Jørn Riel nimmt Abschied von Ilulissat in Grönland

Jørn Riel, Ausgabe IV/2007, Frauen, wie geht's?



An jenem Morgen fühlte ich Wehmut, als ich auf der Schlittenspur von Ilulissat weg und Richtung Inlandeis fuhr. Eine Wehmut, die plötzlich entstand und die nicht verstanden oder erklärt sein wollte. Die Wärme der Schlafpritsche saß noch im Körper, die Wärme der Felle, die bald verschwunden sein würde. Die Wärme von Najaqs Lächeln würde den ganzen Tag über anhalten.
Der Schlitten holperte geräuschvoll über das Packeis am Strand, und die Kufen zeichneten zwei Schnitte in das frische Eis des Fjordes. Die Hunde trabten mit erhobenen Schwänzen, eifrig einem neuen Jagdtag entgegen strebend. Die Junghunde liefen verwirrt von einer Seite zur anderen, bis sie ein älterer Hund mit leisem Knurren und belehrend entblößtem Eckzahn zurechtwies.
In der Ferne über dem Drachenrücken des Inlandeises begann sich der Himmel zu röten. Ein schmaler Streifen aus Rot, Orange und Golden. Ein leuchtendes Band, das sich oben ausbreitete in einem kunstvollen blassgrünen Faltenwurf, der die Sterne verblassen ließ und der Kimm die Form eines gebogenen Frauenmessers verlieh.
Ich fuhr in den Ilulissatfjord hinein. Dem Sermersuaq entgegen, dem Inlandeis, dessen lange grauweiße Zunge an den verwitterten Bergen leckte, und das wie gewaltige Inseln in das stille Wasser des Fjordes stürzte.
Wehmut erfüllte mich bei dem Gedanken an meine Abreise. Und ich sah Ilulissat im

„Frühlingshut
Mit Trauerflor
Und Winter an den Füßen
Das Gesicht nass von Tränen
Weil ich aufbrechen muss.

Hinter mir weint die Siedlung
Ihre rosa Tränen.“

Aus dem Dänischen von Annalena Heber

 

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