehmend – und ihn zugleich überschreitend –, hat sich in den vergangenen zehn Jahren insbesondere auch im deutschen Kontext eine Linie der Genozidforschung etabliert, die explizit Strukturcharakteristika in den Blick nahm. Das jüngst in der Hamburger Edition erschienene Buch von Jacques Sémelin scheint bei einer ersten Betrachtung diesen Leitlinien zu folgen. Anhand von drei historischen Beispielen (der Shoah, dem Genozid in Ruanda und der Gewaltpolitik in Bosnien während der 1990er Jahre) führt Sémelin einen breiten Katalog von Einzelaspekten an, die er vergleichend zu untersuchen beabsichtigt: die Bedeutung von Ideologien politische Legitimationsmuster den jeweiligen Kontext internationaler Politik, in denen die Gewalt stattfand die innere Dynamik der Gewaltpolitik Fragen nach dem jeweiligen Profil der Tätergruppen und der Einzeltäter. Der zweite Blick zeigt jedoch, dass Sémelin statt einer sorgsamen Erörterung dieser Einzelaspekte eher pauschalisierende Fallvergleiche anbietet, so dass die Analysen selbst schließlich überaus kursorisch, manchmal auch oberflächlich ausfallen. 


 Das theoretisch-methodische Kostüm, in das Sémelin seine Studie kleidet, ist insgesamt recht grobmaschig gewebt. Bewegt scheint er vor allem von der Frage nach der eigent-lichen Ursache des Gewalthandelns, denn wie können, so eine seiner zentralen Fragen, »Hassdiskurse« in »Massenmord« umschlagen? Um eine Antwort auf diese Fage nach der Gewaltmotivationen der Täter zu finden, bemüht er die Psychoanalyse. 


 Allerdings werden diese Untersuchungen nur äußerst selektiv rezipiert und verarbeitet. Besonders deutlich wird dies in der Auseinandersetzung mit Freud, dessen Beitrag zum »Verständnis der Gewalt« Sémelin als »enttäuschend« empfindet. Diese Enttäuschung erweist sich dabei jedoch weniger als Resultat einer mangelhaften Qualität der Freudschen Studien als vielmehr das Ergebnis von Sémelins extrem verkürzter und im Detail unrichtiger Darstellung der Erörterungen Freuds zu Aggression und Aggressionsneigung. Erstaunlich ist dabei, dass Sémelin die in diesem Zusammenhang zentralen Studien, so »Zeitgemäßes über Krieg und Tod« (1915) oder »Das Unbehagen in der Kultur« (1930), unberücksichtigt lässt. Dabei prüft Freud gerade in Letzterer die Frage einer »natürlichen« Aggressionsneigung vor dem Hintergrund sozialer Bedürfnis- und Befriedigungsaspekte und verbindet gezielt den triebtheoretischen mit einem handlungstheoretischen Ansatz. Dadurch stößt Freud auf ein auch im Kontext genozidaler Identitätspolitik wichtiges Element, das Sémelin übersieht: nämlich auf Destruktionsenergien, die aus der Furcht vor Entfremdung des Selbst entfesselt werden. 


 Bei seiner Suche nach Antworten auf die Frage nach der menschlichen Aggressivität thematisiert Sémelin überdies die vielleicht sogar einflussreichere psychoanalytische Aggressionstheorie Alfred Adlers genauso wenig wie die Ergebnisse der umfangreichen psychologischen Aggressionsforschung (unter anderem Bandura, Dollard, Miller et al., Berkowitz).


 Ein zweiter, höchst kritisch zu betrachtender Aspekt ist Sémelins Auseinandersetzung mit dem Begriff »Genozid«, den er für eine in diesem Kontext untaugliche Kategorie hält und lieber durch die Begriffe »Massenmord« oder »Massaker« ersetzt sehen möchte. Sémelin kritisiert den normativen Charakter des Genozid-Begriffs, der seiner Herkunft aus dem Völkerrecht geschuldet sei. Auch sei der Begriff zu einem »Kampfbegriff« geworden, der letztlich für Interessenpolitiken der Opfergemeinschaften missbraucht werde. Hier zeigt sich die ganze Problematik seines Werks. Statt den Zentralbegriff der Genozidforschung zu schärfen und ihn in differenzierenden Analysen als operationalisierbares Konzept zu etablieren, tendiert Sémelin dazu, diese Kategorie aufzugeben und durch einen weitgehend unkonturierten Begriff wie »Massenmord« zu ersetzen. Dabei wäre es gerade die Aufgabe der Forschungen über kollektive Gewalt und Genozid, die charakteristischen Strukturen und Zielsetzungen unterschiedlicher Gewaltpolitiken wie Krieg, Bürgerkrieg, Vertreibung, Massaker, »ethnische Säuberung« und schließlich Genozid zu differenzieren. Nicht, um diese in ein Ranking, in eine Hierarchisierung des Schreckens zu überführen, sondern um den unterschiedlichen Formen kollektiver Gewalt wissenschaftlich Rechnung zu tragen.

Säubern und Vernichten. Die politische Dimension von Massakern und Völkermorden. Von Jacques Sémelin. Hamburger Edition, Hamburg 2007 (Paris 2005).

 

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